Reispapier (Xuan) ist ein saugfähiges, faserweiches Papier der ostasiatischen Kalligrafie und Tuschmalerei, das Tusche schnell aufnimmt und für expressive Pinselstriche genutzt wird.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Werkzeuge & Materialien · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Xuan-Papier, Xuanpapier, Reispapier, rice paper, Shuen
Was ist Reispapier (Xuan)?
Reispapier (Xuan) ist das klassische Papier der chinesischen und ostasiatischen Kalligrafie und Tuschmalerei. Trotz des Namens enthält es meist keinen Reis, sondern wird vor allem aus der Rinde des Blauglockenbaums (Pteroceltis tatarinowii) und Reisstroh gefertigt. Es ist bekannt für seine hohe Saugfähigkeit und seine Empfindlichkeit gegenüber jedem Pinselstrich, die es zum ehrlichsten Prüfstein für kalligrafische Kontrolle macht.
Erklärung
Materialkunde
Die Rohstoffe von echtem Xuan-Papier bestimmen seine einzigartigen Eigenschaften:
Pteroceltis tatarinowii (Blauglockenbaum, chin. Qingtan): Die Innenbast-Rinde dieses Laubbaumsist das Hauptmaterial der besten Xuan-Qualitäten. Die langen, feinen Fasern geben dem Papier seine charakteristische Festigkeit und gleichzeitig Weichheit.
Reisstroh (Daomi): Für die günstigeren Qualitäten wird Reisstroh beigemischt oder ersetzt die Rindenrinde teilweise. Strohfasern sind kürzer und ergeben ein poröser, saugfähiges Blatt.
Bambus: Manchmal als Beimischung in mittelguten Qualitäten, ähnlich wie beim japanischen Washi.
Baumwolle: Hochwertige Mischqualitäten enthalten Baumwollfasern, die die Reißfestigkeit erhöhen und dem Papier einen leicht textilen Charakter verleihen.
Xuan-Klassifikation nach Zusammensetzung
Im chinesischen Fachhandel werden drei traditionelle Klassen unterschieden:
Chuncai (纯材, reine Rinde): Ausschließlich aus der Rinde des Blauglockenbaums. Die teuerste und seltenste Qualität. Die Blätter sind extrem saugfähig, fast transluzent dünn und nehmen Tusche mit größter Empfindlichkeit auf. Für Meisterwerke und Sammlerstücke.
Mengci (棉料, Rinde und Stroh gemischt): Die gebräuchlichste mittlere Qualität. Kombination aus Baumrinde und Reisstroh, je nach Mischungsverhältnis unterschiedlich saugfähig. Für den täglichen Übungs- und Ausstellungsbetrieb.
Liansi (连史, auch „beste Qualität"): Im engeren Sinne bezeichnet Liansi eine besonders fein gesiebte, gleichmäßige Xuan-Qualität aus der Region Changshan. Weniger saugfähig als rohe Mengci-Varianten, sehr gleichmäßig in Oberfläche und Dicke. Für kontrollierte Arbeiten.
Zusätzlich zur Zusammensetzung unterscheidet man, ob das Papier roh (Shengxuan) oder geleimt (Shuxuan) ist. Shengxuan saugt Tusche sofort auf, Shuxuan nimmt sie langsamer an und erlaubt mehr Kontrolle.
Produktempfehlungen
Für Einsteiger/innen in die ostasiatische Kalligrafie:
Jing Xuan (景宣, auch: Jingxuan): Eine der bekanntesten Qualitätsmarken aus Anhui, erhältlich in gut sortierten Kalligrafie-Fachgeschäften und bei asiatischen Versandhändlern. Gute Qualität für Einsteiger/innen und Fortgeschrittene, mittlere Saugfähigkeit, gleichmäßige Oberfläche.
Anhui-Qualitäts-Xuan: Produkte aus der Provinz Anhui, oft mit dem Label „Xuancheng" oder „Jingxian" (Landkreis der historischen Xuan-Papierproduktion), sind verlässlich in Qualität und Reinheit der Rohstoffe.
Maobian-Papier: Günstigstes Übungsmaterial, gelblich-braun gefärbt, hohe Saugfähigkeit. Kein Archivmaterial, aber ideal für den täglichen Übungsbetrieb.
Japanisches Washi und koreanisches Hanji als Alternativen
Washi (和紙, japan. „Japanpapier"): Washi wird aus den Fasern von Maulbeerbaum (Kozo), Gampi oder Mitsumata hergestellt. Die Faserstruktur ist anders als beim Xuan, Washi hat eine leicht rauere, fasernde Oberfläche und ist weniger gleichmäßig saugfähig. Für ostasiatische Kalligrafie gut geeignet, mit einem etwas anderen Strichgefühl.
Bekannte Washi-Qualitäten für Kalligrafie:
- Echizen Washi: Traditionsreiches Papier aus der Fukui-Präfektur, gleichmäßig, hochwertig.
- Ogawa Washi: Aus der Ogawa-Region in Saitama, feines, handgeschöpftes Washi für anspruchsvolle Kalligrafen/innen.
Hanji (한지, korean. Papier): Aus Papiermaulbeerbaum (Broussonetia papyrifera) hergestellt, traditionell in Korea für Tusche und Kalligrafie verwendet. Hanji ist etwas dicker und robuster als Washi, weniger saugfähig als Shengxuan, aber mit einem eigenen, warmen Charakter. In Deutschland über koreanische Kulturläden und spezialisierte Papierversandhändler erhältlich.
