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Der Wayfinding-Designprozess ist die strukturierte Abfolge von Analyse, Konzeption, Gestaltung, Produktion, Montage und Evaluierung, durch die ein professionelles Orientierungssystem entsteht.

Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Wayfinding · Niveau: Fortgeschritten


Was ist der Wayfinding-Designprozess?

Ein professionelles Leitsystem entsteht nicht durch das Aufhängen von Schildern – es ist das Ergebnis eines methodisch strukturierten Designprozesses, der räumliche Analyse, