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Sekundäres Grading bezeichnet selektive Farbkorrekturen, die gezielt auf bestimmte Bildbereiche, Farbbereiche oder Objekte angewendet werden – im Gegensatz zum primären Grading, das auf das gesamte Bild wirkt.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Colorgrading · Niveau: Fortgeschritten


Was ist sekundäres Grading?

Nachdem das primäre Grading die Grundkorrektur (Belichtung, Weißabgleich, Kontrast) des gesamten Bildes vorgenommen hat, ermöglicht das sekundäre Grading, einzelne Teile des Bildes unabhängig zu bearbeiten. Typische Anwendungsfälle sind:

  • Hauttöne individuell anpassen (→ Hauttöne graden: Vectorscope & Skin Line)
  • Himmel aufwerten: Blau intensivieren, Wolken zeichnen
  • Vegetation verdichten: Grüntöne satter oder spezifisch gestalten
  • Störende Farbelemente entfernen oder angleichen
  • Vignetten und Lichtführung hinzufügen
  • Effekte wie Day-for-Night oder Farbwelten in einem Shot aufteilen

Sekundäres Grading setzt ein fundiertes Verständnis des Bildaufbaus und der Werkzeuge voraus.


Erklärung

Qualifier

Der Qualifier in DaVinci Resolve ist ein Werkzeug, das Bildbereiche anhand ihrer Farbinformation isoliert. Es gibt drei Qualifizierungstypen:

HSL-Qualifier (Standard) Wählt Pixel basierend auf Hue (Farbton), Saturation (Sättigung) und Luminance (Helligkeit) aus. Workflow:

  1. Qualifier aktivieren (Taste Q in der Color Page)
  2. Eyedropper-Tool: Direkt im Viewer auf den gewünschten Bereich klicken oder aufziehen
  3. Maske im Viewer prüfen (Highlight-Taste aktivieren): Weiße Bereiche = ausgewählt, Schwarz = nicht ausgewählt
  4. Feinabstimmung über die H, S, L Range-Regler: Soft-Range für weiche Übergänge, Hard-Range für harte Grenzen
  5. Matte Finesse: Blur (Weichzeichner der Matte), Clean Black/White (Matte entrauschen), Erode/Shrink/Grow (Kantenkontrolle)

RGB-Qualifier Wählt Pixel basierend auf ihren RGB-Kanalwerten. Präziser für Bereiche, die im HSL-Farbraum schwer zu isolieren sind (z. B. hochgesättigte Primärfarben oder sehr neutrale Graubereiche).

Luminance-Qualifier Wählt ausschließlich nach Helligkeit aus. Geeignet für Korrekturen in Schatten, Midtones oder Lichtern ohne Farbkriterium – z. B. um nur dunkle Bereiche aufzuhellen.

3D-Qualifier (Resolve Studio) Der 3D-Qualifier visualisiert den Farbraum als dreidimensionalen Körper und ermöglicht präzisere, komplexere Auswahlen durch direktes Einzeichnen im 3D-Farbraummodell.

Power Windows

Power Windows sind geometrische Masken, die einen räumlichen Bildbereich isolieren – unabhängig von der Farbinformation. Verfügbare Formen:

  • Oval/Circle: Elliptische Maske, häufig für Vignetten und Gesichtsbeleuchtung
  • Rectangle/Linear: Rechteckige oder lineare Gradienten-Maske
  • Polygon: Beliebige vieleckige Form mit manuell platzierten Punkten
  • Bezier Curve: Freiform-Maske mit weichen Bezierkurven-Kontrollpunkten (ähnlich einer Rotoscoping-Maske)
  • Gradient: Sanfter linearer Übergang von voll wirksam zu null

Jede Power Window kann:

  • Weich eingestellt werden (Soft-Edge-Regler)
  • Invertiert werden (Innen/Außen-Wirkung tauschen)
  • Kombiniert werden (mehrere Windows addieren oder subtrahieren)
  • Getrackt werden (mit dem Motion Tracker mitbewegen)

Vignette mit Power Window (klassisches Beispiel):

  1. Neuen Serial Node erstellen
  2. Oval Window in der Mitte des Bildes platzieren
  3. Window invertieren (außerhalb der Maske wird korrigiert)
  4. Gain leicht absenken → dunkle Bildränder/Vignette

Motion Tracker

Der Motion Tracker analysiert die Bewegung von Bildpunkten oder Objekten im Clip und verfolgt Power Windows automatisch mit. Ohne Tracker müsste jede Positionsänderung eines getrackten Objekts per Keyframe manuell animiert werden.

