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EDL (Edit Decision List) ist eine strukturierte Textdatei, die alle Schnittentscheidungen eines Videoprojekts – Clips, Timecodes, Übergänge – im standardisierten CMX-3600-Format dokumentiert und damit den systemübergreifenden Austausch von Schnittprojekten ermöglicht.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Postproduktion · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Edit Decision List, Schnittspur, Cut List


Was ist eine EDL?

Eine EDL ist eines der ältesten und grundlegendsten Austauschformate der Postproduktion. Sie geht zurück auf die Ära der Videobandschnittplätze und wurde entwickelt, um die Schnittliste eines Offline-Schnitts auf einen Online-Schnittplatz zu übertragen, ohne das gesamte Projekt neu erstellen zu müssen.

Eine EDL ist keine Mediendatei, sondern eine reine Textdatei (ASCII), die für Menschen und Maschinen lesbar ist. Sie enthält Anweisungen wie: "Nimm von Clip X den Abschnitt von Timecode A bis B und platziere ihn auf der Zeitleiste von Timecode C bis D." Durch ihre Einfachheit ist sie bis heute das universellste Austauschformat zwischen verschiedenen Schnittsystemen – von Avid über Premiere bis DaVinci Resolve.


Erklärung

Das CMX-3600-Format

Das dominante EDL-Format ist CMX 3600, entwickelt von CMX Systems in den 1970er-Jahren. Es ist ein zeilenbasiertes Textformat mit einer festen Spaltenstruktur. Jede Zeile beschreibt ein Editereignis (Event).

