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VR-Storytelling bezeichnet alle dramaturgischen und narrativen Techniken, die in Virtual-Reality-Umgebungen eingesetzt werden, um Geschichten zu erzählen – unter den besonderen Bedingungen von 360°-Sicht, Agency der Nutzenden und räumlicher Präsenz.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: AR & VR · Niveau: Einsteiger


Was ist VR-Storytelling?

Film und Fernsehen erzählen Geschichten durch Kameraausschnitt, Schnitt und Tongestaltung. Die Regisseurin kontrolliert vollständig, was die Zuschauerin sieht. In VR gibt es keinen Ausschnitt: Die Betrachterin kann sich frei im Raum umsehen – nach oben, hinten, zur Seite. Die narrative Kontrolle liegt nicht mehr bei der Regisseurin allein.

Diese fundamentale Verschiebung erzwingt neue erzählerische Techniken. Gleichzeitig bietet sie neue Möglichkeiten: Nutzende können Gegenständen in die Augen schauen, Details selbst entdecken, den Erlebnisraum erkunden. Sie sind nicht mehr Zuschauende, sondern Anwesende.

Chris Milk, einer der Pioniere des VR-Kinos, nannte VR in einem TED-Talk (2015) „the ultimate empathy machine" – ein Werkzeug, das Mitgefühl durch Präsenz erzeugt. Ob diese These Bestand hat, ist in der Forschung umstritten; sie hat aber die Erwartungen an VR-Storytelling entscheidend geprägt.


Erklärung

Das Problem der Aufmerksamkeitslenkung

Im klassischen Film leitet der Schnitt die Aufmerksamkeit: Close-Up erzwingt Fokus auf das Gesicht. In VR muss Aufmerksamkeit anders gelenkt werden, da es keinen Schnitt gibt.

Techniken der Aufmerksamkeitslenkung in VR:

1. Auditive Cues: Ein Geräusch aus einer bestimmten Richtung veranlasst die Betrachterin automatisch, den Kopf dorthin zu drehen. Spatial Audio ist ein mächtiges Erzählinstrument – mehr im Eintrag Spatial Audio in VR: Ambisonics & Binaural.

2. Licht und Kontrast: Helle Bereiche im Dunkeln, Scheinwerferpools, Farbkontraste lenken den Blick. Das menschliche Sehsystem ist auf Bewegung und Kontrast kalibriert.

3. Bewegung: Bewegende Objekte und Personen ziehen Aufmerksamkeit magnetisch an. Eine Figur, die in eine Richtung geht, signalisiert: „Folge mir."

4. Stillstand als Kontrast: Wenn alle anderen Elemente der Szene erstarren, lenkt jede verbleibende Bewegung die Aufmerksamkeit.

5. Narrative Komplizenschaft: Die Betrachterin weiß durch Vorab-Kontextualisierung, worauf sie achten soll. „In dieser Szene erkennst du die Spionin an ihrem blauen Schal."

6. Character Gaze: Wenn Figuren auf etwas blicken oder zeigen, folgt die Betrachterin fast automatisch ihrem Blick (Social Gaze Following).

Narrative Formen in VR

Lineare VR-Erfahrung (VR Cinema): Die Regisseurin steuert die zeitliche Abfolge, aber nicht die Blickrichtung. 360°-Filme wie „Gloomy Eyes" (Atlas V, 2019) erzählen eine lineare Geschichte in Echtzeit-3D, die man von einer festen Position aus erlebt. Dramaturgisch ähnlich dem Theater (man sitzt im Zentrum der Bühne).

Erkundungsbasiertes Erzählen: Nutzende navigieren durch einen Raum und entdecken narrative Fragmente in eigener Reihenfolge. Keine lineare Story, sondern ein narratives Puzzle. Beispiel: „Notes on Blindness: Into Darkness" (ARTE, 2016) – eine taktile, audio-zentrierte Erkundung von Blindheit.

Agency-basiertes Erzählen: Nutzende treffen Entscheidungen, die die Geschichte verzweigen. Erfordert Branching Narratives – mehrere parallele Erzählstränge, die je nach Entscheidung aufgerufen werden. Aufwändig und teuer; erlaubt jedoch echte narrative Mitgestaltung.

Environmental Storytelling: Die Geschichte steckt im Raum selbst: Zerrissene Fotografien, Blutspuren, ein gestürzter Stuhl – Spuren einer Geschichte, die die Betrachterin selbst zusammensetzt. Bekannt aus Games (BioShock, Gone Home); besonders effektiv in VR durch räumliche Präsenz.

Social VR Storytelling: Mehrere Personen erleben die Geschichte gemeinsam in VR. Soziale Dynamiken und Interaktionen zwischen Teilnehmenden werden Teil der Narration.

