Anamorphotisches Filmen bezeichnet die Aufnahmetechnik mit anamorphotischen Objektiven, die das Bild horizontal um einen festen Faktor komprimieren, sodass ein breites Seitenverhältnis auf einem standardmäßigen Sensor gespeichert und in der Post-Produktion gestreckt (desqueezed) wird.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Kameratechnik Fortgeschritten · Niveau: Profi Synonyme / Auch bekannt als: Anamorphic Cinematography, Cinemascope, Anamorphic Widescreen
Was ist anamorphotisches Filmen?
Seit den 1950er-Jahren prägt das anamorphotische Verfahren den Look großer Hollywoodproduktionen. Die Idee dahinter ist einfach: Um ein sehr breites Bildseitenverhältnis (z. B. 2,39:1, Cinemascope) auf einem Filmstreifen oder Sensor normaler Breite zu speichern, wird das Bild beim Aufnehmen horizontal gequetscht (komprimiert) und beim Abspielen wieder gestreckt.
Das Ergebnis ist nicht nur ein breites Bild – anamorphotische Optiken erzeugen eine charakteristische optische Ästhetik: horizontale Linien-Flares, ovale Bokeh-Kreise, eine bestimmte Tiefenwirkung und ein leicht gestrecktes Unschärfeverhalten.
Erklärung
Squeeze-Faktor
Anamorphotische Objektive komprimieren das Bild horizontal um einen definierten Faktor, den Squeeze-Faktor:
- 2×-Anamorphot: Das horizontale Bild wird auf die Hälfte komprimiert. Bei einem 4:3-Sensor ergibt das nach dem Desqueeze ein 2,39:1-Seitenverhältnis.
- 1,5×-Anamorphot: Beliebt für APS-C- und Vollformat-Kameras, die bereits ein 16:9-Sensor-Verhältnis haben. Ergibt nach Desqueeze ca. 2,39:1.
- 1,33×-Anamorphot: Häufig in Kombination mit 16:9-Sensoren für ein 1,78:1-Seitenverhältnis.
Desqueeze
Als Desqueeze bezeichnet man den Prozess, das komprimierte Bild in der Post-Produktion horizontal zu strecken. Moderne Kamerasoftware (z. B. an der BMPCC 6K Pro oder Sony FX3) bietet Live-Desqueeze im Monitor-Modus – der Kameramann sieht beim Drehen bereits das gestreckte finale Bild.
Der anamorphotische Look
Die optischen Eigenschaften eines echten Anamorphoten unterscheiden sich fundamental von sphärischen Optiken:
- Horizontale Lens Flares: Lichtquellen erzeugen charakteristische horizontale Streifen (Streak Flares), die sich über das gesamte Bild ziehen. Farbe und Intensität sind linsensystem-spezifisch.
- Ovales Bokeh: Unschärfekreise (Circles of Confusion) erscheinen oval, da die horizontale und vertikale Brennweite nicht identisch sind.
- Geringere Tiefenschärfe: Bei gleicher Brennweite und gleichem Bildwinkel bietet ein Anamorphot weniger Schärfentiefe.
- Verzeichnung: Viele Anamorphoten zeigen eine charakteristische Kissenverzeichnung oder Mustgling an den Bildrändern.
Beispiele
Bekannte anamorphotische Objektivsysteme
- Arri/Zeiss Master Anamorphic: Professionelles Cine-System, 2×-Squeeze, für Arri-Kameras
- Panavision C-, E-, G-Series: Hollywoodstandard, oft nur zur Miete
- Atlas Orion Anamorphic: Erschwinglichere Profi-Optiken (ca. 1,33× und 2×)
- Sirui 50mm 1.8× Anamorphic: Günstig, beliebt bei Indie-Filmemachern
- Lomo Square Front Anamorphic: Vintage-Optiken aus russischer Produktion
Sensor-Paarungen
| Kamera | Sensor | Empfohlener Squeeze-Faktor |
|---|---|---|
| Blackmagic Pocket 6K | Super 16 Crop (6K) | 2× |
| Sony FX3 | Full-Frame | 1,5× oder 1,33× |
| Arri Alexa | Large Format | 1,3× oder 1,65× |
| Canon EOS C70 | Super 35 | 2× |
In der Praxis
Herausforderungen beim Anamorphic Shooting
- Fokussieren: Anamorphoten sind technisch anspruchsvoller zu fokussieren, da horizontale und vertikale Bildebene unterschiedliche Schärfebereiche haben können.
- Mindestabstand: Viele Anamorphoten haben einen größeren Mindestfokusabstand als sphärische Optiken.
- Nachbearbeitung: Der Workflow erfordert immer einen Desqueeze-Schritt. Dieser muss in DaVinci Resolve, Premiere oder Final Cut Pro manuell oder per LUT/Plugin eingestellt werden.
- Beleuchtung: Anamorphotische Flares entstehen nur bei direktem Lichteinfall auf die Frontlinse. Für den charakteristischen Look muss Licht bewusst ins Objektiv fallen.
Workarounds für niedrigeres Budget
Sogenannte Anamorphic Adapters (z. B. von Moment oder Sirui) können vor normale Objektive gesetzt werden. Sie sind günstiger als echte Anamorphoten, aber mit Kompromissen verbunden (Randunschärfe, Vignettierung).
Vergleich & Abgrenzung
Der direkte Vergleich von anamorphotischer und sphärischer Optik findet sich im Eintrag Anamorphotisch vs. sphärisch: Vor- und Nachteile. Grundsätzlich: Anamorphot für Cinemascope-Look und filmischen Charakter, Sphärisch für technische Präzision und einfacheren Workflow.
Häufige Fragen (FAQ)
Muss ich immer in 4:3 aufnehmen, um einen 2×-Anamorphoten sinnvoll zu nutzen? Ja, idealerweise. Manche Kameras bieten einen 4:3-Anamorphic-Modus (z. B. GH5/GH6), der die maximale Sensorbreite nutzt. An einem 16:9-Sensor ist ein 2×-Anamorphot möglich, aber Vignettierung ist wahrscheinlich.
Kann ich anamorphotische Linsen auch für Fotos nutzen? Ja, es gibt Fotografen, die den Look bewusst einsetzen. Die ovalen Bokeh-Kreise und Flares sind auch in Standbildern unverkennbar.
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Weiterführend
- Elkins, David E. (2019): The Camera Assistant's Manual. 6. Aufl. Focal Press, New York.
- Box, Harry C. (2020): Set Lighting Technician's Handbook. 5. Aufl. Focal Press, New York.
- Hummel, Rob (Hrsg.) (2001): American Cinematographer Manual. 9. Aufl. ASC Press, Hollywood, CA.
- Merkblatt der Deutschen Kinemathek (2018): Das anamorphotische Verfahren im Kinofilm. Deutsche Kinemathek, Berlin.
