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W.J.T. Mitchell ist ein amerikanischer Literatur- und Kunstwissenschaftler (geb. 1942), der mit dem Konzept des Pictorial Turn (1992) den Iconic Turn in den Kulturwissenschaften formulierte und mit Büchern wie Iconology (1986) und Picture Theory (1994) die Grundlagen einer modernen Bildwissenschaft (Visual Culture Studies) legte.

Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Medientheoretiker · Niveau: Fortgeschritten Geboren: 24. März 1942, Anaheim, Kalifornien · Nationalität: Amerikanisch · Hauptwerk: Picture Theory (1994); What Do Pictures Want? (2005)


Wer ist W.J.T. Mitchell?

Walter John Thomas Mitchell wurde 1942 in Anaheim, Kalifornien, geboren. Er studierte an der Michigan State University und promovierte 1968 an der Johns Hopkins University in Englischer Literatur. Seit 1977 lehrt er an der University of Chicago, wo er heute als Gaylord Donnelley Distinguished Service Professor of English and Art History tätig ist. Er war von 1992 bis 2016 Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift Critical Inquiry, dem wichtigsten Forum für theoretische Kulturwissenschaft im englischsprachigen Raum.

Mitchell kommt ursprünglich aus der Literaturwissenschaft und wurde zum Bildtheoretiker durch sein Interesse an der Beziehung zwischen Wort und Bild. Sein Werk ist charakterisiert durch interdisziplinäre Weite: Er verbindet Literaturtheorie, Kunstgeschichte, politische Philosophie und Medientheorie.


Kernthesen & Hauptwerke

Der Pictorial Turn (1992) In einem einflussreichen Essay in der Zeitschrift Artforum (1992) formulierte Mitchell den Begriff des Pictorial Turn: die These, dass die Kultur- und Geisteswissenschaften nach dem Linguistic Turn (der Dominanz der Sprachtheorie) nun einem Bild-Turn unterworfen sind. Bilder sind nicht mehr nur Illustrationen von Texten oder Zeichen innerhalb von Sprache; sie sind eigenständige kulturelle Objekte mit eigener Logik, Geschichte und Wirkungsweise.

Mitchell grenzte sich dabei von dem parallelen Begriff des Iconic Turn ab, den der Kunsthistoriker Gottfried Boehm (1994) unabhängig formulierte. Beide Konzepte beschreiben dieselbe kulturwissenschaftliche Wende, betonen aber unterschiedliche Aspekte: Boehm (Phänomenologie des Bildblicks) vs. Mitchell (diskursive, politische und rhetorische Dimensionen des Bildes).

Iconology (1986) In diesem frühen Werk analysierte Mitchell die Geschichte der westlichen Bildtheorie – von Gotthold Ephraim Lessings Laokoon (1766) über Edmund Burkes Philosophical Enquiry bis zu Rudolf Arnheims Visual Thinking. Er untersuchte, wie Bild-Text-Hierarchien in der westlichen Ästhetik konstruiert wurden: Warum wurde das Sprachliche dem Bildlichen übergeordnet? Welche ideologischen und geschlechterpolitischen Implikationen hat diese Hierarchie?

Picture Theory (1994) Mitchells wichtigstes theoretisches Werk. Er untersucht, was er Imagetext nennt: die untrennbare Verflochtenheit von Bild und Text in Kunstwerken, Medien und Alltagskultur. Kein Bild kommt ohne Sprachkontext aus; kein Text ist frei von Bildern. Mitchell analysiert Metabilder – Bilder, die über Bilder nachdenken – und entwickelt eine Theorie der visuellen Kultur als komplexes Geflecht von Bild-Text-Relationen.

What Do Pictures Want? (2005) In diesem zugänglichen Werk verfolgt Mitchell eine ungewöhnliche Frage: Was wollen Bilder? Er behandelt Bilder nicht als bloße Objekte, sondern als quasi-lebendige Entitäten, die Wünsche, Begierden und Forderungen zu haben scheinen. Das ist keine animistische These, sondern eine methodische Strategie: Wir verstehen Bilder besser, wenn wir fragen, welche Reaktionen sie von uns verlangen.

Dieser Ansatz erlaubt eine neue Sicht auf Bildphänomene: Ikonen, die verehrt oder verbrannt werden; Fahnen, für die Menschen sterben; Medienbilder, die politische Mobilisierung auslösen.

Cloning Terror (2011) Im Anschluss an 9/11 und den „War on Terror" analysierte Mitchell, wie Bilder (z. B. die Twin Towers, Osama Bin Ladens Bild, Abu Ghraib-Fotos) politische Bedeutung produzierten und wie Terror und Klon-Technologie als kulturelle Ängste zusammenhängen.

