George Orson Welles ( 6. Mai 1915, Kenosha, Wisconsin – † 10. Oktober 1985, Los Angeles) war ein US-amerikanischer Filmregisseur, Schauspieler, Drehbuchautor und Theaterregisseur, dessen Debütfilm Citizen Kane* (1941) bis heute regelmäßig als der bedeutendste Film der Geschichte gelistet wird und der trotz eines langen Kampfes gegen Hollywood-Produktionssysteme ein einzigartiges filmisches Erbe hinterließ.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: „Das Wunderkind von Hollywood", „der amerikanische Shakespeare"
Biografie
Orson Welles wurde 1915 in Kenosha, Wisconsin, als Sohn eines Erfinders und einer Konzertpianistin geboren. Ein Wunderkind in dem Sinne, der diesen Begriff überschreitet: Er las Shakespeare mit sechs Jahren, malte, spielte Geige und Trompete, und wurde mit 16 Jahren nach Irland eingeladen, wo er sich ohne Einladung dem berühmten Gate Theatre in Dublin vorstellte und engagiert wurde. In New York machte er sich als Theaterregisseur einen Namen; sein voodoo-inspirierter Macbeth (1936) mit einem afroamerikanischen Ensemble und seine Caesar-Inszenierung (1937) erregten beträchtliches Aufsehen.
Im Hörfunk wurde Welles zu einer nationalen Berühmtheit: Seine 1938er Radioadaption von H.G. Wells' Krieg der Welten wurde von einem Teil des Publikums für eine echte Meldung über eine Marsianer-Invasion gehalten und soll kurzzeitig massenhafte Panik ausgelöst haben. RKO Pictures lud ihn daraufhin nach Hollywood und bot ihm einen Vertrag mit beispielloser künstlerischer Freiheit an.
Das Ergebnis war Citizen Kane (1941): Die Geschichte des Medienmoguls Charles Foster Kane (eine Verschlüsselung des Pressekönigs William Randolph Hearst), erzählt in einer Rückblendenkonstruktion von dazzlierender formaler Brillanz. Hearst versuchte mit allen Mitteln, den Film zu unterdrücken. Citizen Kane floppte an der Kinokasse, gewann aber den Oscar für das Drehbuch und begründete Welles' ewigen Ruhm.
Der Rest seines Lebens war ein langer Kampf: Hollywood misstraute diesem brillanten Außenseiter, der Budgets und Pläne ignorierte. Viele seiner Projekte blieben unvollendet; The Magnificent Ambersons (1942) wurde von RKO ohne sein Wissen geschnitten. Welles arbeitete in Europa, spielte Schauspielrollen für andere Regisseure (Der dritte Mann, 1949), um seine eigenen Projekte zu finanzieren, und schuf immer wieder Meisterwerke: Othello (1952), Touch of Evil (1958), Chimes at Midnight/Falstaff (1965). Er starb 1985, während er an mehreren unvollendeten Projekten arbeitete.
Filmstil & Ästhetik
Welles revolutionierte die Filmsprache durch einen beispiellosen Einsatz von Tiefenschärfe (gemeinsam mit Kameramann Gregg Toland): Alle Ebenen des Bildes – Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund – sind gleichzeitig scharf. Dies ermöglicht eine völlig andere Form der Mise-en-scène, bei der räumliche Verhältnisse direkt bedeutungstragend werden. Welles nutzte zudem extreme Untersichten, ausgedehnte Montagetricks und einen Umgang mit Zeit und Raum, der Hollywood-Konventionen brach.
Seine Geschichten handeln oft von Machtfiguren und ihrem Fall: Citizen Kane, Othello, Falstaff, Touch of Evil – alle kreisen um Männer, die durch ihre eigene Hybris scheitern. Das Thema des Verlustes des Unschuldigen und die Korruption durch Macht ist das Leitmotiv seines Werks.
