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Transmedia Storytelling ist eine Erzählstrategie, bei der eine fiktionale Welt über mehrere Medienkanäle entfaltet wird — wobei jedes Medium einen eigenständigen, nicht-redundanten Beitrag zur Gesamtgeschichte leistet.

Rubrik: Storytelling & Konzeption · Unterrubrik: Dramaturgie · Niveau: Fortgeschritten


Was ist Transmedia Storytelling?

Der Begriff wurde von Henry Jenkins geprägt und in seinem Buch Convergence Culture (2006) theoretisch fundiert. Jenkins definiert Transmedia Storytelling als Praxis, bei der integrale Elemente einer Fiktion systematisch über mehrere Medienkanäle verteilt werden — mit dem Ziel einer koordinierten und einheitlichen Unterhaltungserfahrung.

Das Entscheidende dabei ist das Wort "eigenständig": In einer echten Transmedia-Strategie ist jede Medienversion in sich abgeschlossen und genießbar, liefert aber gleichzeitig neue Informationen über die Welt, die das Gesamtverständnis vertiefen. Wer nur einen Kanal konsumiert, erlebt eine vollständige Geschichte. Wer mehrere Kanäle kombiniert, erlebt die tiefere, reichhaltigere Version.


Erklärung

Abgrenzung: Transmedia vs. Cross-Media vs. Adaption

Diese drei Begriffe werden häufig verwechselt:

Adaption: Dieselbe Geschichte wird von einem Medium ins andere übertragen. Ein Roman wird zum Film. Die Geschichte bleibt dieselbe; das Medium wechselt. Kein zusätzlicher narrativer Mehrwert.

Cross-Media / Multi-Platform: Inhalte werden auf mehreren Plattformen veröffentlicht, aber der Inhalt ist redundant — auf jedem Kanal wird im Wesentlichen dasselbe erzählt. Social-Media-Posting eines TV-Spots ist Cross-Media, kein Transmedia.

Transmedia Storytelling: Verschiedene Medien erzählen verschiedene, aber zusammenhängende Teile einer größeren Geschichte. Das Publikum muss aktiv zwischen Kanälen wechseln, um die vollständige Welt zu verstehen.

Die dramaturgische Logik des Transmedia

Warum sollte eine Geschichte über mehrere Medien verteilt werden? Es gibt dramaturgische und strategische Gründe:

Dramaturgisch:

  • Komplexe Welten (Storyworlds) können nicht in einem einzigen Medium vollständig entfaltet werden.
  • Nebencharaktere, alternative Zeitlinien, Vorgeschichten können in separaten Medien erzählt werden, ohne den Hauptstrang zu belasten.
  • Verschiedene Medien ermöglichen verschiedene Erzählperspektiven: Der Film zeigt Spektakel; der Roman liefert innere Zustände; das Game ermöglicht Handlungsentscheidungen.

Strategisch:

  • Audience Engagement: Transmedia aktiviert Communities, die sich über die verschiedenen Teile der Geschichte austauschen.
  • IP-Erweiterung: Ein bewährtes Narrativ kann auf neue Märkte und Zielgruppen ausgedehnt werden.
  • Monetarisierung: Jeder Kanal ist ein eigenes Umsatzfeld.

Die Grammatik des Transmedia Storytelling

Jenkins identifizierte in späteren Arbeiten (2009) sieben Grundprinzipien:

  1. Spreadability vs. Drillability: Manche Elemente sind breit verbreitbar (viral, zugänglich); andere laden zu tiefem Tauchen ein (Lore, Easter Eggs).
  2. Continuity vs. Multiplicity: Kohärente, widerspruchsfreie Welt (Continuity) vs. alternative Versionen (Multiplicity / What-if-Varianten).
  3. Immersion vs. Extractability: Die Welt kann im Vergnügungspark oder im Game erlebt werden (Immersion) oder Elemente der Welt dringen in die Realität ein (Extractability — Merchandise, Fashion).
  4. World Building: Die Welt ist größer als jede einzelne Geschichte. Das Publikum entdeckt immer neue Winkel.
  5. Seriality: Nicht alles wird auf einmal geliefert; die Geschichte entfaltet sich über Zeit.
  6. Subjectivity: Verschiedene Charakterperspektiven werden in verschiedenen Medien erzählt.
  7. Performance: Das Publikum wird zur aktiven Teilnahme eingeladen (Fan Fiction, Communities, ARGs — Alternate Reality Games).

Das Storyworld-Konzept

Das Herzstück des Transmedia Storytelling ist die Storyworld (auch Fictional Universe): die konsistente Welt mit eigenen Gesetzen, Geschichte, Geographie, Figuren und Kulturen, die alle narrativen Elemente beherbergt.

Eine Storyworld ist größer als jede Geschichte, die in ihr erzählt wird. Das Tolkien-Universum existiert unabhängig von den spezifischen Geschichten um Frodo oder Bilbo. Das macht es transmedia-fähig: Neue Geschichten können in derselben Welt erzählt werden, ohne die bestehenden Narrative zu verdrängen.

