Friedrich Kittler (1943–2011) war ein deutscher Literaturwissenschaftler und Medienwissenschaftler, dessen programmatische These "Medien bestimmen unsere Lage" eine materialistische Medienwissenschaft begründete, die technische Apparate nicht als Werkzeuge des Menschen, sondern als autonome Formungskräfte von Kultur, Wissen und Subjektivität begreift.
Rubrik: Intermediale Gestaltung · Unterrubrik: Medienkunst · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Kittler, Friedrich A. Kittler
Wer war Friedrich Kittler?
Friedrich Kittler zählt zu den einflussreichsten und gleichzeitig umstrittensten Medienwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Mit provokanter Radikalität stellte er die These auf, dass nicht Menschen Medien benutzen, sondern Medien Menschen formen – eine Umkehrung des klassischen Werkzeugdenkens. Kittlers Blick auf Krieg, Musik, Mathematik und Literatur durch die Brille der Medientechnik schuf eine eigenständige Schule: die sogenannte "Berliner Schule" der Medienwissenschaft.
Erklärung
Biografie
Kittler wurde 1943 in Rochlitz (Sachsen) geboren, wuchs in der DDR auf und siedelte als Jugendlicher in den Westen über. Er studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie in Freiburg im Breisgau, wo er auch habilitierte. Längere Zeit lehrte er in Bochum, bevor er 1996 einen Lehrstuhl für Ästhetik und Mediengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin erhielt, den er bis zu seiner Emeritierung innehatte. Er starb 2011 in Berlin.
"Aufschreibesysteme 1800/1900" (1985)
Kittlers Durchbruch war das Werk "Aufschreibesysteme 1800/1900". Die zentrale These: Literatur ist keine freie Schöpfung des Autors, sondern ein Effekt der Aufschreibesysteme – der gesellschaftlichen Institutionen, technischen Apparate und Diskurse, die festlegen, welche Daten gespeichert, übertragen und verarbeitet werden können. Das "Aufschreibesystem 1800" ist geprägt vom handschriftlichen Brief, der Alphabetisierung und dem romantischen Genieglaube. Das "Aufschreibesystem 1900" wird durch Schreibmaschine, Phonograph und Kinematograph bestimmt – und erzeugt neue Typen von Subjektivität, Autorschaft und Wahnsinn.
"Grammophon, Film, Typewriter" (1986)
Das vielleicht lesbarste und international einflussreichste Werk Kittlers untersucht drei Medien des späten 19. Jahrhunderts: Grammophon (Schallaufzeichnung), Film (Bildaufzeichnung) und Schreibmaschine (Textualisierung). Kittlers These: Diese drei Medien haben das Symbolische (Sprache), das Reale (Körper, Geräusch) und das Imaginäre (Bild) voneinander getrennt – und damit die Grundbedingungen für Literatur, Musik und visuelles Denken im 20. Jahrhundert verändert. Die Lacan'sche Terminologie ist kein Zufall: Kittler las Mediengeschichte durch psychoanalytische Konzepte.
Militär und Medien
Eine kontroverse und zentrale These Kittlers lautet: Medienentwicklung ist kriegsgetrieben. Computer entstanden aus dem Bedarf der Kriegsmathematik (Alan Turing, Colossus); Internet aus ARPANET, einem militärischen Netzwerkprojekt; Raketensteuerung aus Fernmeldetechnik. Diese technodeterministische Sicht provozierte Widerspruch, aber auch fruchtbare Debatten.
Code und die Post-Sprache
In späteren Werken wie "Es gibt keine Software" und "Protected Mode" untersuchte Kittler Computercode als fundamentale Kulturtechnik. Seine These: Software ist eine Illusion – am Ende läuft alles auf Hardwareebene, auf physikalischen Spannungsunterschieden. Das bedeutet: Die scheinbare Immaterialität digitaler Kultur ist eine Maskierung realer Materialität. Diese Argumentation beeinflusste die Platform Studies und Software Studies, die sich mit digitalen Medien als physischen Artefakten beschäftigen.
