Kanzlei-Kursive (Cancelleresca) ist die schräge, fließende Kursivschrift der päpstlichen und fürstlichen Kanzleien der italienischen Renaissance und der Ursprung der heutigen Italic-Schreibschrift.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Lateinische Schriften · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Cancelleresca, Cancellaresca corsiva, Chancery-Kursive, italienische Kanzleischrift
Was ist die Kanzlei-Kursive?
Die Kanzlei-Kursive (Cancelleresca) ist eine elegante, leicht geneigte Kursivschrift, die im 15. und 16. Jahrhundert in den italienischen Kanzleien entstand. Sie verbindet zügiges Schreiben mit ästhetischer Klarheit und wurde zum Vorbild der humanistischen Kursive und der modernen Italic.
Erklärung
Die Kanzlei-Kursive entwickelte sich aus der humanistischen Minuskel, als deren schnell geschriebene, zügige Variante. In der päpstlichen Kanzlei (cancelleria) und an den Höfen der Renaissance brauchte man eine Schrift, die rasch und dennoch schön zu schreiben war – daher der Name Cancelleresca. Charakteristisch sind die leichte Rechtsneigung, die ovalen Buchstabenformen, die feinen Verbindungsstriche und die schlanken, oft mit Schwüngen versehenen Ober- und Unterlängen.
Ihre Bedeutung wuchs enorm, als der Schreibmeister Ludovico degli Arrighi 1522 mit „La Operina" das erste gedruckte Lehrbuch zur Cancelleresca veröffentlichte und sie damit europaweit verbreitete. Aus dieser Schrift entwickelten sich die gedruckten Italic-Typen und die heutigen kalligrafischen Italic-Schreibschriften. Die Kanzlei-Kursive gilt damit als eine der einflussreichsten Schreibschriften der westlichen Kalligrafie.
Beispiele
- Beispiel 1: Ludovico degli Arrighis Lehrbuch „La Operina" (1522).
- Beispiel 2: Schriftproben der päpstlichen Kanzlei des 16. Jahrhunderts.
- Beispiel 3: Briefe und Urkunden italienischer Höfe der Renaissance.
- Beispiel 4: Moderne Italic-Kalligrafie auf Urkunden und Einladungen.
- Beispiel 5: Lehrwerke der Schreibmeister Tagliente und Palatino.
In der Praxis
Die Kanzlei-Kursive schreibt man mit der Breitfeder bei einem Schreibwinkel von etwa 40 bis 45 Grad und einer leichten Rechtsneigung der Buchstaben von etwa 5 bis 10 Grad. Die Buchstaben sind oval, nicht rund, mit feinen Ein- und Ausstrichen. Wichtig sind ein flüssiger Rhythmus und gleichmäßige Neigung. Die Schrift gilt als anspruchsvoll, aber sehr lohnend und ist eine klassische Übung für fortgeschrittene Kalligraf/innen. Geeignet sind spitz zugeschnittene Breitfedern.
Vergleich & Abgrenzung
Die Kanzlei-Kursive ist eng mit der modernen Italic verwandt – die Italic ist im Grunde ihre Fortführung. Gegenüber der aufrechten Humanistischen Minuskel ist die Cancelleresca geneigt und stärker verbunden.
| Merkmal | Kanzlei-Kursive | Humanistische Minuskel |
|---|---|---|
| Neigung | leicht schräg | aufrecht |
| Tempo | zügig, kursiv | ruhig, formal |
| Form | oval, verbunden | rund, getrennt |
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Kanzlei-Kursive und Italic? Die Kanzlei-Kursive ist die historische Renaissance-Schrift der Kanzleien; die Italic ist ihre direkte moderne Fortführung als kalligrafische Schreibschrift. Die Begriffe überschneiden sich stark.
Woher kommt der Name Cancelleresca? Von der italienischen „cancelleria" (Kanzlei), wo diese zügig schreibbare, elegante Schrift entwickelt und gepflegt wurde.
Weiterführend
- Arrighi, Ludovico degli (1522): La Operina da imparare di scrivere littera cancellarescha. Rom.
- Fairbank, Alfred (1932): A Handwriting Manual. London: Faber & Faber.
- Knight, Stan (1998): Historical Scripts. New Castle: Oak Knoll Press.

