Ein Kalligramm ist ein Text, dessen Wörter so angeordnet sind, dass ihre Anordnung selbst ein Bild ergibt – Schrift und dargestellter Gegenstand fallen zusammen.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Komposition & Theorie · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Figurengedicht, calligramme, Bildgedicht, Wortbild
Was ist ein Kalligramm?
Ein Kalligramm entsteht, wenn der Text einer Schrift so platziert wird, dass er die Form dessen nachzeichnet, wovon er handelt – etwa ein Gedicht über Regen, dessen Zeilen wie fallende Tropfen verlaufen. Kalligrafie und Kalligramm verbinden hier Inhalt und Form unmittelbar.
Erklärung
Der Begriff „calligramme" wurde vom französischen Dichter Guillaume Apollinaire geprägt, dessen Sammlung Calligrammes (1918) Gedichte enthält, deren Schriftbild Gegenstände wie eine Taube, den Eiffelturm oder einen Springbrunnen formt. Die Idee selbst ist älter: Schon in der Antike und im Barock gab es Figurengedichte (technopaegnia), bei denen Verse eine Gestalt annahmen. Im Kalligramm verschmelzen also das Lesbare und das Bildhafte – man liest und sieht zugleich.
Für die Kalligrafie ist das Kalligramm reizvoll, weil es das Text-Bild-Verhältnis bis zur Identität treibt: Der Text ist das Bild. Anders als beim bloß illustrierten Schriftblatt gibt es kein zusätzliches Motiv; die Anordnung der Wörter selbst trägt die Darstellung. Das stellt besondere Anforderungen an die Planung – Zeilenlängen, Wortumbrüche und Buchstabengrößen müssen so gesteuert werden, dass die Silhouette erkennbar bleibt, ohne den Lesefluss völlig zu zerstören. Kalligrafie und Kalligramm verlangen daher sowohl gestalterisches als auch sprachliches Geschick.
Beispiele
- Apollinaire „La colombe": Text in Form einer Taube.
- Regengedicht: Zeilen verlaufen senkrecht wie fallende Tropfen.
- Herzform: Liebesgedicht, dessen Umriss ein Herz bildet.
- Baum-Kalligramm: Stamm und Krone aus Wörtern aufgebaut.
- Spiralgedicht: Text läuft spiralförmig nach innen.
In der Praxis
Man beginnt mit einer Bleistift-Kontur der Zielform und füllt sie zeilen- oder buchstabenweise mit Text. Hilfreich ist, vorab die Zeichenzahl des Textes zur Fläche der Form abzuschätzen. Bei handgeschriebenen Kalligrammen variiert man Buchstabengröße und Laufweite, um Lücken zu schließen. Wer Kalligrafie und Kalligramm verbindet, sollte die Lesbarkeit so weit wie möglich erhalten – ganz aufgehoben gleitet das Werk in reine Schriftgrafik ab.
Vergleich & Abgrenzung
Beim Kalligramm formt der lesbare Text ein Bild. Bei der konkreten Poesie wird Sprache als visuelles Material genutzt, ohne zwingend ein gegenständliches Bild. Asemische Schrift verzichtet ganz auf Lesbarkeit.
| Merkmal | Kalligramm | Konkrete Poesie | Asemic Writing |
|---|---|---|---|
| Bildbezug | gegenständlich | abstrakt/visuell | kein Wort |
| Lesbarkeit | erhalten | erhalten | aufgehoben |
| Ursprung | Apollinaire | 1950er Avantgarde | 1990er |
Häufige Fragen (FAQ)
Wer hat das Kalligramm erfunden? Den Begriff prägte Guillaume Apollinaire mit seiner Sammlung Calligrammes (1918); Figurengedichte als Form gab es jedoch schon in Antike und Barock.
Worin unterscheidet sich ein Kalligramm von einem illustrierten Text? Beim Kalligramm bildet der Text selbst die Darstellung; ein illustrierter Text kombiniert Schrift mit einem getrennten Bild. Im Kalligramm fallen beide zusammen.
Weiterführend
- Apollinaire, Guillaume (1918): Calligrammes. Poèmes de la paix et de la guerre. Paris: Mercure de France.
- Adler, Jeremy / Ernst, Ulrich (1987): Text als Figur. Visuelle Poesie von der Antike bis zur Moderne. Weinheim: VCH.
- Drucker, Johanna (1995): The Alphabetic Labyrinth. London: Thames & Hudson.