Einfluss auf die Medienkunst
Kittlers Denken inspirierte eine ganze Generation von Medienkünstlerinnen und -wissenschaftlerinnen. Sein Begriff der Medienarchäologie – Medien in ihrer materialen Historizität zu untersuchen, nicht nur in ihrer aktuellen Funktion – prägte Künstlerinnen wie Matthew Kirschenbaum (digitale Forensik als Kunstpraxis) und die "Media Archaeology"-Bewegung um Erkki Huhtamo und Jussi Parikka. Sound Art-Künstlerinnen griffen seine Analyse der Trennung von Klang und Körper durch das Grammophon auf.
Beispiele (Hauptwerke)
- "Aufschreibesysteme 1800/1900" (1985) – Grundlagenwerk; Literatur als Effekt von Medientechnologien und Bildungssystemen.
- "Grammophon, Film, Typewriter" (1986) – Analyse von drei Speichermedien und ihrer Wirkung auf Kultur und Subjektivität.
- "Es gibt keine Software" (Essay, 1993) – Radikale These: Software existiert nur als Metapher; am Ende ist alles Hardware.
- "Musik und Mathematik" (2 Bde., 2006/2009) – Monumentales Spätwerk über die Verbindung von Musik, Mathematik und Medientechnik von der Antike bis zur Gegenwart.
- "Optische Medien" (2002, Berliner Vorlesung) – Zugängliche Einführung in seine Mediengeschichte von der Camera obscura bis zum Computer.
In der Praxis
Kittlers Texte sind oft schwierig zu lesen – dicht, provokativ, reich an Anspielungen. Der Einstieg ist am besten über "Grammophon, Film, Typewriter" oder die "Berliner Vorlesungen" ("Optische Medien") möglich. Für einen theoretischen Überblick empfiehlt sich Matthew Griffins und Stefanie Herrmanns Einführungsaufsatz. Das Kittler-Archiv an der Humboldt-Universität Berlin bewahrt seinen Nachlass.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu Vilém Flusser ist Kittler technisch-materialistischer und weniger an individueller Erfahrung interessiert. Im Vergleich zu Lev Manovich ist er historischer und stärker auf Macht- und Militärgeschichte ausgerichtet. Kittlers Antihumanismus – sein Insistieren auf der Vorrangigkeit der Maschine vor dem Menschen – ist das schärfste Distinktionsmerkmal.
Häufige Fragen (FAQ)
Was meint Kittler mit "Medien bestimmen unsere Lage"? Dieser Satz aus dem Vorwort zu "Grammophon, Film, Typewriter" ist Kittlers programmatische These: Medientechnologien sind keine neutralen Werkzeuge, die Menschen verwenden; sie prägen, was gedacht, gesagt und gefühlt werden kann. Schreibmaschine verändert Autorschaft, Grammophon verändert Musikhören, Computer verändert Denken – nicht als Hilfsmittel, sondern als kulturelle Formungsmächte.
Wie aktuell ist Kittler heute? Kittlers Fragen sind hochaktuell: Die Debatte über Algorithmenmacht, KI als autonome Akteurin und die Materialität digitaler Infrastruktur (Serverfarmen, Kabelverbindungen) führt Kittlers Impulse fort. Die "Media Archaeology"-Bewegung und Platform Studies bauen direkt auf seinem Werk auf.
Verwandte Einträge
- Vilém Flusser
- Lev Manovich
- Sound Art
- Geschichte der Medienkunst
- New Media Art heute – Institutionen und Szene
Weiterführend
- Kittler, Friedrich A.: Grammophon, Film, Typewriter. Brinkmann und Bose, Berlin 1986.
- Kittler, Friedrich A.: Aufschreibesysteme 1800/1900. Fink, München 1985.
- Parikka, Jussi: What Is Media Archaeology? Polity Press, Cambridge 2012.