Hauptwerke im Überblick

JahrWerkKerngedanke
1986Iconology: Image, Text, IdeologyBild-Text-Hierarchien historisch
1992The Pictorial Turn (Essay)Formulierung des Pictorial Turn
1994Picture TheoryImagetext, Metabild, visuelle Kultur
2005What Do Pictures Want?Bilder als quasi-lebendige Entitäten
2011Cloning TerrorBilder und politische Gewalt

Bedeutung für die Medienpraxis

Visuelle Kommunikation und Content Design: Mitchells Imagetext-Konzept erklärt, warum rein visuelle oder rein textuelle Kommunikation selten optimal ist: Bilder und Texte interagieren immer, und diese Interaktion muss bewusst gestaltet werden. Für Art Directors, Grafikdesigner und Kommunikationsdesigner ist das eine grundlegende Erkenntnis.

Politische Bildkommunikation: What Do Pictures Want? ist ein praktisches Analysekonzept für politische Kommunikation: Welche Bilder mobilisieren, welche beruhigen, welche provozieren? Die Analyse politischer Ikonen (Obama-Poster, Trump-Bilder, Kriegsfotos) ist eine Mitchellsche Aufgabe.

Social-Media-Bildanalyse: In einer Welt, in der Bilder als Memes zirkulieren, auf neue Kontexte angewandt werden und virale Wirkung entfalten, ist Mitchells Frage nach den „Begierden" von Bildern hochaktuell. Memes sind Imagetext-Objekte par excellence.

Werbung und Markenbild: Das Verhältnis von Bild und Text in Werbung ist ein klassisches Anwendungsfeld. Mitchells Analyse, dass Bilder nicht neutrale Illustrationen von Texten sind, sondern eigenständige Bedeutungsebenen, informiert Werbegestaltung und Markenbildung.


Vergleich & Kritik

Mitchell und Gottfried Boehm (Ikonische Differenz, 1994) sind die zwei wichtigsten Vertreter der bildwissenschaftlichen Wende – deutsch (Boehm) und angloamerikanisch (Mitchell). Boehm ist phänomenologisch orientiert; Mitchell ist diskursanalytisch und politisch.

Roland Barthes und Mitchell teilen das Interesse an der Analyse von Bild-Text-Verhältnissen; Barthes' Semiotik ist ein wichtiger Bezugspunkt für Mitchells Arbeit. Mitchell entwickelt Barthes' Ansatz in Richtung politischer Bildtheorie weiter.

Susan Sontag analysierte Fotografie ethisch-politisch; Mitchell analysiert Bilder generell kulturtheoretisch. Beide sind für eine vollständige Visual-Culture-Theorie notwendig.

Kritikpunkte:

  • Anthropomorphisierung: Die These, Bilder hätten „Wünsche" (What Do Pictures Want?), wird von manchen als methodisch problematische Metapher kritisiert.
  • Anglozentrismus: Mitchells Visual Culture Studies sind stark im angloamerikanischen akademischen Kontext verankert; die Verbindung zur deutschsprachigen Bildwissenschaft (Boehm, Belting) ist bei aller gegenseitiger Rezeption unvollständig.
  • Literaturbias: Mitchells literaturwissenschaftliche Herkunft führt dazu, dass er Bild-Text-Relationen manchmal mehr Aufmerksamkeit schenkt als rein bildlichen Phänomenen.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Pictorial Turn? Der Begriff bezeichnet die kulturwissenschaftliche Wende hin zur Bildanalyse als eigenständige Methode und Problemstellung. Nach dem Linguistic Turn, der Sprachlichkeit als Grundlage aller Bedeutungsproduktion betonte, erkennt der Pictorial Turn, dass Bilder eine eigene, nicht auf Sprache reduzierbare Logik, Geschichte und politische Wirksamkeit haben.

Was ist ein Metabild? Ein Bild, das selbst über die Natur von Bildern reflektiert – das Bilder zeigt, wie Bilder fungieren, oder Fragen über Visualität stellt. Velázquez' Las Meninas ist ein klassisches Metabild; Magrittes Ceci n'est pas une pipe ebenfalls. Auch viele Medienbilder sind metabildlich: ein Foto, das eine Pressekonferenz zeigt, in der Bilder gezeigt werden.

Was unterscheidet den Pictorial Turn vom Iconic Turn? Mitchell formulierte den Pictorial Turn aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive und betont diskursive, rhetorische und politische Dimensionen. Gottfried Boehm formulierte unabhängig den Iconic Turn aus kunsthistorisch-phänomenologischer Perspektive und betont die spezifische Eigenlogik des Bildes als Sichtbarmachung. Beide Begriffe werden heute oft synonym verwendet.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Mitchell, W.J.T.: Picture Theory: Essays on Verbal and Visual Representation. University of Chicago Press, Chicago 1994.
  • Mitchell, W.J.T.: What Do Pictures Want? The Lives and Loves of Images. University of Chicago Press, Chicago 2005.
  • Mitchell, W.J.T.: Iconology: Image, Text, Ideology. University of Chicago Press, Chicago 1986.
  • Mitchell, W.J.T.: The Pictorial Turn. In: Artforum 30 (7), 1992, S. 89–94.
  • Boehm, Gottfried (Hg.): Was ist ein Bild? Fink, München 1994.
  • Sachs-Hombach, Klaus (Hg.): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.
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