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Rainer Werner Fassbinder (* 31. Mai 1945, Bad Wörishofen – † 10. Juni 1982, München) war ein deutscher Filmregisseur, Drehbuchautor, Schauspieler und Theaterleiter, der in nur 16 Jahren über 40 Kinofilme und Fernsehproduktionen schuf und zu den produktivsten und bedeutendsten europäischen Filmemachern des 20. Jahrhunderts zählt.

Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: „RWF", „der Zerstörer und Neuerfinder des deutschen Kinos", „der Wunderknabe von München"

Biografie

Rainer Werner Fassbinder wurde 1945 in Bad Wörishofen als Sohn eines Arztes und einer Übersetzerin geboren. Seine Eltern ließen sich früh scheiden; er wuchs überwiegend bei seiner Mutter auf, die – da sie viel arbeitete – ihn häufig ins Kino schickte, damit er beschäftigt war. So wurde das Kino zu seinem eigentlichen Zuhause und seiner Schule. Besonders amerikanische Melodramen – Douglas Sirk, Nicholas Ray – faszinierten den jungen Fassbinder.

Er besuchte die Schauspielschule Fridl-Leonhard in München und versuchte vergeblich, an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin aufgenommen zu werden. Stattdessen gründete er 1967 das „antiteater" in München, eine Theatergruppe, die provokante, politisch radikale Stücke produzierte und für die er Drehbücher, Inszenierungen und Performances entwickelte.

Sein Spielfilmdebüt Liebe ist kälter als der Tod (1969) eröffnete eine ungeheure schöpferische Periode: In den frühen 1970er Jahren entstanden manchmal bis zu fünf Filme pro Jahr. Fassbinder nutzte sein festes Ensemble – Hanna Schygulla, Irm Hermann, Günter Lamprecht – wie ein Theater. Mit Angst essen Seele auf (1974) erreichte er internationale Anerkennung: Die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen einer älteren deutschen Putzfrau und einem marokkanischen Gastarbeiter ist zugleich zarte Liebesgeschichte und scharfe Gesellschaftskritik.

Sein Meisterwerk Berlin Alexanderplatz (1980) – eine 15½-stündige TV-Adaption von Alfred Döblins Roman – gilt als einer der Höhepunkte des deutschen Fernsehschaffens. Fassbinder lebte exzessiv, arbeitete bis zur körperlichen Erschöpfung und starb 1982 an einem Herzversagen infolge von Drogen- und Alkoholmissbrauch. Er wurde 37 Jahre alt und hinterließ eines der dichtesten Oevres der Filmgeschichte.

Filmstil & Ästhetik

Fassbinder orientierte sich bewusst am Melodram des Hollywood-Kinos der 1950er Jahre, insbesondere an Douglas Sirk (Was der Himmel erlaubt, Solange du da bist), und nutzte dessen emotionale Intensität und visuelle Artifizialität als kritisches Werkzeug: Indem er Melodramen über gesellschaftliche Außenseiter – Gastarbeiter, Homosexuelle, alte Frauen, Prostituierte – drehte, entlarvte er die Schicht-und Ausgrenzungsstrukturen der Bundesrepublik.

Seine Bildsprache ist bewusst artifiziell: Rahmen innerhalb von Rahmen (Türrahmen, Fenstergitter), saturierte Farben, extreme Perspektiven. Diese formale Distanz schafft beim Zuschauer emotionale Beteiligung und kritische Reflexion zugleich. Thematisch blieb Fassbinder Fragen von Macht, Abhängigkeit, Sehnsucht und gesellschaftlicher Unterdrückung treu.

Wichtige Filme (Auswahl)

  • Katzelmacher (1969): Griechischer Gastarbeiter in einer deutschen Siedlung; mit Minimal-Budget und schematisierten Einstellungen.
  • Der Händler der vier Jahreszeiten (1972): Gescheiterter Obstverkäufer; Fassbinder beginnt, Douglas Sirks Melodramstil zu übernehmen.
  • Angst essen Seele auf (Ali: Fear Eats the Soul, 1974): Deutsch-marokkanische Liebesgeschichte; Fassbinders international bekanntester Film.
  • Fontane Effi Briest (1974): Adaption des Theodor-Fontane-Romans; konsequent artifiziell inszeniert.
  • Die Ehe der Maria Braun (1979): Beginn der BRD-Trilogie; Hanna Schygulla als Frau, die das Wirtschaftswunder überlebt.
  • Lola (1981): Zweiter Teil der BRD-Trilogie; satirisches Sittenbild der Adenauer-Ära.
  • Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982): Dritter Teil der BRD-Trilogie; Goldener Bär Berlin; melancholisches Noir über eine vergessene Filmschauspielerin.
  • Berlin Alexanderplatz (1980): 15½-Stunden-Epos nach Döblin; Fernsehserie in 13 Teilen plus Epilog.
  • Querelle (1982): Letzter Film; Adaption von Genet; surreal-erotisch.

Einfluss & Bedeutung

Fassbinder ist die wohl einflussreichste Figur des Neuen Deutschen Films und einer der produktivsten Filmemacher der Filmgeschichte überhaupt. Sein Einfluss reicht von Todd Haynes (Far from Heaven, 2002, ein direktes Sirk-Fassbinder-Hommage) über Pedro Almodóvar bis François Ozon. Die Verbindung von politischer Kritik und emotionaler Zugänglichkeit, die er im Melodramrahmen schuf, ist ein Modell, das bis heute Schule macht.

Seinen radikalen Produktionsrhythmus – manchmal ein Film pro Monat – und seinen Umgang mit einem festen Ensemble machten sein Kino zu einem Hybrid aus Theater und Film, der bis heute inspiriert. Posthum wurden viele seiner Werke restauriert und neu entdeckt; er gilt heute in der Filmwissenschaft als einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts.

Auszeichnungen (Auswahl)

  • Goldener Bär, Berlinale, für Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982)
  • Silberner Bär, Berlinale, für mehrere Werke
  • Deutschen Filmpreis (mehrfach)

Häufige Fragen (FAQ)

Warum drehte Fassbinder so viele Filme in so kurzer Zeit? Fassbinder hatte ein exzessives Arbeitsethos und lehnte die Vorstellung ab, zwischen Projekten Pause zu machen. Er nutzte ein festes Ensemble, arbeitete oft mit minimalen Budgets, und schrieb seine Drehbücher in kürzester Zeit – manchmal in wenigen Tagen. Zudem trieb ihn ein Bewusstsein der Vergänglichkeit an: Er ahnte früh, dass er nicht alt werden würde, und wollte möglichst viel realisieren. Dieses Tempo hatte einen Preis: Fassbinder schlief kaum, lebte exzessiv und starb mit 37 Jahren.

Was ist das Melodram als kritisches Instrument bei Fassbinder? Das klassische Hollywood-Melodram der 1950er Jahre (Sirk, Minnelli) nutzte emotionale Überwältigung, um gesellschaftliche Konventionen zu bestätigen. Fassbinder übernahm dieselbe formale Sprache – große Gefühle, kunstvoll inszenierte Bilder, sentimentale Situationen – aber füllte sie mit Inhalten, die das Bürgertum konfrontierten: Gastarbeiter, Homosexualität, Drogenabhängigkeit. Das Ergebnis: Der Zuschauer wird emotional einbezogen, bevor er verstanden hat, dass er zur Empathie mit einer gesellschaftlich marginalisierten Person eingeladen wird.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Thomas Elsaesser: Rainer Werner Fassbinder, BFI, 1996
  • Fassbinder Foundation, Frankfurt: fassbinderfoundation.de
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