Getty Images vs. Stability AI ist eine Urheberrechtsklage, in der die Bildagentur Getty Images den KI-Bildgenerator-Anbieter Stability AI beschuldigt, Millionen von urheberrechtlich geschützten Fotos ohne Erlaubnis für das Training von Stable Diffusion verwendet zu haben.
Rubrik: GenAI & Content Creation · Unterrubrik: KI-Ethik & Gesellschaft · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Getty vs. Stability AI, Stability AI Copyright Case, AI Training Data Lawsuit
Was ist der Fall Getty vs. Stability AI?
Im Januar 2023 reichte Getty Images Klage gegen Stability AI in den USA (Delaware) und Großbritannien (High Court London) ein. Die Klageschrift wirft Stability AI vor, mehr als 12 Millionen Bilder aus dem Getty-Archiv ohne Lizenz und ohne Vergütung für das Training von Stable Diffusion verwendet zu haben – einem der einflussreichsten Open-Source-Bildgenerierungsmodelle. Der Fall wird von Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftlern als einer der wichtigsten Präzedenzfälle für das Verhältnis von KI und Urheberrecht betrachtet.
Erklärung
Hintergrund und Klagegründe
Stability AI veröffentlichte Stable Diffusion im August 2022 als Open-Source-Modell. Das Modell wurde auf dem LAION-5B-Datensatz trainiert, einem von der Universität Hamburg kuratierten Datensatz mit 5 Milliarden Bild-Text-Paaren, die aus dem öffentlichen Internet gescrapt wurden – darunter Millionen von Bildern aus Bildagenturen wie Getty, Shutterstock und anderen.
Getty Images' Vorwürfe:
- Urheberrechtsverletzung: Die Nutzung von über 12 Millionen urheberrechtlich geschützten Getty-Bildern ohne Lizenz verstößt gegen das Copyright.
- Markenrechtsverletzung: Von Stable Diffusion generierte Bilder zeigen teils das Getty-Wasserzeichen auf den KI-Ergebnissen – ein deutlicher Hinweis auf das Trainingsmaterial. Getty macht geltend, das sei eine Verletzung seiner Marke.
- DMCA-Verletzung: Das Entfernen von Copyright-Management-Informationen (Metadaten, Wasserzeichen) beim Scraping verstößt gegen den Digital Millennium Copyright Act.
Stability AIs Gegenargumente:
- Das Training auf öffentlich verfügbaren Daten ist durch „Fair Use" (USA) oder Text-and-Data-Mining-Ausnahmen (EU DSM-Richtlinie Art. 4) gedeckt.
- Die generierten Bilder sind transformativ und keine Kopien der Originale.
- Stability AI ist nur der Modell-Anbieter; für Verstöße bei der konkreten Nutzung sind die Nutzer verantwortlich.
Rechtlicher Status (Stand 2025)
In den USA legte Stability AI zunächst erfolgreich Einwendungen gegen einige Klagepunkte ein, jedoch ließ das Bundesgericht in Delaware die Kernklagepunkte zum Urheberrecht und zur DMCA-Verletzung zu. Das Verfahren war Anfang 2025 noch anhängig; kein Urteil lag vor.
In Großbritannien lief das parallele Verfahren vor dem High Court ebenfalls noch; eine Entscheidung wird nicht vor 2025/2026 erwartet.
Bedeutung für die Branche
Wenn Getty gewinnt: Das würde bedeuten, dass das Scraping urheberrechtlich geschützter Bilder für KI-Training ohne Erlaubnis eine Urheberrechtsverletzung darstellt. KI-Unternehmen müssten entweder Lizenzen erwerben oder ausschließlich auf gemeinfreies oder explizit lizenziertes Material zurückgreifen. Das würde Lizenzgebühren und eine Umstrukturierung von KI-Trainingspipelines nach sich ziehen.
Wenn Stability AI gewinnt: Das würde Fair Use / TDM-Ausnahmen erheblich stärken und den rechtlichen Spielraum für KI-Training auf öffentlich zugänglichem Material bestätigen. Es könnte allerdings dennoch zu Nachverhandlungen und freiwilligen Lizenzmodellen führen, um Rechtssicherheit zu schaffen.
Unabhängig vom Urteil: Der Fall hat bereits jetzt die Branche verändert: Viele KI-Unternehmen schlossen Lizenzverträge mit Bildagenturen (Adobe Stock – lizenziertes Material für Firefly; Shutterstock – Lizenzvertrag mit OpenAI; Getty selbst – Partnerschaft mit Nvidia für ein Lizenz-Training-Modell).
Parallele Klagen und Verwandte Verfahren
Der Getty-Fall ist nicht der einzige seiner Art:
- Andersen et al. vs. Stability AI, Midjourney, DeviantArt: Sammelklage von Künstlerinnen und Künstlern, angeführt von Sarah Andersen, Kelly McKernan und Karla Ortiz. Vorwurf: Training auf ihren Werken ohne Einwilligung. Der Fall wurde 2024 teilweise abgewiesen (keine direkte Verletzung), aber weiterhin in Teilen zugelassen.
- The New York Times vs. OpenAI und Microsoft (2023): Die NYT klagte wegen der Nutzung von Millionen NYT-Artikeln für ChatGPT-Training. Gilt als der bisher größte US-Urheberrechtsfall gegen KI.
