Werner Herzog ( 5. September 1942, München; lebt in Los Angeles) ist ein deutscher Filmregisseur, Drehbuchautor, Schauspieler und Produzent, der mit Werken wie Aguirre – Der Zorn Gottes und Fitzcarraldo* das internationale Kino mit einer unvergleichlichen Mischung aus physischer Radikalität, philosophischem Abenteuer und visionärem Extremismus bereichert hat.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: „Der Besessene von München", „Extremist des Kinos", Freund und Antagonist von Klaus Kinski
Biografie
Werner Stipetić – so sein bürgerlicher Name – wurde 1942 in München geboren und verbrachte seine Kindheit in der abgelegenen Bergregion Sachrang in Oberbayern ohne Strom und Telefon. Diese Isolation, kombiniert mit der Nachkriegsarmut, prägte sein späteres Bild von Natur als unbezwingbarer, der Zivilisation feindlicher Kraft. Mit 14 Jahren sah er seinen ersten Film und beschloss sofort, Regisseur zu werden.
Herzog war Autodidakt: Er besuchte keine Filmschule, sondern finanzierte seine ersten Kurzfilme als Teenager durch Nachtschichten in einer Stahlhütte. Sein Spielfilmdebüt Lebenszeichen (1968) wurde in Deutschland enthusiastisch aufgenommen. Der internationale Durchbruch gelang mit Aguirre – Der Zorn Gottes (1972): Klaus Kinski als wahnsinnig gewordener Conquistador im peruanischen Dschungel – unter Bedingungen, die so extrem waren, dass Herzog zugab, Kinski mehr als einmal mit einer Waffe bedroht zu haben, um die Arbeit zu vollenden.
Die Dreharbeiten zu Fitzcarraldo (1982) – der Geschichte eines Mannes, der ein Dampfschiff über einen Bergrücken im Amazonas-Regenwald schleppt, ohne Spezialeffekte und mit einem echten Schiff – wurden von Les Blank in der Dokumentation Burden of Dreams (1982) festgehalten und sind selbst Legende. Herzog arbeitete immer wieder mit Klaus Kinski zusammen, eine Beziehung aus gegenseitiger Faszination und offenem Hass, die er in Mein liebster Feind (1999) dokumentierte.
Seit den 1990er Jahren hat Herzog seinen Schwerpunkt zunehmend auf Dokumentarfilme verlegt: Grizzly Man (2005), Encounters at the End of the World (2007) und Cave of Forgotten Dreams (2010) sind international hoch beachtet. Er lebt heute in Los Angeles und arbeitet kontinuierlich als Regisseur, Schauspieler und Sprecher.
Filmstil & Ästhetik
Herzog unterscheidet in seiner Filmtheorie zwischen der „buchhalterischen Wahrheit" – dem, was sich wirklich ereignet hat – und der „ekstatischen Wahrheit", die er im Kino sucht: eine tiefere, visionäre Wahrheit, die nur durch die subjektive Intensität des Filmens erfahrbar wird. Seine Dokumentarfilme sind daher nie objektiv; der Off-Kommentar (oft von ihm selbst gesprochen) ist immer dezidiert subjektiv und philosophisch.
In seinen Spielfilmen liebt er Extremzustände: Wahn, Besessenheit, Größenwahn. Seine Protagonisten sind Männer (selten Frauen), die gegen die Natur und gegen ihre eigenen Grenzen kämpfen – und fast immer scheitern. Die Natur bei Herzog ist keine idyllische Kulisse, sondern eine gleichgültige, entmenschlichende Kraft: „Das Universum ist stumm und die Natur ist nicht unschuldig."
Wichtige Filme (Auswahl)
- Aguirre – Der Zorn Gottes (1972): Klaus Kinski als wahnsinniger Konquistador im Dschungel; auf 16mm mit minimalem Budget gedreht.
- Jeder für sich und Gott gegen alle (Kaspar Hauser, 1974): Geschichte des wilden Kindes; Goldener Sonderpreis Cannes.
- Stroszek (1977): Berliner Trinker wandert in die USA aus; schwarze Tragikomödie.
- Nosferatu – Phantom der Nacht (1979): Remake von Murnaus Klassiker; Klaus Kinski als Vampir.
- Fitzcarraldo (1982): Visionär lässt ein Schiff über den Bergrücken ziehen; Beste Regie Cannes.
- Cobra Verde (1987): Letzter Herzog-Kinski-Film; Sklavenhändler in Westafrika.
- Mein liebster Feind (Mein liebster Feind – Klaus Kinski, 1999): Dokumentarfilm über die Zusammenarbeit mit Kinski; faszinierend und erschreckend.
- Grizzly Man (2005): Dokumentation über Timothy Treadwell, den von Bären getöteten Bären-Enthusiasten.
- Cave of Forgotten Dreams (2010): 3D-Dokumentation über die Chauvet-Höhle; älteste bekannte Höhlenmalerei.
- Into the Abyss (2011): Dokumentation über Todesstrafe; Interview mit einem zum Tode Verurteilten.
Einfluss & Bedeutung
Herzog ist eine der eigenwilligsten Stimmen des Weltkinos und eine wichtige Figur des Neuen Deutschen Films der 1970er Jahre – neben Wenders und Fassbinder. Sein Konzept des „ekstatischen Films" und seine Weigerung, zwischen Dokumentar- und Spielfilm streng zu unterscheiden, haben nachhaltig auf Filmemacher wie Errol Morris und Joshua Oppenheimer gewirkt.
International ist er einer der bekanntesten deutschen Filmemacher überhaupt. Seine Persönlichkeit – philosophisch, exzentrisch, mit trockenem Humor – macht ihn auch als öffentliche Figur, Podcaster und Schauspieler (u. a. in The Mandalorian) zu einer Ikone.
Auszeichnungen (Auswahl)
- Goldener Sonderpreis, Cannes, für Jeder für sich und Gott gegen alle (1975)
- Beste Regie, Cannes, für Fitzcarraldo (1982)
- Bayerischer Filmpreis (mehrfach)
- Deutsches Filmband in Gold (mehrfach)
Häufige Fragen (FAQ)
Was meint Herzog mit der „ekstatischen Wahrheit"? Herzog unterscheidet zwischen der dokumentarischen Tatsachenwahrheit und einer tieferen „ekstatischen Wahrheit": einer Intensität des Ausdrucks, die erst durch den subjektiven Blick des Filmemachers entsteht. Ein Dokumentarfilm, der nur Fakten sammelt, erzeugt für Herzog keine Erkenntnis; erst der leidenschaftliche, subjektive Kommentar und die Wahl extremer Situationen erschließen eine tiefere Dimension der Wirklichkeit.
Wie war die Beziehung zwischen Werner Herzog und Klaus Kinski wirklich? Herzog und Kinski arbeiteten fünfmal zusammen und verband eine Mischung aus gegenseitiger Bewunderung und offenem Konflikt. Kinski war notorisch unberechenbar und tyrannisch am Set; Herzog behauptete, ihn mehrfach mit der Waffe bedroht zu haben. Gleichzeitig war Herzog überzeugt, dass Kinskis manische Energie genau das Richtige für seine Rollen war. Der Dokumentarfilm Mein liebster Feind (1999) gibt einen ehrlichen, manchmal zärtlichen, manchmal erschreckenden Einblick in diese Beziehung.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen, Carl Hanser Verlag, 2004 (Tagebuch zu Fitzcarraldo)
- Werner Herzog Filmography & Official Site: wernerherzog.com
