Die Kalligrafie-Renaissance im 20. Jahrhundert bezeichnet die Wiederbelebung des schönen Schreibens als eigenständige Kunstform, ausgelöst durch Edward Johnston und fortgeführt von Schulen in England, Österreich und Deutschland.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Geschichte · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Wiederbelebung der Kalligrafie, Calligraphy Revival, Schriftkunst-Renaissance
Was ist die Kalligrafie-Renaissance im 20. Jahrhundert?
Die Kalligrafie-Renaissance im 20. Jahrhundert ist die internationale Wiederbelebung der handgeführten Schriftkunst, nachdem der Buchdruck und die industrielle Schriftproduktion die Handschrift jahrhundertelang zurückgedrängt hatten. Die Kalligrafie-Renaissance machte das schöne Schreiben wieder zum Lehr- und Kunstfach.
Erklärung
Den Anstoß gab die englische Arts-and-Crafts-Bewegung mit Edward Johnston (Lehrbuch 1906). In Österreich wirkte Rudolf von Larisch (1856–1934), der an der Wiener Kunstgewerbeschule eine eigene Schriftlehre entwickelte, die weniger auf historische Nachahmung als auf freien gestalterischen Ausdruck setzte. In Deutschland prägte Rudolf Koch (1876–1934) in Offenbach eine Werkstattgemeinschaft, die Kalligrafie mit Schriftgestaltung und Buchkunst verband.
Nach dem Zweiten Weltkrieg führte Hermann Zapf (1918–2015) diese Tradition weiter und verband kalligrafisches Können mit moderner Typografie – seine Schriften Palatino, Optima und Zapfino entstanden aus kalligrafischem Denken. In den USA und Großbritannien entstanden ab den 1970er-Jahren zahlreiche Gesellschaften und Zeitschriften, die die Kalligrafie-Renaissance institutionell verankerten. Die Bewegung verlagerte den Schwerpunkt zunehmend vom historischen Kopieren hin zum persönlichen, expressiven Ausdruck und bereitete damit die spätere moderne Kalligrafie-Bewegung vor.
Beispiele
- Edward Johnston (England): Auslöser über die Foundational Hand.
- Rudolf von Larisch (Wien): ausdrucksorientierte Schriftlehre.
- Rudolf Koch (Offenbach): Werkstattgemeinschaft, Schrift und Buchkunst.
- Hermann Zapf: Brücke von Kalligrafie zu moderner Typografie.
- Society of Scribes (New York, 1974): institutionelle Verankerung in den USA.
In der Praxis
Die Kalligrafie-Renaissance prägt bis heute den Unterricht: Viele Kurse beginnen mit Johnstons Foundational Hand und arbeiten sich zu freieren, ausdrucksbetonten Formen vor. Wer sich vertieft, studiert die Lehrwerke von Larisch, Koch und Zapf nebeneinander, um den Spannungsbogen von historischer Treue zu freiem Ausdruck zu verstehen. Zahlreiche Kalligrafie-Gesellschaften und Fachzeitschriften pflegen das Erbe der Renaissance.
Vergleich & Abgrenzung
| Merkmal | Kalligrafie-Renaissance | Industrielle Schriftproduktion |
|---|---|---|
| Ausrichtung | Kunst, Ausdruck, Handwerk | Effizienz, Reproduktion |
| Vorbild | historische Manuskripte | technische Norm |
| Akteure | Schreibmeister, Lehrer, Künstler | Industrie |
Häufige Fragen (FAQ)
Wodurch wurde die Kalligrafie-Renaissance ausgelöst? Durch die englische Arts-and-Crafts-Bewegung, insbesondere Edward Johnstons Wiederentdeckung der Breitfedertechnik um 1900.
Wie unterscheidet sich die Renaissance von der modernen Kalligrafie-Bewegung? Die Renaissance stellte historische Schriften und handwerkliche Tradition in den Mittelpunkt; die moderne Bewegung ab 2010 betont individuellen Stil und digitale Verbreitung.
Weiterführend
- Johnston, Edward (1906): Writing & Illuminating, & Lettering. John Hogg.
- Kapr, Albert (1976): Schriftkunst. Verlag der Kunst.
- Zapf, Hermann (2007): Alphabet Stories. Mergenthaler Edition Linotype.

