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Virtual Production bezeichnet eine Gruppe moderner Film- und TV-Produktionstechniken, die computergenerierte Umgebungen in Echtzeit auf riesige LED-Wände projizieren und so physische und digitale Welten bereits am Set miteinander verschmelzen.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: AR & VR · Niveau: Einsteiger


Was ist Virtual Production?

Traditionelle Filmproduktion trennt Set, Schauspieler und Hintergründe: Aufnahmen entstehen vor dem Greenscreen oder Bluescreen; Hintergründe werden in der Post-Produktion hinzugefügt. Schauspielerinnen und Schauspieler müssen vor einer leeren Fläche spielen und sich vorstellen, was die Kamera nicht sieht.

Virtual Production dreht diese Reihenfolge um: Die digitale Umgebung wird bereits am Set in Echtzeit gezeigt, auf riesigen LED-Wänden, die den Spielbereich umschließen (LED Volume). Schauspielerinnen und Schauspieler sehen ihre Umgebung; das Kamerateam belichtet das Motiv im tatsächlichen Licht des virtuellen Hintergrunds; die Kamera kann sich bewegen und das Bild aktualisiert sich perspektivisch korrekt in Echtzeit (kamerabasiertes Parallax-Rendering).

Das bekannteste Beispiel ist die Fernsehserie The Mandalorian (Disney+, ab 2019), produziert mit Industrial Light & Magic's StageCraft-System. Die Technologie hat seitdem die gesamte Branche verändert.


Erklärung

Der LED Volume

Ein LED Volume ist ein Bühnenaufbau aus LED-Wand-Segmenten (hochauflösende Fine-Pitch-LED-Panels), die eine zylindrische, halbkugelförmige oder rechteckige Umgebung bilden. Typische Maße: 10–30 Meter breit, 5–8 Meter hoch; zusätzlich eine LED-Decke (LED-Ceiling) für Lichteinfall von oben.

Technische Kennzahlen:

  • Pixel Pitch: Abstand zwischen LED-Pixeln; typisch 2–4 mm für Film-Sets (je kleiner, desto schärfer aus Nahsicht)
  • Helligkeit: 1500–2000 Nits (sehr hell, ermöglicht korrekte Kameraexposition)
  • Auflösung: Typisch 4K–8K über die gesamte Wand
  • Bildwiederholrate: 24/25/30/60 fps, synchronisiert mit der Kamera

Genvin LED Panels (ROE Visual, Absen, Unilumin) und Brompton-Processing-Systeme sind die Industriestandards; ein vollständig ausgestattetes LED Volume kostet 5–30 Millionen Euro.

In-Camera VFX (ICVFX)

In-Camera VFX bezeichnet die Technik, bei der Hintergründe und Effekte direkt in der Kamera, also am Set, eingefangen werden, anstatt sie in der Post-Produktion hinzuzufügen. Das ermöglicht:

  • Echtes Licht vom virtuellen Hintergrund: Die LED-Wand wirft farbiges Licht auf Schauspielerinnen und Objekte, das ist physikalisch korrekt und eliminiert aufwändiges Licht-Matching in der Post.
  • Reduzierter Postproduktionsaufwand: Viele Composite-Arbeit entfällt; das Endmaterial ist fast kamerfertig.
  • Echtzeit-Feedback: Regisseurinnen sehen sofort, wie die Szene aussieht.

Realzeit-Rendering: Unreal Engine

Das Herzstück moderner Virtual Production ist eine Realzeit-3D-Engine, meist Unreal Engine (Epic Games). Die Anforderungen unterscheiden sich von Spielen: Maximale visuelle Qualität pro Frame ist wichtiger als interaktive Spielbarkeit. Unreal Engine 5 (2022) führte zwei transformative Technologien ein:

Nanite: Virtualisiertes Mikropolygon-Rendering; Modelle mit Milliarden von Polygonen werden dynamisch in die für die Kameraentfernung passende Detailstufe gerendert, ohne LOD-Tuning durch Künstlerinnen.

Lumen: Vollständige dynamische globale Beleuchtung; Licht wird in Echtzeit korrekt von Oberflächen reflektiert und in Räume geworfen. Kein vorberechnetes Lighting Baking mehr nötig.

Zusammen ermöglichen Nanite und Lumen fotorealistisches Rendering in Echtzeit, das für LED-Volume-Produktionen ausreichend ist.