Für das Design einer Storyworld braucht es eine Story Bible: Das Regelwerk für Serien & Franchises: Das Regelwerk, das allen beteiligten Autoren und Produzenten vorgibt, was in dieser Welt möglich und konsistent ist.


Beispiele

Das Marvel Cinematic Universe (MCU): Das kanonische Beispiel für Transmedia Storytelling in der Populärkultur. Filme, Serien, Comics, Games und Merchandise erzählen in ihrer Gesamtheit eine kohärente Welt. Einzelne Elemente sind in sich abgeschlossen; das Gesamtbild entsteht durch Aggregation. Die Herausforderung: Continuity-Management bei über 30 Filmen und dutzenden Serien.

The Matrix (1999–2003): The Matrix war eines der ersten bewussten Transmedia-Projekte der Filmgeschichte. Die Wachowskis verteilten Elemente der Geschichte auf die Kinofilme, den Animationsfilm Animatrix (2003), den Videospiel-Comic Enter the Matrix (2003) und eine Webcomic-Reihe. Jedes Medium enthielt exklusive narrative Informationen.

Star Wars: Das Extended Universe (heute Legends und Canon) umfasst Filme, Serien, Romane, Comics, Games und Vergnügungsparks. Die Star Wars Galaxy ist als Storyworld konzipiert: Jedes neue Medium fügt Wissen über die Welt hinzu, ohne die bestehenden Kerngeschichten zu ersetzen.

Game of Thrones / A Song of Ice and Fire: Bücher, TV-Serie und begleitende Werke wie The World of Ice and Fire (2014) — ein fiktionales Geschichtsbuch der Welt — bilden ein Transmedia-Ensemble, in dem verschiedene Medien verschiedene Tiefen der Welt erschließen.


In der Praxis

Transmedia-Planung: Wer erzählt was wo?

Die Entwicklung einer Transmedia-Strategie beginnt mit der Weltkarte: Was ist das Zentrum (der Hauptstrang), und was sind die Erweiterungen?

Fragen für die Planung:

  • Welche Teile der Geschichte können nur im Film/Fernsehen erzählt werden?
  • Welche Charakterperspektiven fehlen in der Hauptgeschichte und könnten in einem Comic oder Roman erzählt werden?
  • Welche interaktiven Elemente (Games, ARGs) würden die Welt erfahrbar machen?
  • Wie wird Continuity gesichert? Wer ist der Wächter der Storyworld?

Transmedia und Partizipation

Die aktivsten Transmedia-Welten sind nicht nur erzählt — sie werden vom Publikum miterzählt (Fan Fiction, Fan Theories, Fan Art). Die dramaturgische Herausforderung: Genug Leerstellen lassen, damit das Publikum sich einbringen kann — aber nicht so viele, dass die Welt inkonsistent wird.


Vergleich & Abgrenzung

Transmedia vs. Franchise: Ein Franchise ist eine wirtschaftliche Struktur (Lizenzen, Markenrechte). Transmedia ist eine narrative Strategie. Franchises können transmedia sein; müssen es aber nicht.

Transmedia vs. Remake: Ein Remake ersetzt eine bestehende Geschichte durch eine neue Version. Transmedia ergänzt und erweitert.

Transmedia vs. Spin-off: Ein Spin-off ist eine einzelne Geschichte über Nebencharaktere aus einer Welt. Transmedia ist die übergeordnete Strategie, die mehrere Spin-offs, Hauptgeschichten und Erweiterungen koordiniert.


Häufige Fragen (FAQ)

Ist Transmedia Storytelling nur für große Studios möglich? Nein. Auch kleine Projekte können transmedia denken: Ein Podcast, der Hintergrundinformationen zu einem Kurzfilm liefert. Ein Blog, der die Welt eines Romans erweitert. Transmedia skaliert.

Was ist das größte Risiko beim Transmedia Storytelling? Inkonsistenz. Wenn verschiedene Medien widersprüchliche Informationen über dieselbe Welt liefern, verliert das Publikum das Vertrauen. Continuity-Management ist die kritischste Aufgabe.

Müssen alle Transmedia-Elemente gleichzeitig erscheinen? Nein. Viele Transmedia-Welten entfalten sich über Jahre oder Jahrzehnte. Die Storyworld muss robust genug sein, um neue Elemente aufzunehmen, auch wenn die ursprünglichen Schöpfer nicht mehr involviert sind.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Jenkins, Henry: Convergence Culture: Where Old and New Media Collide. New York University Press, New York 2006.
  • Jenkins, Henry: Transmedia Storytelling 101. In: Confessions of an Aca-Fan, 2007. [Online]
  • Scolari, Carlos Alberto: Transmedia Storytelling: Implicit Consumers, Narrative Worlds, and Branding in Contemporary Media Production. In: International Journal of Communication, Vol. 3 (2009).
  • Pratten, Robert: Getting Started in Transmedia Storytelling. CreateSpace, 2011.
  • Klastrup, Lisbeth / Tosca, Susana: Transmedial Worlds: Rethinking Cyberworld Design. In: Proceedings of the International Conference on Cyberworlds, 2004.
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