Die Arts-and-Crafts-Bewegung belebte um 1900 die handwerkliche Kalligrafie wieder, vor allem durch Edward Johnston, der die historische Breitfeder-Schrift neu erforschte und lehrte.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Geschichte · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Arts and Crafts Movement, kunsthandwerkliche Schriftbewegung
Was ist die Arts-and-Crafts-Bewegung in Bezug auf Schrift?
Die Arts-and-Crafts-Bewegung war eine britische Reformbewegung des späten 19. Jahrhunderts, die als Reaktion auf die industrielle Massenfertigung das Kunsthandwerk wiederbeleben wollte. Für die Schrift bedeutete die Arts-and-Crafts-Bewegung eine bewusste Rückbesinnung auf historische Handschriften und die handgeführte Breitfeder.
Erklärung
William Morris (1834–1896), zentrale Figur der Arts-and-Crafts-Bewegung, gründete 1891 die Kelmscott Press und gestaltete Bücher nach mittelalterlichem Vorbild, mit eigenen Drucktypen, Initialen und kalligrafischer Anmutung. Morris experimentierte selbst mit Handschriften und sammelte mittelalterliche Manuskripte. Damit legte die Arts-and-Crafts-Bewegung das ideelle Fundament für die kalligrafische Wiederbelebung. Morris entwarf für die Kelmscott Press drei Schriften: die Golden Type (1890), die Troy Type (1891) und die Chaucer Type (1892), alle an mittelalterlichen Buchschriften orientiert.
Den entscheidenden Schritt vollzog Edward Johnston (1872–1944), der ab 1899 am Central School of Arts and Crafts in London Kalligrafie unterrichtete. Johnston studierte mittelalterliche Manuskripte im British Museum und rekonstruierte die korrekte Breitfedertechnik, die über Jahrhunderte verloren gegangen war. Sein Lehrbuch „Writing & Illuminating, & Lettering" (1906) gilt als Gründungsdokument der modernen abendländischen Kalligrafie. Johnston entwickelte die „Foundational Hand", eine an karolingische Vorbilder angelehnte Lehrschrift, und entwarf 1916 die Johnston-Schrift für die Londoner U-Bahn, einen Brückenschlag zwischen historischer Tradition und moderner Gebrauchsgrafik. Die Arts-and-Crafts-Bewegung verband so historisches Studium mit lebendiger Lehrpraxis und prägte ganze Generationen von Kalligrafinnen und Kalligrafen.
Unter Johnstons Schülern ragte Anna Simons (1871–1951) besonders hervor: Sie übersetzte sein Lehrbuch ins Deutsche (1910) und lehrte selbst an der Kunstgewerbeschule Düsseldorf. Durch diese Weitergabe gelangte die britische Breitfedertradition nach Deutschland und Österreich, wo sie auf fruchtbaren Boden fiel und lokale Schriftreformbewegungen auslöste.
Beispiele
- William Morris, Kelmscott Press (ab 1891): Buchkunst nach mittelalterlichem Vorbild, mit selbst entworfenen Drucktypen.
- Edward Johnston „Writing & Illuminating, & Lettering" (1906): Standardwerk der Wiederbelebung, bis heute im Druck.
- Foundational Hand: Johnstons karolingisch inspirierte Lehrschrift für den Unterricht.
- Johnston-Schrift für die Londoner U-Bahn (1916): Übernahme kalligrafischer Grundsätze in moderne Gebrauchsgrafik.
- Society of Scribes & Illuminators (gegründet 1921): institutionelle Folge der Bewegung, bis heute aktiv.
In der Praxis
Die Foundational Hand ist bis heute die übliche Einstiegsschrift im Kalligrafie-Unterricht, weil sie klare Proportionen und einen festen Federwinkel (45 Grad) vermittelt. Wer in der Tradition der Arts-and-Crafts-Bewegung arbeitet, nutzt eine Breitfeder, studiert historische Manuskripte und legt Wert auf handwerkliche Sorgfalt statt mechanischer Wiederholung. Johnstons Lehrbuch ist nach wie vor als Standardreferenz im Handel erhältlich und wird weltweit in Kalligrafiekursen empfohlen.
Vergleich & Abgrenzung
| Merkmal | Arts-and-Crafts-Schrift | Industrielle Druckschrift |
|---|---|---|
| Werkzeug | Breitfeder, Hand | Maschine, Satz |
| Vorbild | mittelalterliche Manuskripte | Effizienz |
| Haltung | Kunsthandwerk | Massenfertigung |
Häufige Fragen (FAQ)
Wer gilt als Begründer der modernen abendländischen Kalligrafie? Edward Johnston, dessen Lehrtätigkeit ab 1899 und dessen Lehrbuch von 1906 die Breitfedertechnik wiederbelebten und weltweit verbreiteten.
Was hat William Morris mit Schrift zu tun? Morris gestaltete mit der Kelmscott Press historisierende Buchkunst und schuf das ideelle Klima, aus dem die kalligrafische Wiederbelebung hervorging. Er entwarf eigene Drucktypen und sammelte mittelalterliche Manuskripte.
Was ist die Foundational Hand? Eine von Edward Johnston auf Basis karolingischer Handschriften entwickelte Lehrschrift, die heute weltweit als Einstiegsschrift im Kalligrafie-Unterricht gilt.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Johnston, Edward (1906): Writing & Illuminating, & Lettering. John Hogg.
- Naylor, Gillian (1971): The Arts and Crafts Movement. Studio Vista.
- Harvey, Michael (1990): Creative Lettering. Bodley Head.