Camera Tracking: Damit der Hintergrund auf der LED-Wand perspektivisch korrekt auf die Kamerabewegung reagiert (Parallax), muss die Kameraposition und -orientierung in Echtzeit in die Unreal Engine übertragen werden. Systeme wie Mo-Sys StarTracker, Vicon oder Ncam Reality nutzen IR-Tracking, Encoder und optische Systeme für Sub-Millimeter-Genauigkeit.

Workflows und Pipeline

Eine typische Virtual Production Pipeline:

  1. Previs / Techvis: Virtuelle Storyboards; die gesamte Szene wird in Unreal vorab geprobt
  2. Asset Creation: 3D-Modelle, Texturen, Vegetation, Atmosphäre (Photogrammetrie, Lidar-Scans)
  3. LED Volume Setup: Techniker konfigurieren Panels, Kalibrierung, Moiré-Vermeidung
  4. Color Calibration: LED-Wand muss auf die eingesetzte Kamera (z.B. ARRI ALEXA 35) kalibriert werden
  5. Shoot: Kamera-Tracking aktiv; UE5 rendert in Echtzeit
  6. Post-Production: Matte-Edges, Kompositing-Arbeit ist stark reduziert; Grading und VFX-Verfeinerung

Beispiele

  • The Mandalorian (Disney+, ab 2019): Pionier des modernen LED-Volume-Ansatzes, produziert mit ILM StageCraft. Alle außerirdischen Planeten entstanden auf dem LED-Stage in Los Angeles.
  • 1899 (Netflix, 2022): Deutsche Produktion mit umfangreichem Virtual Production Einsatz; LED-Volume im Babelsberg Studio.
  • Werbeproduktionen: Mercedes-Benz, Audi und andere Automarken nutzen Virtual Production für Fahrzeugwerbung, kein Drehen in exotischen Orten nötig.
  • Musikvideos: Künstlerinnen wie Beyoncé und Coldplay nutzen Virtual Production für aufwändige Bühnenvisuals.

In der Praxis

Virtual Production ist nicht nur für Hollywood-Budgets: Kleinere LED-Volume-Setups (Miete ab ca. 5.000–20.000 € pro Tag) werden zunehmend auch für Werbeproduktionen, Musikvideos und Fernsehproduktionen genutzt. In Deutschland gibt es wachsende Kapazitäten in Berlin (Babelsberg), München und Hamburg.

Für Medienschaffende relevante Kompetenzen:

  • Unreal Engine und Realzeit-Asset-Erstellung
  • Photogrammetrie für Set-Digitalisierung (Reality Capture, Agisoft Metashape)
  • Color Science: LED-Kalibrierung, Camera Color Management (ACES)
  • Compositing (auch wenn weniger nötig als bei Greenscreen)

Mehr zur Unreal Engine im Eintrag Unreal Engine für VR & Visualisierung.


Vergleich & Abgrenzung

MethodeVorteilNachteil
GreenscreenGünstig, flexibelViel Post-Arbeit, kein echtes Licht
LED Volume (VP)Echtes Licht, Echtzeit-Feedback, weniger PostHohe Investitionskosten, Kalibrierung komplex
On-LocationAuthentizitätLogistik, Wetter, Kosten

Häufige Fragen (FAQ)

Kann Virtual Production einen echten Drehort ersetzen? Für viele Szenarien ja, besonders für Innenszenen und kontrollierte Umgebungen. Für bestimmte Außenszenen (natürliches Licht in Bewegung, echte Texturen nahe Kamera) sind echte Locations schwer zu ersetzen.

Welche Kamera-Marken werden bei Virtual Production eingesetzt? ARRI (ALEXA 35, LF) und Sony (VENICE 2) sind die gängigsten Kine-Kameras; RED und Blackmagic ebenfalls. Entscheidend ist die LED-Volume-Kalibrierung auf die spezifische Kamera.

Brauche ich Unreal Engine Kenntnisse als Medienschaffende? Nicht zwingend für alle Rollen. Aber für Art Directors, VFX Supervisors und technische Produzenten wird Unreal-Kompetenz zunehmend erwartet.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Goldman, Jeffrey (2021): Virtual Production for the 21st Century. In: Studio Daily, studiodaily.com.
  • Epic Games (2024): Virtual Production Field Guide. epicgames.com/virtual-production.
  • Hockney, Roz (2022): The Volume: How LED Walls Are Transforming Film Production. British Cinematographer Magazine.
  • ILM (2021): StageCraft Technology Overview. ilm.com/technology/stagecraft.
  • Tricart, Céline (2018): Virtual Reality Filmmaking: Techniques & Best Practices for VR Filmmakers. Focal Press, New York.
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