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Delta E (ΔE) ist eine numerische Kenngröße, die den wahrnehmbaren Farbunterschied zwischen zwei Farben im dreidimensionalen Farbraum CIELAB (oder vergleichbaren Farbräumen) quantifiziert und als Grundlage für Farbtoleranzen in Druck und Produktion dient.

Was ist Delta E?

In der Farbwissenschaft reicht es nicht zu sagen, eine Farbe ist „ein bisschen zu blau" oder „fast richtig". Professionelle Farbkontrolle erfordert eine messbare, objektive Zahl – und das ist Delta E.

Das Konzept stammt aus dem CIE-Farbraum: Im CIELAB-System entspricht jede Farbe einem Punkt im dreidimensionalen Raum (L für Helligkeit, a für die Rot-Grün-Achse, b* für die Gelb-Blau-Achse). Der Abstand zwischen zwei Punkten in diesem Raum ist Delta E – und je kleiner dieser Wert, desto ähnlicher sind die Farben.

Die Formel ist eleganter als die Realität: Menschen nehmen Farbabweichungen nicht gleichmäßig in alle Richtungen wahr. Die verschiedenen ΔE-Formeln der letzten Jahrzehnte versuchen, diese perceptuelle Ungleichförmigkeit zu korrigieren (Wyszecki & Stiles, 2000).

Erklärung

ΔE-Formeln im historischen Überblick

*ΔEab (CIELAB 1976)**: Die einfachste Formel, direkt aus dem euklidischen Abstand im LAB-Raum:

ΔEab = √[(ΔL)² + (Δa)² + (Δb)²]

Problem: CIELAB ist nicht wahrnehmungsgleichförmig. Ein ΔE von 1 im Blaubereich wirkt visuell anders als ein ΔE von 1 im Gelbbereich. Deshalb wurden verbesserte Formeln entwickelt.

ΔE CMC (1984): Entwickelt vom Colour Measurement Committee (CMC) der Society of Dyers and Colourists. Berücksichtigt unterschiedliche Wahrnehmungsempfindlichkeiten in Helligkeit, Farbton und Sättigung. Wird in der Textilindustrie verwendet.

*ΔE94 (CIE 1994)*: CIE-Standard, der Gewichtsfaktoren für Helligkeit (kL), Farbton (kC) und Sättigung (kH) einführt. Besser als ΔEab, aber für hochgesättigte Farben und Blautöne immer noch nicht optimal.

ΔE00 (CIEDE2000, 2000): Die bisher beste ΔE-Formel, entwickelt 2001 (veröffentlicht als CIE 142:2001). Berücksichtigt:

  • Rotationskorrektur im CIELAB-Blaubereich (a*-Achsen-Rotation)
  • Skalierung der Chrominanz-Toleranzellipsen
  • Korrekturfaktor für den Blaubereich (hue-rotation term)
  • Helligkeit, Farbton und Sättigung mit individuellen Gewichtungsfaktoren

CIEDE2000 ist heute der Standard für den Offsetdruck (ISO 12647), die Automobilindustrie und viele weitere Branchen.

Interpreting von ΔE-Werten

Für CIEDE2000 (ΔE00) gelten folgende Faustregeln:

ΔE00Wahrnehmung
< 1,0Nicht wahrnehmbar (de facto identisch)
1,0–2,0Leicht wahrnehmbar für geübte Beobachter
2,0–3,5Wahrnehmbar, aber akzeptabel für viele Anwendungen
3,5–5,0Klar wahrnehmbar; Grenzbereich für Qualitätsanforderungen
> 5,0Deutlich unterschiedlich; für professionellen Druck inakzeptabel

Wichtig: Diese Grenzwerte hängen stark vom Einsatzbereich ab. Im Kunstdruck gilt ΔE < 1, im Standardoffset bis ΔE 3, in der Verpackungsproduktion je nach Anforderung ΔE 1–5.

Druckstandards und ΔE-Toleranzen

ISO 12647-2 (Offsetdruck): Toleranz ΔE00 ≤ 3 für Prozessfarben CMYK auf gestrichenem Papier beim Produktionsdruck; ΔE00 ≤ 2 für Primärfarben.

ISO 12647-7 (Proofing): Toleranz ΔE00 ≤ 2 für Primärfarben; ΔE00 ≤ 4 für Sekundärfarben im zertifizierten Proof.

ISO 13655 (Messtechnik): Definiert die Messtechnik für Druckerzeugnisse (Messgeometrie, Lichtquelle, Beobachterwinkel).