- Universal Music vs. Anthropic (2023): Musikverlage klagen gegen Anthropic wegen Nutzung von Liedtexten im Claude-Training.
Beispiele
- Stable-Diffusion-Wasserzeichen-Problem: Kurz nach Stable Diffusions Start kursierte auf Twitter ein Screenshot: Das KI-generierte Bild enthielt fragmentierte Reste des Getty-Wasserzeichens – ein unfreiwilliger Beweis, dass das Modell auf Getty-Material trainiert hatte und dieses Muster reproduzieren konnte.
- Shutterstock-Deal mit OpenAI (2023): Als Reaktion auf die rechtliche Unsicherheit schloss Shutterstock einen mehrjährigen Lizenzvertrag mit OpenAI, der die legale Nutzung der Shutterstock-Bibliothek für KI-Training gegen eine finanzielle Beteiligung und einen Entschädigungsfonds für Fotografen vorsieht.
- Adobe Firefly – das lizenzierte Alternativmodell: Adobe positionierte Firefly bewusst als „das ethisch saubere KI-Modell" und betonte, dass ausschließlich lizenziertes Material für das Training genutzt wurde. Das wurde zum Wettbewerbsmerkmal.
- Getty – Eigenes KI-Modell (2023): Parallel zur Klage lancierte Getty Images ein eigenes KI-Bildgenerierungstool auf Basis von Nvidia Edify, das ausschließlich mit legalem Getty-Material trainiert wurde. Fotografen erhalten eine Beteiligung an den Erträgen.
- LAION-5B temporäre Abschaltung (2023): Als Reaktion auf Klagen und Datenschutzbedenken nahm das Hamburger LAION-Institut seinen Datensatz zeitweise offline, um ihn auf Kindesmissbrauchsbilder und andere problematische Inhalte zu prüfen – ein Zeichen für den Druck auf Trainingsdatensatz-Anbieter.
In der Praxis
Für KI-Tool-Nutzer: Das Urteil betrifft primär die KI-Anbieter, nicht die Endnutzerinnen und -nutzer. Dennoch ist es ratsam, für kommerzielle Projekte Tools zu verwenden, die nachweislich auf lizenziertem Material trainiert wurden (Adobe Firefly, Getty AI-Generator). So ist man rechtlich auf der sicheren Seite, unabhängig vom Ausgang der Klagen.
Für Fotografinnen und Fotografen: Der Fall zeigt, dass Bildagenturen aktiv für die Rechte ihrer Fotografen eintreten. Wer eigene Bilder aus dem KI-Training heraushalten möchte, kann den Opt-Out-Mechanismus nach DSM-Richtlinie Art. 4 nutzen (robots.txt oder explizite Opt-Out-Erklärungen).
Für KI-Unternehmen: Proaktive Lizenzierungsmodelle sind mittel- bis langfristig die sicherere Strategie als das Verlassen auf Fair-Use-Argumente. Mehrere große KI-Unternehmen gehen diesen Weg bereits.
Vergleich & Abgrenzung
Getty vs. Stability AI vs. NYT vs. OpenAI: Beide Fälle behaupten urheberrechtliche Verletzungen durch KI-Training, unterscheiden sich aber im Medienmix (Bilder vs. Text) und im Ausmaß der behaupteten Trainingsdaten-Überlappung.
Urheberrecht vs. Datenschutz: Getrennte Rechtsfragen. Die DSGVO betrifft personenbezogene Daten; das Urheberrecht betrifft Werkschutz. Beide können gleichzeitig relevant sein, wenn Fotos erkennbare Personen zeigen.
Häufige Fragen (FAQ)
Ist das Training von KI auf öffentlich verfügbaren Bildern grundsätzlich illegal? Das ist genau die offene Rechtsfrage. In der EU erlaubt Art. 4 DSM-Richtlinie TDM für kommerzielle Zwecke, sofern kein Opt-Out erfolgt ist. In den USA ist die Fair-Use-Frage gerichtlich noch nicht entschieden. Der Ausgang von Getty vs. Stability AI wird hier wichtige Klarheit schaffen.
Was bedeutet das für Midjourney-Bilder, die ich bereits erstellt habe? Für die Nutzung bereits erstellter Bilder ändert sich durch Klagen gegen die Anbieter nichts für Endnutzerinnen und -nutzer. Ein Urteil, das Training auf geschützten Daten als illegal einstuft, würde die KI-Anbieter zwingen, ihre Modelle zu überarbeiten – hat aber keine rückwirkenden Konsequenzen für bestehende Nutzerbilder.
Verwandte Einträge
- Urheberrecht bei KI-generierten Bildern
- Consent und Opt-Out beim KI-Training
- Musik-Urheberrecht und KI
Weiterführend
- Getty Images (2023): Getty Images Statement on Stability AI. gettyimages.com/newsroom
- Samuelson, P. (2023): The Copyright Implications of Generative AI. Communications of the ACM, 66(11)
- Electronic Frontier Foundation (2023): Artists vs. AI: Is Machine Learning Copyright Infringement? eff.org
- Netzpolitik.org (2024): KI und Urheberrecht – die wichtigsten Klagen. netzpolitik.org
