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Audiodeskription (AD) ist eine zusätzliche Tonspur oder eine Pause-und-Erkläre-Methode, bei der ein Sprecher oder eine Sprecherin visuelle Informationen in Videos beschreibt – Handlungen, Gestik, Mimik, eingeblendete Texte, Szenenwechsel – die für blinde und stark sehbehinderte Zuschauer andernfalls nicht zugänglich wären.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: Accessibility · Niveau: Fortgeschritten


Was ist Audiodeskription?

Audiodeskription – international auch Audio Description (AD), Video Description oder Described Video (DV) genannt – ist eine Tonspur oder ein Textmaterial, das die wichtigsten visuellen Informationen eines Videos sprachlich beschreibt. Sie wird in natürliche Dialogpausen eingefügt und ergänzt das, was durch Dialog, Geräusche und Musik nicht ausgedrückt wird.

Audiodeskription ist das auditive Pendant zu Untertitel & Captions – SDH, CC und offene vs. geschlossene Untertitel: Während Untertitel das Gesprochene für Hörgeschädigte zugänglich machen, macht Audiodeskription das Visuelle für Sehgeschädigte zugänglich.


Erklärung

Rechtliche Grundlagen

Die WCAG – Web Content Accessibility Guidelines im Überblick 2.2 enthalten folgende Kriterien zur Audiodeskription:

  • 1.2.3 Audio Description or Media Alternative (Prerecorded) – Stufe A: Aufgezeichnete Videos, die visuelle Informationen enthalten, die nicht im Dialog enthalten sind, benötigen entweder eine Audiodeskription oder eine vollständige Textalternative.
  • 1.2.5 Audio Description (Prerecorded) – Stufe AA: Aufgezeichnete Videos benötigen eine Audiodeskription (nicht nur eine Textalternative).
  • 1.2.7 Extended Audio Description (Prerecorded) – Stufe AAA: Wenn die natürlichen Dialogpausen zu kurz sind, wird die Wiedergabe pausiert, die Beschreibung eingespielt, dann fortgesetzt.

Auf nationaler Ebene verankern BITV 2.0 & EU-Accessibility-Richtlinie und Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) 2025 Audiodeskriptionspflichten für öffentliche Stellen und bestimmte Privatunternehmen.

Im Rundfunk ist Audiodeskription in Deutschland durch den Rundfunkstaatsvertrag und die Vorgaben der Medienanstalten geregelt: ARD und ZDF sind zu einem bestimmten Prozentsatz audiodeskribierter Sendungen verpflichtet. Die Verbreitung erfolgt über eine separate Tonspur, die per AD-Taste auf Empfangsgeräten aktiviert wird.

Methoden der Audiodeskription

Standard-Audiodeskription: Eine zusätzliche Tonspur wird in die natürlichen Pausen des Original-Tons eingeschnitten. Beschreibungen sind knapp, präzise und sachlich. Diese Methode ist die häufigste bei Kinofilmen, TV-Produktionen und Streaming-Angeboten.

Erweiterte Audiodeskription (Extended AD): Wenn die Pausen zu kurz sind, wird die Wiedergabe für die Dauer der Beschreibung gestoppt. Selten eingesetzt, da sie den Spannungsbogen unterbricht; empfohlen für Bildungsmedien und Tutorials.

Integrierte Audiodeskription: Das Drehbuch und die Inszenierung berücksichtigen von vornherein, dass Dialoge und Kommentare die wichtigsten visuellen Informationen beinhalten. Dadurch wird nachträgliche Audiodeskription minimiert. Dieser Ansatz ist im Sinne von Inclusive Design – Microsofts 3 Prinzipien ideal.

Inhalt einer Audiodeskription

Was wird beschrieben:

  • Handlungen: Was tun Personen im Bild? (nicht interpretativ, sondern deskriptiv: nicht „sie ist wütend", sondern „sie schlägt die Faust auf den Tisch")
  • Wichtige visuelle Details: Gesichtsausdrücke, Kostüme, Szenerie, soweit für das Verständnis relevant
  • Texte im Bild: Titel, Untertitel, Schriftzüge, Beschriftungen, Schilder
  • Personen: Erkennung und Beschreibung von Personen beim ersten Auftreten
  • Szenenwechsel: Ort- und Zeitangaben, wenn sie visuell gezeigt, aber nicht gesprochen werden (z. B. „Berlin, drei Tage später")

Was nicht beschrieben wird:

  • Was der Dialog oder die Musik bereits ausdrückt
  • Interpretationen (Emotionen, Intentionen), wenn nicht eindeutig erkennbar
  • Dekorative Details ohne Relevanz für das Verständnis

Stil und Sprache der Audiodeskription

Präsens: Audiodeskription wird im Präsens geschrieben und gesprochen: „Maria öffnet die Tür", nicht „Maria öffnete die Tür".