Tracker-Modi in DaVinci Resolve:

1. Window Tracker (Point Tracker) Analysiert ausgewählte Feature-Punkte im Bild und überträgt deren Bewegung auf eine Power Window. Der Colorist wählt den Bereich aus, klickt auf Track Forward (oder Reverse), und Resolve berechnet automatisch die Positionskurven.

2. FX-Tracker Für komplexere Tracking-Situationen mit Rotation, Skalierung und Perspektivveränderung.

3. Magic Mask (Resolve Studio) KI-basiertes Subjekt-Tracking: Resolve erkennt automatisch Personen, Gesichter, Fahrzeuge etc. und erstellt dynamische Masken ohne manuelles Keyframing.

Tracking-Probleme und Lösungen:

  • Verdeckungen: Objekt verschwindet kurz hinter etwas → Tracker manuell per Keyframe korrieren
  • Schnelle Bewegungen oder Unschärfe: Mehrere Feature-Punkte verfolgen, Point Cloud nutzen
  • Kamerabewegung + Objekt: Separate Tracks für Kamera und Objekt, dann kombinieren

Beispiele

Beispiel 1 – Himmel aufwerten: Ein Qualifier isoliert den Himmel (Hue im Blaubereich, hohe Luminanz). Ein Serial Node mit dem qualifizierten Bereich erhält einen erhöhten Sättigungswert und eine leichte Helligkeitsabsenkung – der Himmel wirkt dramatischer, ohne die Vordergrundszene zu beeinflussen.

Beispiel 2 – Gesicht aufhellen: Ein Polygon-Power Window wird um das Gesicht einer Protagonistin gezeichnet. Gamma leicht anheben → das Gesicht erhält mehr Präsenz im Bild. Motion Tracker sorgt dafür, dass das Fenster mit der Bewegung der Darstellerin mitgeht.

Beispiel 3 – Störende Farbe entfernen: Im Hintergrund einer Szene leuchtet ein unerwünschtes rotes Schild. HSL-Qualifier wählt den roten Bereich aus + Polygon Window auf das Schild. Sättigung im Node auf null → das Schild wird grau, stört nicht mehr.


In der Praxis

Die Kombination aus Qualifier und Power Window ergibt die präziseste Isolierung: Ein Qualifier wählt Farbton, eine Power Window schränkt den Bereich räumlich ein. So kann beispielsweise nur die rote Jacke einer Person vordere links im Bild angepasst werden, ohne andere rote Elemente zu beeinflussen.

Matte Finesse ist kritisch: Ungebluedete Matte-Kanten führen zu sichtbaren „Grading-Artefakten" um die Maske. Immer Blur (0.5–2.0) und Clean Black/White verwenden.


Vergleich & Abgrenzung

WerkzeugIsolierung überBewegungsverfolgung
HSL-QualifierFarbe (H, S, L)Via Tracker
Power WindowGeometrie (Form)Via Tracker
Magic MaskKI-SegmentierungAutomatisch
Rotoscoping (VFX)Manuelle Frame-KurvenManuell/KI

Häufige Fragen (FAQ)

Wann Qualifier, wann Power Window? Qualifier für Farbselektion (z. B. Himmel, Haut), Power Window für räumliche Bereiche (z. B. Gesicht, Bildmitte). Oft beide kombinieren.

Was ist der Unterschied zwischen Qualifier-Maske und Rotoscoping? Qualifier erstellt automatische Farbmasken in Echtzeit; Rotoscoping (in Resolve's Fusion-Seite) ermöglicht frame-genaue manuelle Masken. Für präzises Objekt-Isolierung in VFX wird Rotoscoping bevorzugt.

Wie viele Power Windows kann ich gleichzeitig nutzen? Es gibt keine fest definierte Grenze. Mehrere Windows können in einem Node kombiniert oder in separate Nodes aufgeteilt werden.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Hurkman, A. V. (2014). Color Correction Handbook. 2. Aufl. Peachpit Press.
  • Blackmagic Design (2023). DaVinci Resolve 18 Reference Manual – Color Page. Blackmagic Design Pty. Ltd.
  • Hullfish, S. (2012). The Art and Technique of Digital Color Correction. Focal Press.
  • Color Grading Central (2022). Secondary Grading Masterclass.
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