Parallel Pen ist ein Kalligrafie-Füller, dessen Schreibkante aus zwei parallel geführten Metallplatten besteht; er liefert besonders scharfe Breitschrift-Striche und kann Farben mischen.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Werkzeuge & Materialien · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Pilot Parallel Pen, Plattenfeder-Füller, parallel pen
Was ist ein Parallel Pen?
Ein Parallel Pen ist eine besondere Bauart des Kalligrafie-Füllers: Statt einer klassischen Feder bilden zwei dünne, parallel aneinanderliegende Metallplatten die Schreibkante. Zwischen ihnen läuft die Tinte kapillarisch zur Spitze. Diese Konstruktion erzeugt außergewöhnlich saubere, scharfkantige Breitschrift-Striche.
Erklärung
Der Parallel Pen wurde von Pilot entwickelt und hat sich als eigene Werkzeugkategorie etabliert. Das Plattenprinzip sorgt dafür, dass die Tinte über die gesamte Breite der Kante gleichmäßig austritt, die Strichkanten werden dadurch schärfer als bei vielen herkömmlichen Italic-Füllern. Wie eine Breitfeder (Bandzugfeder) erzeugt der Parallel Pen Strichkontraste über den Federwinkel und eignet sich für Italic, Versalien und dekorative Breitschriften.
Eine Besonderheit ist die Farbmischung: Hält man die Kante eines Parallel Pen kurz gegen die eines zweiten, befüllt mit anderer Farbe, übernimmt der Stift einen Teil der Fremdfarbe und schreibt einen sanften Verlauf, bis die eigene Tinte wieder durchläuft. Das macht das Werkzeug bei farbigem Lettering beliebt.
Der Parallel Pen gilt als einsteigerfreundlich, weil er ohne Tauchen auskommt und dennoch den scharfen, kontrastreichen Strich liefert, der sonst eine Tauch-Breitfeder erfordert.
Die vier Größen im Detail
Der Parallel Pen ist in vier Kantenbreiten erhältlich. Die Größe bestimmt, welche Schriften und Schriftgrößen möglich sind, und folgt dem klassischen Breitfeder-Prinzip: Je breiter die Kante, desto größer muss die Schrift sein, damit die Proportionen stimmen.
1,5 mm (rote Kappe)
Die schmalste Variante. Geeignet für kleine Italic-Schriften und Texte in Buchhöhe (x-Höhe ab etwa 4 mm). Besonders nützlich, wenn man mehrere Zeilen auf engem Raum schreiben will, etwa auf Briefumschlägen oder Namenskarten. Die schmale Kante verzeiht Federwinkelfehler weniger als breitere Versionen.
2,4 mm (blaue Kappe)
Die vielseitigste Größe und am häufigsten empfohlen für Einsteiger/innen. Geeignet für mittelgroße Italic-Schriften (x-Höhe 6 bis 8 mm), Foundational Hand und klassische Breitschriften. Guter Strichkontrast, einfach zu kontrollieren. Diese Größe ist für die meisten Übungshefte und Lehrbücher die Standardgröße.
3,8 mm (grüne Kappe)
Geeignet für größere Schriften auf A4-Format, Überschriften und dekorative Texte. x-Höhe 9 bis 12 mm. Der breite Strich macht Strichkontraste besonders sichtbar und eignet sich gut zum Erlernen der Federwinkelkontrolle. Für Farbverläufe ist diese Größe besonders wirkungsvoll, da mehr Farbe im Strich sichtbar ist.
6,0 mm (gelbe Kappe)
Die breiteste Variante, geeignet für Plakatschriften und große Schriftzüge (x-Höhe 15 mm und mehr). Auf normalem A4-Papier entstehen sehr große, imposante Buchstaben. Diese Größe ist weniger für alltägliche Texte als für dekorative Arbeiten, Plakate und das Erlernen der Strichstruktur in großem Maßstab gedacht.
Faustregel: Die x-Höhe sollte 4 bis 5 Federstrichbreiten betragen. Beim 2,4-mm-Stift wäre das eine x-Höhe von etwa 9,6 bis 12 mm; in der Praxis arbeiten viele mit 5 Federstrichbreiten (12 mm) als Ausgangspunkt.