The 180° Rule und Alternative Schnittkonventionen

Film nutzt die 180°-Regel für räumliche Orientierung. In VR gibt es keine Achse – Nutzende können überall hinschauen. Das erfordert neue Konventionen für Übergänge:

Fade to Black / Dissolve: Standardmäßiger, sanfter Übergang; gibt Zeit für Neuorientierung. Teleport-Cut: Abrupter Ortswechsel, der durch Audio oder visuelle Hinweise angekündigt wird. In-World-Transition: Die Szene verwandelt sich vor den Augen der Betrachterin (Tag/Nacht-Wechsel, Materialauflösung). Guided Transition: Eine Figur „zieht" die Betrachterin in die neue Szene mit.

VR-Dokumentarfilm

VR hat im Dokumentarfilm eine besonders starke Position. Projekte von ARTE, NYT VR und Journalism Immersive Studios nutzen VR, um Empathie für Schicksale zu erzeugen, an die die Betrachterin sonst nicht herankommen würde. Das ethische Problem: Die Inszenierung von echtem Leid in immersiver Umgebung birgt Risiken der Voyeurisierung und des Trauma-Triggerings.


Beispiele

  • Clouds Over Sidra (2015, VRSE/UN): Flüchtlingsmädchen erzählt ihre Geschichte in einem Jordanien-Lager. Wurde auf dem Weltwirtschaftsforum eingesetzt, um Spenden zu generieren.
  • Gloomy Eyes (2019, Atlas V): Animierter 3D-VR-Film mit Guillaume Canet als Erzähler; Cannes Selektion; zeigt, dass VR-Cinema ästhetisch anspruchsvoll sein kann.
  • Notes on Blindness: Into Darkness (ARTE, 2016): Basierend auf dem Tagebuch von John Hull; audio-zentrierte, nicht-lineare Erkundung von Blindheit.
  • The Line (2021, Magic Leap/Atlas V): 6DoF-VR-Erfahrung mit echter Fortbewegung; Betrachterin steht im Zentrum dramatischer Familienszenen.
  • First Steps (2020, Hulu/Oculus): VR-Dokumentarfilm über Menschen mit Prothesen, die das erste Mal wieder aufstehen.

In der Praxis

VR-Storytelling liegt im Schnittfeld von Regie, Game Design, Interaktionsdesign und Theaterwissenschaft. Für Medienschaffende:

Wichtige Planungs-Tools:

  • Storyboard in 360°: Übliches 2D-Storyboarding reicht nicht; equirektanguläre Storyboards oder Spherical Storyboards (radiale Darstellung) werden genutzt
  • Blocking in 3D: Szenen werden in einer simplen 3D-Szene (z.B. Blender oder Unity) mit einfachen Stellvertretern vorgeblockt
  • Audio-First-Thinking: Narration und Spatial Audio sind die primären Lenkungswerkzeuge; früh planen

Produktionsformate: 360°-Video-Storytelling (gedreht) vs. realzeitgerendertes VR-Storytelling (interaktiv) haben fundamental unterschiedliche Produktions-Pipelines. Mehr zur Produktion in 360°-Video: Produktion & Distribution und Unity für VR-Entwicklung: Grundlagen.


Vergleich & Abgrenzung

FormatKontrolleAgencyInteraktion
FilmVollständig (Regisseurin)KeineKeine
360°-VRZeitachse kontrolliert, Blick freiMinimalKeine
Interaktive VRZeitachse teilweise offen, Blick freiMittel–HochMittel
Open-World VRGeringHochHoch

Häufige Fragen (FAQ)

Kann VR wirklich mehr Empathie erzeugen als Film? Die Forschungslage ist gemischt. Einige Studien zeigen erhöhte Empathie nach VR-Dokumentarfilmen (Markowitz u.a., 2018); andere finden keinen Unterschied zu 2D-Film. Die „ultimate empathy machine"-These wird kritisch diskutiert.

Wie lang sollte ein VR-Storytelling-Erlebnis sein? 5–15 Minuten sind die empfohlene Session-Länge für Consumer-VR; darüber nimmt Komfort und Aufmerksamkeit ab. Ausnahme: Spiele und interaktive Erfahrungen, wo Nutzende selbst pausieren.

Gibt es ein Oscar-Äquivalent für VR-Filme? Cannes, Venice und Sundance haben alle VR-Sektionen; der Emmy hat eine Kategorie für immersive Medien. Venice XR (Venedig Filmfestival) ist das prestige-reichste XR-Event.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Milk, Chris (2015): How Virtual Reality Can Create the Ultimate Empathy Machine. TED Talk. ted.com.
  • Murray, Janet H. (2011): Inventing the Medium: Principles of Interaction Design as a Cultural Practice. MIT Press, Cambridge.
  • Mateer, John (2017): Directing for Cinematic Virtual Reality. In: Journal of Media Practice, 18(1), S. 14–25.
  • Markowitz, David M. u.a. (2018): Immersive Virtual Reality Field Trips Facilitate Learning About Climate Change. In: Frontiers in Psychology, 9, S. 2364.
  • Vosmeer, Mirjam / Schouten, Ben (2014): Interactive Cinema: Engagement and Interaction. In: Proceedings of ICIDS 2014. Springer, Cham.
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