Wichtige Filme (Auswahl)
- Citizen Kane (1941): Medienmogul rückblickend betrachtet; „Rosebud"; gilt oft als bester Film aller Zeiten.
- The Magnificent Ambersons (1942): Verfall einer aristokratischen Familie; von RKO nachträglich verstümmelt.
- The Stranger (Der Fremde, 1946): Nazi im amerikanischen Kleinstadtleben; Welles' kommerziell erfolgreichster Film.
- The Lady from Shanghai (1947): Film Noir; mit Rita Hayworth (damals Welles' Ehefrau); Spiegellabyrinths-Sequenz.
- Othello (1952): Shakespeare auf Schlössern in Marokko und Italien gedreht; Palme d'Or Cannes.
- Touch of Evil (1958): Korrupter Grenzpolizist (Welles selbst); legendäre Eröffnungs-Plansequenz.
- Chimes at Midnight / Falstaff (1965): Shakespeare-Kompilation um Falstaff; Welles' eigener Lieblingsfilm.
- F for Fake (F wie Fälschung, 1973): Essayfilm über Fälscher, Täuschung und Kunst; Welles' letzter vollendeter Film.
Einfluss & Bedeutung
Citizen Kane ist das meistanalysierte, meistdiskutierte und meistgelehrte Werk der Filmgeschichte. Kein anderer Film hat so viele Regisseure zu ihrem Beruf inspiriert oder so direkt in die Sprache des modernen Kinos eingegriffen. Die Tiefenschärfe-Fotografie, die nichtlineare Erzählstruktur, die expressionistischen Kamerawinkel – all das wurde zum Standardrepertoire des internationalen Films.
Welles als Person ist zugleich Legende und Tragödie: das größte Talent Hollywoods, das das System nie vollständig für sich nutzen konnte. Seine unvollendeten Projekte – The Other Side of the Wind, posthum montiert und 2018 veröffentlicht – zeigen, dass sein Geist bis zum Tod produktiv blieb. Spielberg, Coppola, Scorsese – alle nennen ihn als entscheidenden Einfluss.
Auszeichnungen (Auswahl)
- Oscar für Bestes Originaldrehbuch für Citizen Kane (1942, gemeinsam mit Herman J. Mankiewicz)
- Palme d'Or, Cannes, für Othello (1952)
- Ehren-Oscar „für Kreativität und Exzellenz in der Filmkunst" (1971)
- AFI Life Achievement Award (1975)
Häufige Fragen (FAQ)
*Warum gilt Citizen Kane als bester Film aller Zeiten? Citizen Kane* wird in fast allen Kritikerumfragen auf Platz eins oder zwei gelistet, weil er wie kein anderer Film formale Innovation mit menschlicher Tiefe verbindet. Die nichtlineare Struktur, die Tiefenschärfefotografie, die Verwendung von Rückblenden als Erinnerungsschichten und die psychologische Komplexität des Protagonisten waren 1941 revolutionär und haben ihre Wirkung nicht verloren. Außerdem stellt der Film Fragen – Was formt einen Menschen? Kann Macht glücklich machen? – die zeitlos sind.
Warum konnte Welles trotz seines Genies so wenige Filme realisieren? Welles hatte ein notorisch schwieriges Verhältnis zu Hollywood-Produktionssystemen: Er überzog Budgets, ignorierte Zeitpläne und weigerte sich, Kompromisse einzugehen. Studios misstrauten ihm nach frühen schlechten Erfahrungen. Er finanzierte viele Projekte selbst durch Schauspielarbeit, was bedeutete, dass er oft mit minimalen Mitteln und sporadischen Dreharbeiten über Jahre arbeitete. Das Ergebnis: ein kleines, aber ungeheur bedeutsames Oeuvre und mehrere Fragmente, die posthum zusammengesetzt wurden.
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Weiterführend
- Simon Callow: Orson Welles: The Road to Xanadu, Jonathan Cape, 1995
- The Criterion Collection, Welles-Retrospektive: criterion.com
