Asemic Writing (asemische Schrift) ist eine schriftartige Kunstform, die wie geschriebene Sprache aussieht, aber keine festgelegte Wortbedeutung trägt – Bedeutung entsteht offen im Auge der Betrachtenden.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Komposition & Theorie · Niveau: Profi Synonyme / Auch bekannt als: asemische Schrift, schriftlose Schrift, Pseudoschrift, asemic art
Was ist Asemic Writing?
Asemic Writing (asemische Schrift) bezeichnet schriftähnliche Zeichen ohne semantischen Inhalt. Der Begriff – aus dem Griechischen „a-semic" (ohne Zeichenbedeutung) – meint Werke, die die Geste und das Erscheinungsbild von Schrift haben, ohne lesbare Worte zu bilden.
Erklärung
Asemic Writing steht an der Schnittstelle von Schrift, Zeichnung und abstrakter Kunst. Die Werke imitieren das Verhalten von Schrift – Zeilen, Wortabstände, Buchstabenrhythmus –, lassen sich aber nicht „lesen". Der Reiz liegt darin, dass Betrachtende die vertraute Erwartung von Lesbarkeit aktivieren, ins Leere laufen und stattdessen freie Assoziationen bilden. Der Begriff wurde Ende der 1990er-Jahre durch Tim Gaze und Jim Leftwich geprägt und popularisiert; die Praxis selbst ist älter und reicht über Henri Michaux’ „mescaline drawings" bis zu ostasiatischen „cursive grass scripts" zurück, deren Lesbarkeit für Laien faktisch aufgehoben ist.
Für die Kalligrafie ist Asemic Writing (asemische Schrift) interessant, weil es die Frage nach dem Verhältnis von Form und Bedeutung zuspitzt. Wenn der Inhalt vollständig entfällt, bleibt nur das Schriftbild: Rhythmus, Dichte, Linienqualität. Damit ist asemische Schrift verwandt mit der expressiven Kalligrafie, geht aber weiter – sie verzichtet bewusst und vollständig auf Wortinhalt, während expressive Kalligrafie meist noch von einem Text ausgeht. Peter Schwenger (2019) untersucht in Asemic: The Art of Writing dieses Spannungsfeld zwischen Zeichen und Nicht-Zeichen.
Beispiele
- Henri Michaux: Frühe schriftähnliche Tuschezeichnungen ohne Lesbarkeit.
- Cy Twombly: Schriftartige Kritzeleien in der Malerei.
- Mirtha Dermisache: Ganze „Bücher" aus erfundener, bedeutungsloser Schrift.
- Ostasiatische Grasschrift: Kursive, für Laien unlesbare Schriftformen.
- Zeitgenössische asemic-Werke: Digital oder handgeschrieben in Online-Communities.
In der Praxis
Asemische Schrift entsteht oft aus schneller, automatischer Bewegung – die Hand „schreibt", ohne Worte zu formen. Manche Künstler/innen erfinden eigene, konsistente Zeichensysteme, andere arbeiten rein gestisch. Werkzeuge reichen von Feder und Pinsel bis zu unkonventionellen Schreibern. Wer aus der Kalligrafie kommt, nutzt sein Gefühl für Schriftrhythmus, um überzeugende, „echt" wirkende Pseudoschrift zu erzeugen.
Vergleich & Abgrenzung
Asemische Schrift hat überhaupt keinen Wortinhalt; expressive Kalligrafie verzerrt lesbaren Text; konkrete Poesie nutzt reale Worte als Bildmaterial.
| Merkmal | Asemic Writing | Expressive Kalligrafie | Konkrete Poesie |
|---|---|---|---|
| Wortinhalt | keiner | vorhanden, verzerrt | real, sichtbar |
| Lesbarkeit | bewusst aufgehoben | reduziert | erhalten |
| Fokus | Schriftgeste | Ausdruck | Wort-Bild |
Häufige Fragen (FAQ)
Woher stammt der Begriff Asemic Writing? Er wurde Ende der 1990er-Jahre von Tim Gaze und Jim Leftwich geprägt; „asemic" bedeutet „ohne (festgelegte) Bedeutung". Die künstlerische Praxis selbst ist deutlich älter.
Ist asemische Schrift dasselbe wie abstrakte Kalligrafie? Nein. Abstrakte/expressive Kalligrafie geht meist von einem Text aus und verzerrt ihn, asemische Schrift verzichtet von vornherein vollständig auf jeden Wortinhalt.
Weiterführend
- Schwenger, Peter (2019): Asemic: The Art of Writing. Minneapolis: University of Minnesota Press.
- Gaze, Tim / Jacobson, Michael (Hg.) (2013): An Anthology of Asemic Handwriting. Den Haag: Uitgeverij.
- Drucker, Johanna (1995): The Alphabetic Labyrinth. London: Thames & Hudson.