Patronensystem
Der Parallel Pen wird mit Pilot IC-50-Tintenpatronen befüllt. Diese standardisierten Patronen sind in vielen Farben erhältlich (Schwarz, Rot, Blau, Grün, Violett und weitere) und passen nicht nur in den Parallel Pen, sondern auch in andere Pilot-Füller. Für das Befüllen mit anderen Tinten gibt es außerdem eine Konverter-Kompatibilität: Ein Pilot-Konverter (CON-40 oder CON-BF) ermöglicht das Befüllen aus dem Tintenfass.
Patronenwechsel: Kappe abnehmen, Stift waagerecht halten, leere Patrone herausziehen. Neue Patrone eindrücken, bis sie hörbar einrastet. Stift leicht schütteln und anschreiben, bis Tinte durchläuft. Das erste Anschreiben kann etwas dauern.
Farbverlauf-Technik: Schritt für Schritt
Der Farbverlauf (Ombre-Effekt) ist eine der bekanntesten Besonderheiten des Parallel Pen.
- Zwei Parallel Pen in derselben Größe mit unterschiedlichen Tintenfarben befüllen (z. B. Blau und Grün, oder Lila und Rosa).
- Den Stift mit der Farbe, die am Anfang der Linie stehen soll, an die Schreibkante des zweiten Stifts halten. Die beiden Kanten kurz und direkt aneinanderdrücken.
- Durch die Kapillarwirkung zwischen den Platten fließt etwas Fremdfarbe in die Kante des ersten Stifts.
- Den Stift sofort zum Schreiben verwenden. Die Farbe am Anfang des Strichs zeigt einen sanften Verlauf zur dominanten Eigenfarbe.
- Je mehr Kontaktfläche und je länger der Kontakt, desto mehr Fremdfarbe gelangt in die Kante. Mit etwas Übung lässt sich der Effekt präzise steuern.
- Nach dem Farbverlauf schreibt der Stift wieder rein in seiner Eigenfarbe, sobald die eingemischte Fremdfarbe aufgebraucht ist.
Dieser Effekt funktioniert am besten mit wasserbasierter, füllergeeigneter Tinte; pigmentierte Tinten oder Tusche können die Kanten verkleben.
Tintenempfehlungen
Der Parallel Pen verträgt nur füllergeeignete Tinten auf Wasserbasis ohne Pigmentpartikel. Folgende Tinten sind bewährt:
- Pilot Iroshizuku: hochwertige, dünne Farbflüssigkeit auf Wasserbasis, in vielen Farbtönen (z. B. Tsuki-yo für Teal, Ama-iro für Hellblau, Fuyu-syogun für Grau). Fließt hervorragend durch die Parallelkanten, keine Verstopfung, einfach zu reinigen.
- Diamine Inkt: britische Marke, gute Fließeigenschaft, große Farbauswahl, günstig.
- J. Herbin Tinte: klassische französische Tinte, leicht, fließig, für Farbverläufe gut geeignet.
- Pilot Tintenpatronen (IC-50): die Haustinte, funktioniert zuverlässig.
Nicht geeignet: Tusche (China-Ink, Sumi), pigmentierte Tinten (z. B. Winsor & Newton Calligraphy Ink mit hohem Pigmentgehalt), Metallictinte. Diese Tinten verstopfen die engen Spalten zwischen den Metallplatten.
Reinigung im Detail
Der Parallel Pen enthält eine Reinigungslamelle aus dünnem Metall, die zwischen den Platten geführt wird, um verkrustete Tinte zu lösen.
Reinigungsschritte:
- Kappe abnehmen, Patrone herausziehen.
- Schreibkopf (Plattenteil) unter lauwarmem Wasser halten. Das Wasser läuft zwischen den Platten hindurch und spült die Tinte heraus.
- Die beiliegende Metalllamelle vorsichtig von der Kante her zwischen die Platten schieben und langsam hin- und herbewegen. Nicht mit Kraft drücken.
- Spülen, bis das abfließende Wasser klar ist.
- Mit einem weichen Tuch tupfen, nicht reiben.
- Vollständig trocknen lassen, bevor eine neue Patrone eingesetzt wird.
Bei sehr hartnäckiger eingetrockneter Tinte kann ein kurzes Einlegen des Schreibkopfs in Wasser (30 bis 60 Minuten) helfen, bevor man die Lamelle einsetzt.
Häufige Probleme und Lösungen
Tinte fließt nicht: Häufigste Ursache ist eingetrocknete Tinte zwischen den Platten. Schreibkopf unter Wasser halten und die Lamelle verwenden. Anschließend neue Patrone einsetzen und auf einem Probeblatt anschreiben.