Aufbau einer CMX-3600-EDL:

``` TITLE: MEINFILMSCHNITTV03 FCM: NON-DROP FRAME

001 AX V C 00:01:12:04 00:01:15:22 01:00:00:00 01:00:03:18

  • FROM CLIP NAME: KAMERAA001_0023

002 AX V C 00:02:34:10 00:02:38:05 01:00:03:18 01:00:07:13

  • FROM CLIP NAME: KAMERAB002_0045

003 AX A C 00:01:12:04 00:01:15:22 01:00:00:00 01:00:03:18 ```

Spaltenstruktur (Ereignis-Zeile):

  1. Event-Nummer (001, 002…): fortlaufend
  2. Reel-Nummer (AX, B001…): Quellband- oder Clip-Bezeichnung (max. 8 Zeichen)
  3. Track-Typ (V = Video, A = Audio, B = Bild+Ton)
  4. Übergangstyp (C = Cut, D = Dissolve, W = Wipe)
  5. Quell-In (Timecode im Quellmaterial)
  6. Quell-Out (Timecode im Quellmaterial)
  7. Ziel-In (Position auf der Zeitleiste)
  8. Ziel-Out (Position auf der Zeitleiste)

Kommentarzeilen beginnen mit * und können z. B. Clip-Namen enthalten.

FCM: Drop Frame vs. Non-Drop Frame

Der Header einer EDL enthält das FCM-Flag (Frame Count Mode):

  • FCM: DROP FRAME – für 29.97 fps NTSC-Material
  • FCM: NON-DROP FRAME – für 25 fps PAL oder 24 fps Kino

Falsch gesetztes FCM ist eine häufige Fehlerquelle beim EDL-Import, da alle Timecodes falsch interpretiert werden.

Beschränkungen des CMX-3600-Formats

EDLs haben historisch bedingte Einschränkungen:

  • Nur eine Videospur: Das ursprüngliche Format kennt nur Track V1 (keine Mehrspurvideo-Unterstützung)
  • Reel-Name maximal 8 Zeichen: Ältere Systeme können nur 8-stellige Reel-Namen verarbeiten; moderne Erweiterungen (CMX 340X, GVG 4Plus) erlauben mehr
  • Keine Effekt-Parameter: Dissolves werden nur als Typ markiert, aber keine After-Effects-Parameter oder komplexe Transitions gespeichert
  • Keine Farbkorrekturdaten: Color-Grades werden nicht im EDL übertragen
  • Keine Multi-Cam-Daten: Mehrkamera-Schnittinformationen sind nicht darstellbar

Erweiterte EDL-Formate

Für komplexere Schnitte kommen modernere Formate zum Einsatz:

  • AAF (Advanced Authoring Format): überträgt auch Audio-Mixdaten, Effekte und Metadaten (siehe OMF und AAF)
  • XML (Final Cut Pro XML / FCPXML): proprietäres Apple-Format für FCP7 und FCP X
  • DaVinci Resolve XML: basiert auf FCPXML, enthält Resolve-spezifische Daten
  • OTIO (OpenTimelineIO): modernes, offenes Format von Pixar/ASWF für Timeline-Austausch

EDL in der modernen Postproduktion

Trotz ihrer Einschränkungen ist die EDL unverzichtbar für:

  1. Conform/Online-Schnitt: Übertragung des Offline-Schnitts (Proxy-Material) auf die Original-Camera-Files (OCFs)
  2. Grading übergabe an DaVinci Resolve: Import der Schnittstruktur für den Color-Workflow
  3. Re-Delivery: Nachlieferung von einzelnen Szenen mit korrektem Timecode
  4. Archivierung: Langzeit-archivierbare Dokumentation des Schnitts ohne Software-Abhängigkeit

Beispiele

  1. Avid-zu-DaVinci-Übergabe: Ein Cutter exportiert eine EDL aus Avid Media Composer (V1-Spur), die der Colorist in DaVinci Resolve importiert, um den Schnitt mit dem Original-RAW-Material zu konformen.
  2. Offline-zu-Online-Conform: Ein mit Proxy-Material geschnittenes Projekt wird per EDL auf einen Online-Schnittplatz übertragen, wo das Original-4K-Material verlinkt wird (Re-link via Timecode).
  3. Versionsvergleich: Zwei EDL-Versionen (V03 und V04) werden mit einem Tool wie EDL Manager (EDIUS) oder Titan verglichen, um zu sehen, welche Cuts sich verändert haben.
  4. Broadcast-Mastering: Ein Broadcast-Haus erhält eine EDL zusammen mit unkomprimierten MXF-Quellbändern, um das Sendemaster selbst zu erstellen.
  5. Kurzfilm-Archiv: Ein Regisseur archiviert sein Schnittprojekt als EDL + Timecode-Liste + Beschreibungsdatei, damit der Film auch in 20 Jahren noch nachvollzogen werden kann.

In der Praxis

EDL-Export aus NLEs

Avid Media Composer: Output > Export > EDL > CMX 3600 (Standard); Optionen für Drop/Non-Drop, Reel-Namensformat

Adobe Premiere Pro: File > Export > EDL; Auswahl von Video- und Audiotracks; Achtung: Premiere-EDLs können bei komplexen Projekten Lücken haben

DaVinci Resolve: File > Export AAF, XML, EDL… > EDL (CMX 3600); Conform-Workflow mit Re-link-Funktion

Häufige Fehler beim EDL-Workflow

  • Falsche Reel-Namen: Wenn Clip-Namen länger als 8 Zeichen sind, werden sie abgeschnitten → Konflikte beim Re-linking
  • Falsches FCM: Drop/Non-Drop-Frame-Verwechslung → Timecodes driften
  • Fehlende Kommentar-Zeilen: * FROM CLIP NAME:-Zeilen fehlen → manuelles Re-linking notwendig
  • Überlappende Events: Dissolves erzeugen in EDLs zwei überlappende Einträge – müssen korrekt interpretiert werden

Tooling

Spezialisierte EDL-Tools:

  • Titan (Marquis Broadcast): professionelle EDL-Konvertierung zwischen Formaten
  • Conformalizer (Intelligent Assistance): Conform-Workflow für EDL und AAF
  • Boris FX Silhouette: enthält EDL-basierte Conform-Funktionen

Vergleich & Abgrenzung

FormatStärkenSchwächenTypische Verwendung
EDL (CMX 3600)Universell, lesbar, stabilNur 1 Video-Spur, keine EffekteConform, Grading-Import
AAFMulti-Track Audio, MetadatenKomplex, nicht immer kompatibelAudio-Post (Pro Tools)
FCPXMLVollständige FCP-ProjektdatenApple-spezifischFCP → Resolve
OTIOModern, offen, VFX-PipelineNoch geringe VerbreitungVFX, Pipeline-Tools

Häufige Fragen (FAQ)

Kann ich eine EDL öffnen und händisch bearbeiten? Ja, da die EDL eine reine ASCII-Textdatei ist, kann sie in jedem Texteditor geöffnet und bearbeitet werden. Allerdings ist die Syntax strikt – falsche Abstände oder Tippfehler können dazu führen, dass die EDL von einem NLE nicht korrekt importiert wird. Erfahrene Post-Supervisors nutzen diese Möglichkeit, um Fehler gezielt zu korrigieren.

Wann sollte ich lieber AAF oder XML statt EDL verwenden? Sobald Audiospur-Informationen, Effekte oder komplexe Multi-Cam-Daten übertragen werden sollen, ist AAF oder FCPXML die bessere Wahl. EDLs sind ideal für einfache Videoschnitte und Conform-Workflows, bei denen nur die Schnittstruktur des Videomaterials übertragen werden muss.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • SMPTE: SMPTE Recommended Practice RP 30: Helical-Scan Videotape Editing Decision List. SMPTE, 1983 (historisch).
  • Kauffmann, Sam: Avid Editing: A Guide for Beginning and Intermediate Users. 6. Aufl. Routledge, 2016.
  • Murch, Walter: In the Blink of an Eye: A Perspective on Film Editing. 2. Aufl. Silman-James Press, 2001.
  • Ohanian, Thomas A.: Digital Nonlinear Editing: New Approaches to Editing Film and Video. 2. Aufl. Focal Press, 1998.
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