Anamorphotische Optiken nutzen zylindrische Linsenelemente zur horizontalen Komprimierung des Bildfeldes; sphärische Optiken haben eine rotationssymmetrische Linsengeometrie ohne Komprimierung – beide Systeme bieten grundlegend unterschiedliche optische Eigenschaften und Workflows.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Kameratechnik Fortgeschritten · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Scope vs. Spherical, Anamorphic Lens vs. Spherical Lens
Was sind anamorphotische und sphärische Optiken?
In der Bildoptik gibt es zwei grundlegende Objektivkonstruktionen für die Filmproduktion:
Sphärische Optiken (das weitaus häufigere System): Alle Linsenelemente sind rotationssymmetrisch (sphärisch). Sie bilden das Motiv proportional ab. Sphärische Systeme sind technisch einfacher, günstiger und universell einsetzbar.
Anamorphotische Optiken: Enthalten zylindrische (nicht-rotationssymmetrische) Linsenelemente, die das Bild horizontal komprimieren. Für den vollständigen Workflow ist ein Desqueeze-Schritt nötig. Sie erzeugen einen charakteristischen Look und erlauben die Nutzung von Super-35 oder Vollformat-Sensoren für extrem breite Seitenverhältnisse.
Erklärung
Sphärische Optiken: Stärken und Schwächen
Vorteile:
- Einfacher Workflow: Kein Desqueeze nötig
- Günstiger in der Anschaffung und Miete
- Größeres Angebot: Hunderte von sphärischen Cine-Objektiven verfügbar
- Flexibles Seitenverhältnis: Crop-in-Post möglich
- Geringeres Gewicht und kleinere Bauform
- Minimale optische Aberrationen bei teuren Systemen
Nachteile:
- Kein charakteristischer "Anamorphic Look"
- Bokeh-Kreise rund – kein ovales Bokeh
- Keine natürlichen horizontalen Lens Flares
- Für 2,39:1 Seitenverhältnis: Crop des Bildsignals nötig (Teile des Sensors ungenutzt)
Anamorphotische Optiken: Stärken und Schwächen
Vorteile:
- Vollständige Sensornutzung für breites Format: Bei Super-35 mit 2×-Anamorphoten kein Crop nötig
- Charakteristischer Look: Horizontale Streak Flares, ovales Bokeh
- Weicherer, organischerer Schärfeabfall
- Filmisches Erscheinungsbild mit tieferem Charakter
- Shallow Depth of Field bei weniger Lichtbedarf (größere effektive Öffnung)
Nachteile:
- Komplexerer Workflow: Desqueeze erforderlich
- Teurer: Anamorphotische Cine-Objektive sind 2–5× teurer als vergleichbare sphärische Festbrennweiten
- Schwerer und größer
- Mindestfokusabstand oft größer
- Optische Mängel: Mehr anfällig für Focus Breathing, Breathing beim Zoomen, Mustgling an Rändern
Vergleichstabelle
| Merkmal | Sphärisch | Anamorphotisch |
|---|---|---|
| Look | Neutral | Charakteristisch (Flares, ovales Bokeh) |
| Workflow | Einfach | Desqueeze erforderlich |
| Sensornutzung | Vollständig bei 16:9 / 4:3 | Vollständig für 2,39:1 |
| Gewicht | Geringer | Höher |
| Kosten | Niedriger | Höher |
| Tiefenschärfe | Standard | Etwas geringer bei gleichem Sichtfeld |
| Flares | Rund bis stern | Horizontal, charakteristisch |
| Bokeh | Rund | Oval |
| Verbreitung | Sehr hoch | Mittel |
Beispiele
Produktionen: Anamorphotisch vs. sphärisch
Klassisch anamorphotisch:
- "La La Land" (2016) – Cinemascope, Panavision Primos
- "Blade Runner 2049" (2017) – Panavision
- "Dune" (2021) – Anamorphotische Spezialoptiken
Klassisch sphärisch:
- "Avengers: Endgame" (2019) – IMAX-Kameras mit sphärischen Cine-Optiken
- "1917" (2019) – Arri Alexa, Cooke sphärisch
- Viele Netflix-Produktionen: Sphärisch für Flexibilität
Budget-Workflow Indie-Film
Ein Indie-Filmemacher mit Blackmagic URSA Mini Pro muss entscheiden:
- Sphärisch + Scope-Crop: Günstig, einfach, verliert aber Auflösung durch 2,39:1-Crop
- 1,33× Anamorphot + 16:9-Sensor: Mittlerer Preis, einfaches Desqueeze, anamorphotischer Look
- 2× Anamorphot + 4:3-Modus: Teurer, maximaler Look, komplexer Workflow
In der Praxis
Wann sphärisch wählen?
- News, Dokumentarfilm, ENG: Sphärisch ist schneller, leichter, einfacher
- Kommerziell neutrale Produktionen ohne filmischen "Look"-Anspruch
- Low-Budget ohne Postproduktions-Ressourcen für Desqueeze
- Schnelles Umbauen zwischen Brennweiten auf Set
Wann anamorphotisch wählen?
- Spielfilm, High-End-Werbefilm, Musikvideo
- Wenn der klassische Cinemascope-Look explizit gewünscht ist
- Bei ausreichend Budget und erfahrenem Kameramann
- Wenn der Sensor-Format-Vorteil (volle Sensornutzung für 2,39:1) wichtig ist
Die Hybridlösung: Sphärisch + Cinemascope in Post
Viele Produktionen drehen sphärisch in 16:9, legen aber einen Cinemascope-Mattes im Monitoring an und copen das Bild in der Post auf 2,39:1. Dieses Verfahren spart Kosten, erzeugt aber nicht den echten Anamorphic Look.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich den Anamorphic Look in der Post simulieren? Teilweise. Horizontale Lens Flares, ovales Bokeh und weiche Ränder können mit Effekten (z. B. Dehancer, Tiffen Dfx, Filmora) simuliert werden. Das Ergebnis ist erkennbar für erfahrene Zuschauer, aber brauchbar für viele Anwendungen.
Ist anamorphotisch immer "besser" als sphärisch? Nein. Es ist ein Look-Entscheidung. Viele großartige Filme (z. B. von Stanley Kubrick) wurden sphärisch gedreht. Anamorphotisch ist kein Qualitätsmerkmal per se, sondern ein ästhetisches Werkzeug.
Kann ich anamorphotische Objektive an einer Systemkamera nutzen? Ja, es gibt Anamorphoten speziell für MFT, Sony E-Mount und andere Systemkameras (z. B. Sirui, Laowa). Das eröffnet auch Amateur-Filmemachern den anamorphotischen Look.
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Weiterführend
- Elkins, David E. (2019): The Camera Assistant's Manual. 6. Aufl. Focal Press, New York.
- Hummel, Rob (Hrsg.) (2001): American Cinematographer Manual. 9. Aufl. ASC Press, Hollywood, CA.
- Ascher, Steven / Pincus, Edward (2012): The Filmmaker's Handbook. 4. Aufl. Plume, New York.
- Bowen, Christopher / Thompson, Roy (2013): Grammar of the Shot. 3. Aufl. Focal Press, Burlington, MA.