Zu viel Tinte auf einmal: Die Kante ist zu stark mit Tinte gefüllt oder der Federwinkel ist zu flach. Stift kurz auf einem Papiertuch abtupfen und mit korrektem Federwinkel (45 bis 60 Grad) neu ansetzen.
Farben mischen sich ungewollt: Wenn zwei Parallel Pen im Stiftehalter zusammenliegen und sich die Kanten berühren, kann unbeabsichtigt Farbe übertragen werden. Beide Stifte mit aufgesetzter Kappe lagern.
Schriftbild unscharf: Papier zu saugfähig oder zu rau. Glattes Papier (Rhodia, Clairefontaine Triomphe) verwenden. Auch ein zu hoher Druck auf die Kante kann die Platten leicht spreizen und das Bild unscharf machen.
Beispiele
- Pilot Parallel Pen 2,4 mm (blaue Kappe): Standardgröße für Italic und Foundational Hand.
- Pilot Parallel Pen 6,0 mm (gelbe Kappe): Plakate und große Schriftzüge.
- Farbverlauf Blau zu Grün: Kanten kurz aneinanderhalten, sofort schreiben.
- Pilot Iroshizuku Tinte: empfohlene Qualitätstinte für Farbverläufe.
- Unterricht: Einstieg in die Breitschrift ohne Tusche und Tauchen.
In der Praxis
Den Parallel Pen mit IC-50-Patrone befüllen, kurz anschreiben und mit konstantem Federwinkel führen. Für Farbverläufe zwei Stifte mit unterschiedlichen Tinten bereithalten und die Kanten kurz aneinanderdrücken. Nach dem Schreiben mit Wasser spülen und die Lamelle für gründliche Reinigung einsetzen. Glattes Papier (Rhodia, Clairefontaine) sorgt für saubere Kanten.
Vergleich & Abgrenzung
Der Parallel Pen wird oft mit klassischen Kalligrafie-Füllern wie Lamy Joy oder Safari verglichen.
| Merkmal | Parallel Pen | Lamy Joy / Safari |
|---|---|---|
| Schreibkante | zwei Metallplatten | geschliffene Breitfeder |
| Strichkante | besonders scharf | moderat |
| Farbmischung | direkt durch Kantenkontakt | kaum möglich |
| Patronen | Pilot IC-50 | Lamy Z24-Patronen |
| Breite-Optionen | 1,5 / 2,4 / 3,8 / 6,0 mm | 1,1 / 1,5 / 1,9 mm (Joy) |
Der Lamy Joy ist etwas ergonomischer geformt und hat eine klassischere Feder mit leichtem Flex; die Strichkanten sind weniger scharf als beim Parallel Pen. Der Lamy Safari mit Kalligrafie-Federn ist für Einsteiger/innen ebenfalls geeignet, aber nicht auf die scharfen, flachen Strichkanten des Parallel Pen optimiert.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Parallel Pen und normalem Kalligrafie-Füller? Der Parallel Pen hat statt einer Feder zwei parallele Metallplatten als Schreibkante, die einen besonders scharfen Strich erzeugen und sogar Farbverläufe durch direkten Kantenkontakt erlauben. Der klassische Kalligrafie-Füller (Lamy Joy, Rotring) nutzt eine breit geschliffene Feder mit meist weicherem Kantenbild.
Welche Größe ist für Einsteiger/innen am besten? Der 2,4-mm-Stift (blaue Kappe) ist der empfohlene Einstieg. Er ist vielseitig genug für Italic, Foundational Hand und Versalien, leicht zu kontrollieren und in den meisten Kalligrafie-Lehrwerken als Standardgröße verwendet.
Wie erzeugt man mit dem Parallel Pen Farbverläufe? Die Schreibkante kurz gegen die eines zweiten Parallel Pen mit anderer Tintenfarbe halten. Durch die Kapillarwirkung zwischen den Platten fließt Fremdfarbe in die Kante; beim Schreiben entsteht ein sanfter Farbübergang, bis die eigene Tinte wieder vollständig durchläuft.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Harris, David (2003): The Art of Calligraphy. Dorling Kindersley.
- Pilot (2021): Parallel Pen User Guide. pilotpen.eu.
- Mediavilla, Claude (2006): Kalligraphie. Verlag Hermann Schmidt.
- Schneider, Werner (1990): Kalligrafie: Schrift als Ausdrucksform. Verlag Hermann Schmidt.
