Agnès Varda, geboren als Arlette Varda (* 30. Mai 1928, Ixelles, Belgien – † 29. März 2019, Paris) war eine belgisch-französische Filmregisseurin, Fotografin und bildende Künstlerin, die als Großmutter der Nouvelle Vague gilt und über sechs Jahrzehnte hinweg ein einzigartiges, feministisch geprägtes Filmwerk schuf.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: „Oma der Nouvelle Vague", Varda la cinéaste
Biografie
Agnès Varda wurde 1928 in Belgien geboren und wuchs in Frankreich auf. Sie studierte Kunstgeschichte und Fotografie und wurde 1951 Hoffotografin des Théâtre National Populaire unter Jean Vilar, was ihr ein tiefes Verständnis von Bild und Komposition vermittelte. Ohne jemals formale Filmausbildung genossen zu haben, drehte sie 1954/55 ihr Spielfilmdebüt La Pointe-Courte – ein poetisches Doppelporträt einer Ehe und eines Fischereidorfes, das von vielen Filmhistorikern als erstes Werk der Nouvelle Vague bezeichnet wird, obwohl er noch vor Godards und Truffauts Debüts entstand.
Ihr bekanntester Film, Cléo von 5 bis 7 (Cléo de 5 à 7, 1962), begleitet in Echtzeit eine Sängerin durch Paris, die auf das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung wartet. Der Film ist ein formales Kunststück – fast in Echtzeit gedreht, mit einem fluktuierenden Blick zwischen Schwarzweiß und Farbe – und ein frühes Manifest des weiblichen Blicks im Kino.
Varda war mit dem Regisseur Jacques Demy (Die Regenschirme von Cherbourg) verheiratet; nach seinem Tod 1990 drehte sie mehrere persönliche Dokumentarfilme über sein Werk. In ihren Spätjahren erkundete sie neue Formen: Die Sammler und die Sammlerin (Les Glaneurs et la glaneuse, 2000) war ein Dokumentarfilm, den sie mit einer winzigen Digitalkamera alleine drehte. Kurz vor ihrem Tod entstand Visages Villages (2017), ein Roadmovie-Kunstprojekt mit dem Streetart-Künstler JR, das für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert wurde. Sie starb 2019 im Alter von 90 Jahren in Paris.
Filmstil & Ästhetik
Varda ist schwer einem einzigen Stil zuzuordnen – sie war neugierig, spielerisch und weigerte sich, auf eine Methode festgelegt zu werden. Ihre Spielfilme sind von literarischer Verdichtung und formaler Raffinesse geprägt; ihre Dokumentarfilme zeichnen sich durch eine persönliche, essayistische Stimme aus, die die Kamera als Instrument der Selbstbefragung und des sozialen Engagements nutzt.
Thematisch interessierte sie sich für Frauen als Subjekte – nicht als Objekte des Blicks, sondern als Trägerinnen von Wahrnehmung und Urteil. Auch Alter, Erinnerung, Verlust und die Schönheit des Gewöhnlichen sind wiederkehrende Motive. In ihren Spätwerken trat sie selbst immer häufiger vor die Kamera und machte die eigene Körperlichkeit und das eigene Alter zum Thema.
Wichtige Filme (Auswahl)
- La Pointe-Courte (1955)
- Ô saisons, ô châteaux (Kurzfilm, 1957)
- Cléo von 5 bis 7 (Cléo de 5 à 7, 1962)
- Le Bonheur (1965)
- Eine singt, die andere nicht (L'Une chante, l'autre pas, 1977)
- Vogelfrei (Sans toit ni loi, 1985)
- Die Sammler und die Sammlerin (Les Glaneurs et la glaneuse, 2000)
- Die Strände von Agnès (Les Plages d'Agnès, 2008)
- Visages Villages (Faces Places, 2017)
Einfluss & Bedeutung
Agnès Varda hat das feministische Kino nicht nur als Produzentin, sondern als Denkerin geprägt. Ihre Überzeugung, dass Film ein Instrument des Sehens ist und dass das Geschlecht desjenigen, der die Kamera hält, den Blick fundamentell verändert, beeinflusste Generationen von Filmemacherinnen. Von Julie Dash und Chantal Akerman bis zu Céline Sciamma – der feministische Blick im Kino hat bei Varda eine Wurzel.
Zudem war sie ein Vorbild für künstlerische Langlebigkeit: Sie drehte bis wenige Monate vor ihrem Tod und blieb dabei formal experimentierfreudig und politisch engagiert.
Auszeichnungen (Auswahl)
- Cannes: Goldener Löwe der Jury für Vogelfrei (1985)
- Oscar: Ehrenoscar für ihr Lebenswerk (2017)
- César: Bester Dokumentarfilm für Die Sammler und die Sammlerin (2001)
- BAFTA-Nominierung für Visages Villages (2018)
- Europäischer Filmpreis: Auszeichnung für ihr Lebenswerk
Häufige Fragen (FAQ)
*Warum gilt Cléo von 5 bis 7 als feministisches Meisterwerk? In den meisten Filmen der 1960er Jahre ist die Frau Objekt des Blicks. In Cléo von 5 bis 7* ist sie das blickende Subjekt: Wir sehen Paris durch ihre Augen, erleben ihre Wahrnehmung von Zeit und Körper, ohne das Urteil eines männlichen Blicks. Damit brach Varda eine fundamentale Konvention des Kinos.
Was macht Vardas Dokumentarfilme so besonders? Varda filmt nicht über Menschen, sondern mit ihnen. Sie schafft ein Klima gegenseitigen Vertrauens und zeigt ihre eigene Neugier und Unsicherheit als Teil des Films. In Les Glaneurs reflektiert sie über das Sammeln als Metapher fürs Altern, für Verlust und Kreativität – indem sie sich selbst beim Filmemachen zeigt, macht sie den Prozess transparent.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Alison Smith: Agnès Varda. Manchester University Press, 1998.
- T. Jefferson Kline: Agnès Varda: Interviews. University Press of Mississippi, 2014.
- Criterion Collection: Cléo de 5 à 7, Vagabond (criterion.com)