Knappheit: Es wird nur das Wesentliche beschrieben, da Beschreibungen in kurze Pausen passen müssen. Keine Schachtelsätze.

Objektivität: Beschreibungen sind deskriptiv, nicht wertend oder interpretierend.

Laut lesen: AD-Texte müssen laut gelesen klingen – was schriftlich stilistisch korrekt aussieht, kann gesprochen unnatürlich klingen.

Sprechgeschwindigkeit: AD-Sprecher lesen häufig mit 150–180 Wörtern pro Minute. Für Bildungsmedien mit komplexen Inhalten eher langsamer.

Produktion von Audiodeskription

Der Produktionsprozess umfasst:

  1. Sichtung und Analyse: AD-Autorin oder -Autor sichtet den Film und identifiziert Stellen, an denen Beschreibungen notwendig sind.
  2. Skript: Beschreibungstexte werden in die natürlichen Pausen des Dialogs eingetragen (Timecode-basiert).
  3. Review: Das Skript wird auf Genauigkeit, Verständlichkeit und Angemessenheit geprüft, idealerweise durch sehbehinderte Feedback-Geber.
  4. Einsprechung: Das AD-Skript wird von einer Sprecherin oder einem Sprecher aufgenommen.
  5. Abmischung: Die AD-Tonspur wird auf den Original-Ton abgestimmt (Lautstärke, EQ) und als separate Tonspur integriert.

Für Online-Videos (HTML5) wird die separate Tonspur über das <track>-Element mit kind="descriptions" eingebunden:

``html <video> <source src="film.mp4" type="video/mp4"> <track kind="descriptions" src="audiodeskription-de.vtt" srclang="de" label="Audiodeskription Deutsch"> <track kind="captions" src="untertitel-de.vtt" srclang="de" label="Untertitel Deutsch"> </video> ``


Beispiele

Beispiel aus einem Imagefilm:

Originalton-Pause (3 Sekunden): [Musik]

AD-Text: „Das Firmengebäude aus Glas und Stahl spiegelt den Sonnenaufgang. Im Eingang begrüßt eine Frau in blauem Kostüm die ersten Mitarbeitenden."

Beispiel aus einem Lernvideo:

Originalton: „Die Formel sehen Sie hier:" – kurze Pause – „...wie Sie erkennen können..."

AD-Text (in Pause): „Auf dem Whiteboard erscheint: E gleich m mal c Quadrat."


In der Praxis

Für Medienproduzierende bei der Lazi-Akademie oder vergleichbaren Bildungseinrichtungen: Lehrvideos, Erklärfilme und Tutorial-Videos, die auf öffentlichen Websites eingesetzt werden, unterliegen ab 2025 durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) 2025 der Audiodeskriptionspflicht (sofern das Unternehmen unter den BFSG-Anwendungsbereich fällt).


Vergleich & Abgrenzung

Audiodeskription vs. [Untertitel & Captions – SDH, CC und offene vs. geschlossene Untertitel](/wiki/mediendesign-digitale-medien/accessibility/untertitel-captions/): Untertitel machen Audio für Hörende zugänglich; Audiodeskription macht Visuelles für Sehende zugänglich. Beide gemeinsam ermöglichen vollständige Video-Accessibility.

Audiodeskription vs. Transkript mit Beschreibung: Ein vollständiges Texttranskript, das sowohl Dialoge als auch Bildbeschreibungen enthält, erfüllt WCAG 1.2.3 (Stufe A). Eine separate AD-Tonspur erfüllt 1.2.5 (Stufe AA). Das Transkript ist barrierefreier für deafblinde Nutzende (Braille-Ausgabe).


Häufige Fragen (FAQ)

Brauchen alle Videos Audiodeskription? Nein. Videos, bei denen der Dialog alle relevanten visuellen Informationen enthält, benötigen keine separate Audiodeskription. Bei Tutorials, in denen Bildschirminhalte ohne sprachliche Erklärung gezeigt werden, ist sie hingegen essenziell.

Können KI-Tools Audiodeskription automatisch erstellen? Experimentelle KI-Tools (z. B. auf Basis von Vision-Language-Models wie GPT-4V) können AD-Entwürfe generieren. Die Qualität ist für professionellen Einsatz noch nicht ausreichend und erfordert manuelle Überarbeitung.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • W3C WAI: Audio Description. 2023.
  • American Council of the Blind: Audio Description: What It Is and Why It Matters. ACB, 2022.
  • Bundesfachstelle Barrierefreiheit: Audiodeskription. 2023.
  • Fryer, Louise: An Introduction to Audio Description: A Practical Guide. Routledge, 2016.
  • Snyder, Joel: The Visual Made Verbal: A Comprehensive Training Manual and Guide to the History and Applications of Audio Description. Dog Ear Publishing, 2014.
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