Vilém Flusser (1920–1991) war ein tschechisch-brasilianischer Medienphilosoph und Essayist, dessen Theorien über technische Bilder, den fotografischen Apparat und die Entstehung einer "neuen Schrift" die Medientheorie und Medienkunst des späten 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt haben.
Rubrik: Intermediale Gestaltung · Unterrubrik: Medienkunst · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Vilem Flusser, Flusser
Wer war Vilém Flusser?
Vilém Flusser war ein Denker zwischen den Kulturen und Sprachen. Als Jude aus Prag floh er 1939 nach Brasilien, wo er Jahrzehnte seines Lebens verbrachte und auf Portugiesisch und Deutsch schrieb. Sein Denken ist geprägt von der Erfahrung der Heimatlosigkeit, des Verlusts und der Notwendigkeit, Welt durch Sprache und Bilder neu zu konstruieren. In Werken wie "Für eine Philosophie der Fotografie" (1983) und "Die Schrift" (1987) entwickelte er eine originelle Medienphilosophie, die heute als Vorläufer der zeitgenössischen Medienwissenschaft gilt.
Erklärung
Biografie und intellektueller Kontext
Flusser wurde 1920 in Prag geboren und wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie auf. Er studierte Philosophie, wurde aber 1939 durch den Nazi-Terror aus Europa vertrieben. Über England und die USA emigrierte er nach Brasilien, wo er in São Paulo lebte und an der Universität lehrte. 1972 kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in der Provence nieder. 1991 starb er bei einem Autounfall in der Nähe von Prag, kurz nach seiner ersten Rückkehr in seine Geburtsstadt.
Technische Bilder und der Apparat
Flussers wichtigster Begriff ist das "technische Bild" – Bilder, die nicht von Hand gemacht, sondern von Apparaten produziert werden: Fotografien, Filme, Videos, Computergrafiken. Technische Bilder unterscheiden sich fundamental von traditionellen Bildern: Sie sind nicht Schöpfungen eines Individuum, sondern Ausgaben eines programmierten Apparats. Der Fotograf "spielt" das Spiel des Apparats – er wählt aus den Möglichkeiten, die das Programm der Kamera vorgibt.
Diese Abhängigkeit vom Apparat hat für Flusser weitreichende kulturelle und politische Konsequenzen: Wenn Bilder von Apparaten produziert werden, die ihrerseits von technisch-industriellen Systemen programmiert sind, dann sind die Bilder Ausdruck von Systemmacht, nicht individueller Kreativität. Die Frage lautet: Kann man gegen das Programm spielen? Flusser nennt dies "gegen den Apparat fotografieren" – das ist für ihn die eigentliche künstlerische und subversive Aufgabe.
"Für eine Philosophie der Fotografie" (1983)
Flussers Essay zur Fotografie ist sein bekanntestes und am häufigsten gelesenes Werk. Auf weniger als 100 Seiten entwickelt er eine vollständige Philosophie der fotografischen Praxis und ihrer kulturellen Bedeutung. Sein Argument: Fotografieren ist kein naives Abbilden, sondern ein aktives Gestalten innerhalb der Grenzen eines Programms. Die Freiheit des Fotografen ist die Freiheit innerhalb eines definierten Möglichkeitsraums.
Vom Linearen zum Vernetzten
In späteren Werken wie "Die Schrift" und "Ins Universum der technischen Bilder" (1985) entwickelt Flusser eine Theorie des kulturellen Wandels: Westliche Kultur ist geprägt von Linearität – der Zeile des Texts, der Geschichtserzählung, der kausalen Folge. Technische Bilder und vor allem Computer-Netze lösen diese Linearität auf: Sie schaffen vernetzte, rhizomatische, nicht-lineare Kommunikationsstrukturen. Flusser sah diesen Wandel schon in den 1980ern voraus, lange bevor das Internet zum Massenphänomen wurde.
Einfluss auf die Medienkunst
Flussers Konzepte sind in der Medienkunst omnipräsent. Generative Art-Künstlerinnen arbeiten im Spannungsfeld zwischen Apparat-Programm und individueller Intention. Net Art-Praktizierende bewegen sich in den vernetzten Kommunikationsstrukturen, die Flusser antizipierte. Seine Frage "Wie kann man gegen den Apparat spielen?" ist eine der grundlegenden Fragen jeder kritischen Medienkunst.
Beispiele (Hauptwerke)
- "Für eine Philosophie der Fotografie" (1983) – Kernwerk der Flusser'schen Medienphilosophie; Analyse des fotografischen Apparats als Kulturmacht.
- "Ins Universum der technischen Bilder" (1985) – Vorwegnahme vernetzter Bildkommunikation; visionäre Theorie der digitalen Bildgesellschaft.
- "Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?" (1987) – Essay über den Übergang von linearer Schriftlichkeit zu vernetzter Bildkommunikation.
- "Kommunikologie" (posthum 1996) – Systematisierung seiner Kommunikationstheorie; zwischen Einwegkommunikation (Massenmedien) und Dialog.
- "Bodenlos" (Autobiografie, 1992) – Autobiografisches Essay über Heimatlosigkeit als intellektuellen Grundzustand.
In der Praxis
Flusser ist zugänglich: Seine Texte sind kurz, essayistisch und oft provokativ formuliert. "Für eine Philosophie der Fotografie" ist ein idealer Einstieg und auch für Studierende ohne umfangreiche Philosophievorerfahrung lesbar. Die Flusser Archiv der Universität der Künste Berlin (udk-berlin.de) bewahrt seinen Nachlass und stellt online Texte zur Verfügung. Das "Flusser Studies"-Journal veröffentlicht aktuelle wissenschaftliche Auseinandersetzungen.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu Friedrich Kittler ist Flussers Ansatz phänomenologischer und kulturkritischer – er interessiert sich für die Erfahrung des Menschen mit Medien, nicht primär für die technischen Materialitäten. Im Vergleich zu Lev Manovich ist Flusser essayistischer und weniger empirisch – er entwickelt Thesen aus philosophischer Intuition statt aus Datenalyse. Beide Ansätze ergänzen sich produktiv.
Häufige Fragen (FAQ)
Was meint Flusser mit "gegen den Apparat fotografieren"? Flusser sieht den Fotografen als gefangen im Programm des Apparats: Die Kamera bietet ein endliches, aber riesiges Repertoire von Möglichkeiten – der Fotograf wählt aus, aber innerhalb vorgegebener Grenzen. "Gegen den Apparat fotografieren" bedeutet, diese Grenzen zu erkennen, zu hinterfragen und kreativ zu überschreiten – durch unerwartete, absurde oder subversive Nutzung des Mediums.
Wie ist Flusser heute relevant? Flussers Begriff des Apparats lässt sich mühelos auf Social-Media-Algorithmen, KI-Bildgeneratoren und Plattformökonomie übertragen. Die Frage, wie viel Freiheit im Spielen innerhalb eines algorithmischen Programms steckt, ist heute aktueller denn je.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Flusser, Vilém: Für eine Philosophie der Fotografie. European Photography, Göttingen 1983.
- Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder. European Photography, Göttingen 1985.
- Zielinski, Siegfried (Hg.): Vilém Flusser: Writings. University of Minnesota Press, Minneapolis 2002.
