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Raumgliederung ist die bewusste Strukturierung eines Raumes durch architektonische Mittel – Proportionen, Materialien, Licht und Form –, die Orientierung ermöglicht, noch bevor ein einziges Schild gelesen wird.

Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Wayfinding · Niveau: Fortgeschritten


Was ist Raumgliederung?

Die beste Orientierung entsteht, wenn der Raum selbst spricht. Orientierungsarchitektur bezeichnet die Gestaltung von Räumen so, dass ihre Struktur intuitiv verständlich ist: Eingänge sind als Eingänge erkennbar, Hauptwege sind breiter oder heller als Nebenwege, wichtige Bereiche sind durch Material oder Höhe betont. Die Architekturpsychologie hat nachgewiesen, dass räumliche Orientierung zu etwa 70 Prozent durch architektonische Qualitäten und nur zu 30 Prozent durch explizite Beschilderung geleistet wird (Passini, 1984).

Raumgliederung und Leitsystem-Design sind ideale Partner: Ein gut gegliederter Raum braucht weniger Schilder. Ein schlecht gegliederter Raum kann durch Schilder allein selten gerettet werden.


Erklärung

Lynchs Elemente als Gestaltungsmittel

Kevin Lynch identifizierte 1960 fünf kognitive Kategorien, mit denen Menschen Räume strukturieren (→ Wayfinding – Grundlagen). Diese Kategorien lassen sich direkt in Gestaltungsmittel übersetzen:

Pfade (Paths) – Primärzirkulation klar erkennbar machen:

  • Breitere Hauptkorridore, engere Nebenkorridore
  • Unterschiedlicher Bodenbelag (glatt auf Hauptwegen, strukturiert auf Nebenwegen)
  • Lichtführung entlang Hauptwege

Grenzen (Edges) – Bereiche voneinander trennen:

  • Niveauunterschiede (Stufen, Rampen)
  • Materialwechsel im Boden
  • Wände, Geländer, Pflanzen

Bereiche (Districts) – Erkennbare Zonen schaffen:

  • Einheitliche Farbgebung pro Bereich
  • Konsistente Deckenhöhe oder -gestaltung
  • Spezifische Beleuchtungstemperatur

Knotenpunkte (Nodes) – Entscheidungspunkte betonen:

  • Weitung des Raums an Kreuzungspunkten
  • Beleuchtungsinseln
  • Sitzgelegenheiten, die zum Verweilen einladen

Merkzeichen (Landmarks) – Unverwechselbare Orientierungspunkte setzen:

  • Skulpturen, Brunnen, Kunstwerke
  • Besonders gestaltete Fassaden
  • Markante Farb- oder Materialeinsätze

Zonierung als Planungsmittel

Im Messekontext ist Zonierung das zentrale Planungsinstrument. Die Halle wird in logische Bereiche mit eindeutiger Identität aufgeteilt. Methoden:

  • Farbzonierung: Jede Halle oder jeder Bereich erhält eine Leitfarbe (→ Farbe als Orientierungsmittel)
  • Nummernzonierung: Hallen A–H, Ebenen 1–5, logische Nummerierung
  • Buchstaben-Raster: Koordinatensystem wie auf einem Stadtplan (Stand A-12)

Passini (1992) betont in Wayfinding in Architecture, dass Zonierungskonzepte direkt mit der menschlichen Kapazität für kognitives Mapping korrespondieren: Menschen können ca. 5–7 Einheiten zuverlässig im Gedächtnis behalten.

Architektonische Orientierungsmittel

Jenseits von Zonierung gibt es konkrete architektonische Mittel:

  • Tageslicht als Orientierungsgeber: Natürliches Licht signalisiert Nähe zu Ausgängen oder Außenbereichen
  • Atrien und Innenhöfe: Schaffen räumliche Ankerpunkte in großen Gebäuden
  • Durchblicke: Sichtachsen von einem Bereich in den nächsten reduzieren Desorientierung
  • Akustik: Klang kann Richtung signalisieren (Wasserfall am Haupteingang, stille Rückzugsbereiche)
  • Geruch: In seltenen Fällen gezielt eingesetzt (Bäckereiduft am Café, frische Luft am Ausgang)

Beispiele

  • Centre Pompidou Paris: Das Gebäude von Piano/Rogers macht seine Infrastruktur (Rolltreppen, Lüftungsrohre) sichtbar und schafft so eine unverwechselbare räumliche Orientierung. Die außenliegenden Rolltreppen fungieren als Landmarke und Haupterschließung.
  • Neue Messe Stuttgart: Das geradlinige Raster der Messehallen mit identischen Längsachsen erleichtert die Orientierung – alle Hallenzugänge liegen auf einer Ebene, Hauptgang und Nebengänge sind klar unterschiedlich.
  • Terminal 2E Charles de Gaulle: Der ovale Grundriss erzeugt trotz Größe eine klare Orientierung durch die kreisförmige Raumstruktur.

In der Praxis

Für Messeplanungen beginnt Raumgliederung beim Masterplan. Idealerweise arbeiten Architekt und Wayfinding-Designer von Beginn an zusammen. Wichtige Entscheidungen betreffen:

  1. Eingangsgestaltung: Eingang als Orientierungspunkt gestalten – Empfang, Übersichtsplan, erste Wegweiser
  2. Hauptachsen: Klare Sichtachsen durch die Hallen, keine Sackgassen in Hauptbereichen
  3. Treffpunkte: Explizit ausgewiesene Meetingpoints als Landmarken (z.B. Skulptur, Brunnen)
  4. Vertikale Erschließung: Treppen und Aufzüge müssen von der Hauptachse aus sichtbar sein

Vergleich & Abgrenzung

KonzeptEbeneMethode
RaumgliederungArchitekturRaumgestaltung, Materialien, Proportionen
ZonierungPlanungLogische Einteilung in benannte Bereiche
LeitsystemGrafik/DesignSchilder, Farben, Piktogramme
SignaletikKommunikationInformationssystem mit Zeichen

Häufige Fragen (FAQ)

Können Schilder eine schlechte Raumgliederung ausgleichen? Nur begrenzt. Studien (Passini, 1984) zeigen, dass Besucher in schlecht gegliederten Räumen auch mit zahlreichen Schildern häufiger desorientiert sind. Die optimale Lösung ist immer die Integration von Architektur und Signaletik.

Wie früh sollte ein Wayfinding-Designer in die Architekturplanung einbezogen werden? Idealerweise bereits in der Entwurfsphase (LPH 2–3 nach HOAI), spätestens aber vor Abschluss der Ausführungsplanung (LPH 5).


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Passini, Romedi (1984): Wayfinding in Architecture. Van Nostrand Reinhold, New York.
  • Lynch, Kevin (1960): The Image of the City. MIT Press, Cambridge.
  • Holl, Steven; Pallasmaa, Juhani; Pérez-Gómez, Alberto (1994): Questions of Perception: Phenomenology of Architecture. A+U Publishing, Tokio.
  • Kaplan, Rachel; Kaplan, Stephen (1989): The Experience of Nature: A Psychological Perspective. Cambridge University Press, Cambridge.
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