Backstory (Vorgeschichte) bezeichnet die Gesamtheit aller relevanten Ereignisse, Erfahrungen und Beziehungen einer Figur oder einer fiktiven Welt, die vor Beginn der eigentlichen Handlung liegen und das Handeln der Figuren motivieren.
Rubrik: Storytelling & Konzeption · Unterrubrik: Dramaturgie · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Vorgeschichte, Hintergrundgeschichte, Figurenhistorie, Exposition der Vergangenheit
Was ist Backstory?
Jede Figur hat eine Vergangenheit, bevor die Geschichte beginnt. Diese Vergangenheit erklärt, warum sie so handelt, wie sie handelt, was sie fürchtet, was sie will und welche Wunden sie trägt. Die Backstory ist nicht das, was erzählt wird, sondern das, was das Erzählte trägt. Eine Figur ohne Backstory ist eine Funktion des Plots – eine Figur mit Backstory ist ein Mensch.
Erklärung
Backstory vs. Handlung: Die Backstory liegt zeitlich vor der eigentlichen Handlung (Story). Sie ist das, was passiert ist, bevor die Geschichte beginnt. In In Media Res-Erzählungen beginnt die Geschichte mitten in der Handlung, und die Backstory wird nachgereicht – entweder durch Flashbacks, Dialog, Objekte oder atmosphärische Details.
Selektives Enthüllen: Nicht alle Backstory muss erzählt werden. Im Gegenteil: Ein häufiger Fehler bei Anfängerinnen und Anfängern ist das Info-Dumping – lange Erklärungen, die alles erklären, bevor es relevant wird. Die Kunst liegt darin, Backstory-Informationen genau dann zu enthüllen, wenn sie emotional am wirksamsten sind.
Mehrere Schichten der Backstory:
1. Persönliche Backstory: Was hat die Figur erlebt? Trauma, Erfolg, Verlust, Liebe, Verrat? Diese Erfahrungen formen ihre Weltsicht, ihre Ängste und ihre Stärken. Im Drehbuchschreiben spricht man von dem „Ghost" einer Figur (Vogler) – dem prägenden Ereignis der Vergangenheit, das die Figur durch die gesamte Geschichte verfolgt.
2. Beziehungs-Backstory: Was ist die Geschichte zwischen zwei Figuren, bevor wir sie sehen? Ein Ehepaar, das seit zwanzig Jahren zusammen ist, trägt diese zwanzig Jahre in jede Szene – auch wenn nur drei Sätze davon explizit erzählt werden.
3. Weltliche Backstory: Die Geschichte der fiktiven Welt vor Beginn der Handlung. In Fantasy und Science Fiction besonders relevant – Kriege, Religionen, politische Ereignisse, die die aktuelle Situation bedingen.
Methoden der Backstory-Vermittlung:
- Dialog: Figuren sprechen über Vergangenes. Riskant: kann zu Infodump werden. Besser: Vermittlung als Konflikt oder Subtext.
- Objekte / Requisiten: Ein altes Foto, ein Brief, eine Narbe. Show Don't Tell in Reinform.
- Flashback: Direktes Zeigen der Vergangenheit. Effektiv, wenn das gezeigte Ereignis emotional zum aktuellen Moment passt.
- Subtext: Was die Figur nicht sagt, verrät ihre Geschichte. Eine Figur, die nie über ihre Familie spricht, erzählt dadurch etwas über ihre Backstory.
- Verhalten: Wie eine Figur reagiert, offenbart ihre Geschichte. Eine Figur, die bei lauten Geräuschen zusammenzuckt, hat eine Geschichte mit Gewalt.
Iceberg-Theorie (Hemingway): Hemingway beschrieb das Prinzip, dass ein Autor alles über seine Figuren wissen sollte, aber nur ein Siebtel davon zeigen muss. Die anderen sechs Siebtel geben der sichtbaren Geschichte ihr Gewicht.
Beispiele
- The Dark Knight (2008): Batmans gesamte psychologische Komplexität entsteht aus seiner Backstory (Ermordung der Eltern). Sie wird nie vollständig erzählt, aber sie trägt alles.
- Schindlers Liste (1993): Schindlers Wandlung von opportunistischem Geschäftsmann zum Retter ist nur glaubwürdig durch seine Backstory als Kriegsprofiteur.
- Casablanca (1942): Rick und Ilsas Pariser Vergangenheit erklärt ihr gesamtes Verhalten im Film. Die Backstory wird dosiert enthüllt.
- Werbung Old Spice „Isaiah Mustafa" (2010): In 30 Sekunden wird durch visuelle Signale eine ganze Welt und eine implizite Backstory etabliert.
- Citizen Kane (1941): Der gesamte Film ist eine Rekonstruktion der Backstory einer verstorbenen Figur – Rückblenden als dramaturgisches Fundament.
In der Praxis
Schreibe für jede Hauptfigur eine Biografie von mindestens zwei Seiten – auch wenn nichts davon explizit im Skript auftaucht. Dieses Wissen verändert, wie du die Figur schreibst, auch wenn es der Leser nie erfährt.
Übung: Wähle eine Szene aus deinem aktuellen Projekt. Frage: Was hat die Hauptfigur in den letzten fünf Jahren erlebt, das sie dazu gebracht hat, in dieser Situation zu sein? Welche zwei Details aus dieser Vergangenheit könntest du subtil in die Szene einweben?
Tipp: Die wirksamste Backstory-Enthüllung ist die, die kommt, wenn das Publikum sie am meisten braucht – im Moment höchster emotionaler Aufladung, nicht als Infodump zu Beginn.
Vergleich & Abgrenzung
Im Gegensatz zur Exposition (die aktuelle Handlungsvoraussetzungen erklärt) beschreibt die Backstory die Figurenvergangenheit. In Media Res ist die Technik, mit der Backstory nachträglich vermittelt wird. Show Don't Tell ist das Handwerksprinzip, nach dem Backstory am wirksamsten transportiert werden sollte.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie setze ich Backstory in meinem Drehbuch um? Vermeide den Informationsblock am Anfang. Enthülle Backstory in dem Moment, in dem sie für die aktuelle Situation relevant wird. Jede Backstory-Enthüllung sollte gleichzeitig den aktuellen Konflikt vertiefen – nicht nur informieren.
Wie viel Backstory braucht eine Figur? Jede Hauptfigur braucht eine vollständige Biografie im Kopf des Autors. Im Text selbst sollte nur so viel erscheinen, wie nötig ist, um das Handeln der Figur verständlich und emotional nachvollziehbar zu machen. Nebenfiguren können mit einer Backstory-Andeutung auskommen.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Vogler, Christopher: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Zweitausendeins, Frankfurt 1997.
- Weiland, K.M.: Creating Character Arcs. PenForASword Publishing, 2016.
- Hemingway, Ernest: Tod am Nachmittag. Rowohlt, Reinbek 1957 (orig. 1932) – zur Eisbergtheorie.
