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Honorarkalkulation ist die systematische Berechnung des eigenen Stunden- oder Tagessatzes auf Basis tatsächlicher Kosten, angestrebtem Gewinn und realistischer Auslastung – die Grundlage fairer und wirtschaftlich tragfähiger Preisgestaltung für Kreativschaffende.

Rubrik: Soft Skills & Berufspraxis · Unterrubrik: Karriere & Selbstvermarktung · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Stundensatz-Berechnung, Preiskalkulation, Tagessatz, Projekthonorar

Was ist Honorarkalkulation?

Zu niedrige Preise gefährden die wirtschaftliche Existenz; zu hohe Preise verlieren Aufträge. Honorarkalkulation ist die unternehmerische Disziplin, mit der kreative Selbständige diesen Spagat meistern. Viele Berufseinsteiger orientieren sich an Mitbewerbern oder persönlichem Gespür – ein gefährlicher Ansatz, der die eigenen Kosten systematisch ausblendet. Eine solide Kalkulation beginnt immer mit einer vollständigen Kostenanalyse.

Erklärung

Kostenbasierte Stundensatz-Formel

Die grundlegende Formel für den Mindeststundensatz lautet:

Mindeststundensatz = (Jahreskosten gesamt + Gewinnzuschlag) ÷ fakturierbare Stunden pro Jahr

Schritt 1 – Jahreskosten ermitteln:

  • Lebenshaltungskosten (Miete, Lebensmittel, Mobilität, Krankenversicherung, Altersvorsorge)
  • Betriebliche Fixkosten (Büro, Equipment, Software, Versicherungen, Steuerberatung, Weiterbildung)
  • Faustregel: Für Kreative in Deutschland sind 4.000–5.500 Euro/Monat als Gesamtbedarf realistisch, je nach Wohnort und Lebensstil.

Schritt 2 – Fakturierbare Stunden berechnen: Dies ist der am häufigsten unterschätzte Faktor. Ein Arbeitsjahr hat 52 Wochen à 40 Stunden = 2.080 Stunden. Davon abzuziehen:

  • Urlaub: 4–6 Wochen (160–240 Stunden)
  • Krankheitstage: ca. 10 Tage (80 Stunden)
  • Administration, Buchhaltung, Akquise: ca. 20–25 % der Arbeitszeit
  • Nicht-abrechenbare Nacharbeit, Korrekturen: ca. 10 %

Ergebnis: Realistisch sind 900–1.100 fakturierbare Stunden pro Jahr für einen Solo-Freelancer, nicht 2.080.

Schritt 3 – Stundensatz berechnen: Beispiel: Jahreskosten 60.000 Euro + 15.000 Euro Gewinnzuschlag = 75.000 Euro ÷ 1.000 Stunden = 75 Euro/Stunde Mindestsatz (netto).

AGD-Richtwerte als Marktorientierung

Die Allianz deutscher Designer (AGD) veröffentlicht jährlich aktualisierte Orientierungswerte für Stunden- und Tagessätze. Stand 2023: Empfohlene Tagessätze für Designer liegen je nach Spezialisierung und Erfahrung zwischen 500 und 1.500 Euro. Diese Werte sind keine Preisfestlegung, sondern dienen der Orientierung und stärken die kollektive Verhandlungsposition der Branche.

Ähnliche Orientierungswerte bieten die Deutsche Journalisten-Union (dju) für redaktionelle Tätigkeiten sowie der Verband Freier Lektorinnen und Lektoren (VFLL) für Lektorats- und Korrektoratsleistungen.

Projekthonorar vs. Stundensatz

Pauschalen für abgegrenzte Projekte haben Vorteile: Kunden wissen im Voraus, was sie zahlen; Kreative haben einen Anreiz, effizient zu arbeiten. Wichtig: Projektpauschalen müssen gut kalkuliert sein und klare Leistungsgrenzen (Scope) plus Regelungen für Nacharbeitsschleifen enthalten. Eine Übliche-Formulierung lautet: „Im Honorar sind zwei Korrekturschleifen enthalten. Weitere Änderungen werden zum Stundensatz von [X] Euro abgerechnet."

Nutzungsrechte separat kalkulieren

Viele Kreative vergessen, dass das Honorar für die Kreationsleistung und die Einräumung von Nutzungsrechten getrennt zu betrachten sind. Eine Fotografie für eine nationale Werbekampagne hat einen völlig anderen Nutzungsrechtswert als ein Architekturfoto für die Hauswebsite eines kleinen Unternehmens. Die MFM (Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing) veröffentlicht jährlich Bildhonorar-Richtwerte.

Beispiele

  • Fotograf, 3 Jahre Berufserfahrung: Monatlicher Bedarf 3.800 Euro + Altersvorsorge 400 Euro + Betriebskosten 600 Euro = 4.800 Euro/Monat = 57.600 Euro/Jahr. Plus 20 % Gewinn = 69.120 Euro. ÷ 1.050 Stunden = ca. 66 Euro/Stunde netto.
  • Senior UX-Designerin: Tagessatz 850 Euro bei 180 Arbeitstagen/Jahr = 153.000 Euro Bruttoumsatz, davon 30–35 % für Steuern und Betriebskosten – verbleibend ca. 99.450–107.100 Euro netto.

In der Praxis

Preise niemals auf Zuruf nennen. Nimm dir Zeit für die Kalkulation jedes Projekts. Erstelle ein schriftliches Angebot mit klarer Leistungsbeschreibung.

Preiserhöhungen kommunizieren: Jährliche Preisanpassungen (z. B. 3–5 % entsprechend Inflation) sind legitim und sollten regelmäßig Stammkunden gegenüber kommuniziert werden – am besten drei Monate im Voraus.

Vergleich & Abgrenzung

MethodeVorteilNachteil
StundenbasiertTransparentRisiko: langsames Arbeiten wird belohnt
ProjektpauschalePlanungssicherheitScope-Creep-Risiko
Value-based PricingHöchste MargeSchwierig zu kommunizieren
RetainerStabile EinnahmenWenig Flexibilität

Häufige Fragen (FAQ)

Kann ich meinen Stundensatz nachträglich erhöhen? Ja, gegenüber neuen Kunden sofort, bei Bestandskunden mit angemessener Vorankündigung (branchenüblich 6–8 Wochen).

Was tun, wenn Kunden den Preis drücken wollen? Leistungen reduzieren statt Preis senken: „Für dieses Budget kann ich X liefern, nicht Y." Preisnachlässe ohne Leistungsreduktion entwerten die eigene Arbeit langfristig.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • AGD Allianz deutscher Designer: AGD-Honorarempfehlung für Design-Leistungen. agd.de, 2023
  • MFM Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing: Bildhonorare. mfm.de, 2024
  • Deutsche Journalisten-Union: Honorarempfehlungen freie Journalisten. dju.verdi.de, 2023
  • Bramann, G. & Schulz, C.: BWL für Kreative. Haufe, 2020
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