Messbedingungen

ΔE-Messungen sind nur vergleichbar, wenn sie unter gleichen Bedingungen durchgeführt werden:

  • Lichtquelle: D50 für Druckanwendungen (M0, M1, M2 nach ISO 13655)
  • Beobachterwinkel: 2° (Standard) oder 10° (Large-Field)
  • Messgeometrie: 0°/45° oder 45°/0° für Reflexionsmessung; d/8° für diffuses Licht mit Integrationskugel
  • Backing: Weißes oder schwarzes Backing unter dem Messobjekt

M0, M1, M2, M3 sind Beleuchtungsbedingungen nach ISO 13655:2017:

  • M0: Keine definierte UV-Menge (älterer Standard)
  • M1: D50-Beleuchtung mit definiertem UV-Anteil (für optische Aufheller)
  • M2: Kein UV (für Materialien ohne optische Aufheller)
  • M3: Polarisationsfilter (für stark glänzende Substrate)

Beispiele

Beispiel 1 – Druckabnahme: Ein Offset-Druckbogen wird mit einem Spektrophotometer (X-Rite i1Pro) gemessen. Das Unternehmensrot hat einen ΔE00 = 1,8 im Vergleich zum Proof. Das liegt innerhalb der ISO-12647-Toleranz und wird akzeptiert.

Beispiel 2 – Verpackungsproduktion: Eine Pharmafirma spezifiziert für ihre Produktlinie ΔE00 < 1,0 für die Hauptfarbe. Jede produzierte Verpackungscharge wird mit dem Referenzstandard verglichen. Eine Charge mit ΔE00 = 1,4 wird zurückgewiesen.

Beispiel 3 – Monitor-Kalibrierung: Nach der Kalibrierung misst ein Kolorimeter alle 24 Felder des ColorChecker-Charts. Der mittlere ΔE00 beträgt 0,8, der maximale ΔE00 liegt bei 1,4. Das ist ein exzellentes Kalibrierungsergebnis.

In der Praxis

Delta E messen

Hardware:

  • Spektrophotometer (z. B. X-Rite i1Pro, Konica Minolta FD-7): Für Papier, Drucke, Beschichtungen
  • Spektralmessgerät im Tischlabor (z. B. X-Rite Ci4200): Für Großserien-Qualitätskontrolle
  • Tristimulus-Kolorimeter (z. B. i1Display Pro): Nur für Monitore

Software:

  • X-Rite ColorMaster: ΔE-Berechnung für Druckabnahme
  • Colorimetry Research ACS: Für automatisierte Mess-Workflows
  • ColorThink Pro (Chromix): Visualisierung und ΔE-Analyse

Automatisierte Farbkontrolle

In modernen Druckmaschinen (Offset, Tiefdruck, Flexodruck) sind In-line-Spektrophotometer integriert, die kontinuierlich ΔE-Werte messen und bei Überschreitung von Toleranzgrenzen automatisch Farbalarm auslösen oder die Tintensteuerung anpassen. Hersteller wie Techkon, X-Rite und Barbieri bieten solche Systeme an.

Vergleich & Abgrenzung

FormelJahrStärkenSchwächen
ΔE*ab1976EinfachNicht wahrnehmungsgleichförmig
ΔE CMC1984Gut für TextilNicht standardisiert für Druck
ΔE*941994VerbessertBlaubereich noch problematisch
ΔE002001Beste Übereinstimmung mit WahrnehmungKomplexe Berechnung

Häufige Fragen (FAQ)

Kann ein menschliches Auge ΔE = 1 sehen? Im direkten Side-by-Side-Vergleich unter Normlicht: gerade eben. Im Einzelblick ohne Vergleich: nein. Geübte Qualitätskontrolleure können ΔE < 1 unter optimalen Bedingungen erkennen.

Was ist der Unterschied zwischen ΔE und Farbabstand? ΔE ist ein quantitativer Farbabstand im CIE-Farbraum – er hat eine wissenschaftliche Definition. „Farbabstand" ist ein allgemeiner Begriff, der auch subjektive Unterschiede meinen kann.

Gilt ΔE00 auch für Monitore und Displays? Ja, für kalibrierte Displays. Allerdings gelten für Displays oft andere Messtoleranzen – Testfelder werden im Transmission-Modus (Emission) gemessen, nicht in Reflexion.

Weiterführend

  • Wyszecki, G. & Stiles, W. S. (2000). Color Science: Concepts and Methods, Quantitative Data and Formulae (2. Aufl.). Wiley.
  • CIE 142:2001 – Improvement to Industrial Colour-Difference Evaluation
  • ISO 12647-2:2013 – Offsetdruck-Prozesskontrolle
  • ISO 13655:2017 – Spectral measurement and colorimetric computation for graphic arts images
  • Lübbe, E. (2013). Farbempfindung, Farbbeschreibung und Farbmessung. Springer Vieweg.
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