Kalligrafie- vs. Malqualität
Auch innerhalb des Xuan-Sortiments gibt es Unterschiede zwischen Kalligrafie- und Malqualität:
Kalligrafie-Xuan: Gleichmäßige Oberfläche, kontrollierte Saugfähigkeit, wenig Faserstruktur. Buchstaben und Zeichen kommen scharf und klar. Meist etwas schwerer und stabiler.
Mal-Xuan (für Tuschmalerei): Oft dünner, weicher und mit mehr Faserstruktur. Der Strich läuft stärker aus, was für expressive Malereien gewünscht ist. Für Kalligrafie weniger geeignet, da Konturen verwischen.
Aufbewahrung
Reispapier (Xuan) ist empfindlich gegenüber Feuchtigkeit, Licht und Schädlingen:
- Flach lagern: Rollen oder Falten beschädigt die Fasern und hinterlässt Knicke, die beim Schreiben stören.
- Trocken: In trockener Umgebung lagern, ideal unter 50–60 % Luftfeuchtigkeit. Feuchtes Xuan wellt sich und klebt zusammen.
- Lichtgeschützt: UV-Licht vergilbt das Papier über Zeit. Dunkler Schrank oder säurefreie Mappe.
- Schädlingsschutz: Natürliche Cellulosematerialien können von Insekten (Silberfischchen, Bücherwurm) befallen werden. Lavendelkissen oder spezielle Archivboxen helfen.
Preisübersicht
| Kategorie | Qualität | Preis ca. |
|---|---|---|
| Maobian-Übungspapier | günstig | 5–15 € / 100 Blatt |
| Mengci-Xuan (Einstieg) | mittel | 15–30 € / 50 Blatt |
| Jing Xuan (Fachhandel) | gut | 20–40 € / 25 Blatt |
| Anhui Chuncai | hochwertig | 50–120 € / 25 Blatt |
| Washi (Echizen, Ogawa) | sehr gut | 30–80 € / 10 Blatt |
Beispiele
- Shengxuan (roh): Für expressive Grasschrift und Freihandmalerei.
- Shuxuan (geleimt): Für kontrollierte Gongbi-Feinmalerei und Einsteiger/innen.
- Maobian-Papier: Günstiges Übungsmaterial für den täglichen Gebrauch.
- Echizen Washi: Alternatives japanisches Papier für Shodō.
- Hanji: Koreanisches Papier mit robusterem Charakter.
In der Praxis
Reispapier wird auf einer saugfähigen Filzunterlage (→ Schreibunterlage und Schräge) beschrieben, die überschüssige Tusche aufnimmt und das Durchschlagen verhindert. Einsteiger/innen beginnen am besten mit geleimtem Xuan (Shuxuan), das die Tusche langsamer aufsaugt. Das Papier ist dünn und reißanfällig, daher behutsam handhaben und flach lagern. Fertige Werke werden traditionell auf eine Trägerschicht aufkaschiert.
Vergleich & Abgrenzung
Reispapier wird oft mit westlichem Kalligrafiepapier verwechselt: Letzteres ist geleimt und hält die Tinte an der Oberfläche, Xuan saugt sie auf.
| Merkmal | Reispapier (Xuan) | Westliches Kalligrafiepapier |
|---|---|---|
| Saugfähigkeit | sehr hoch | gering |
| Korrektur | unmöglich | begrenzt |
| Werkzeug | Pinsel | Feder/Pinsel |
| Tradition | ostasiatisch | europäisch |
Häufige Fragen (FAQ)
Enthält Reispapier wirklich Reis? Meist nicht. Echtes Xuan-Papier wird vor allem aus der Rinde des Blauglockenbaums (Pteroceltis tatarinowii) und manchmal aus Reisstroh hergestellt. Der Name „Reispapier" ist eine westliche Vereinfachung, die auf die weiße, zarte Optik anspielt.
Welches Xuan eignet sich für Anfänger/innen? Geleimtes Xuan (Shuxuan) saugt die Tusche langsamer auf und gibt mehr Kontrolle über den Strich. Rohes Xuan ist sehr saugfähig und eher für erfahrene Kalligrafinnen/Kalligrafen geeignet. Maobian-Papier ist als günstiges Übungsmaterial für alle Niveaus ideal.
Was ist der Unterschied zwischen Xuan, Washi und Hanji? Alle drei sind ostasiatische Naturpapiersorten für Tusche und Kalligrafie, unterscheiden sich aber in Rohstoffen, Herkunft und Saugverhalten. Xuan (China) ist am saugfähigsten und empfindlichsten, Washi (Japan) hat eine fasernde Textur und Hanji (Korea) ist etwas robuster. Alle eignen sich für Pinselkalligrafie, jedes mit eigenem Charakter.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Tseng Yuho (1993): A History of Chinese Calligraphy. The Chinese University Press.
- Ouyang Zhongshi; Fong, Wen C. (2008): Chinese Calligraphy. Yale University Press.
- Needham, Joseph (1985): Science and Civilisation in China, Vol. 5: Paper and Printing. Cambridge University Press.
- Jugaku, Bunsho (1959): Paper-making by Hand in Japan. Meiji-Shobo.
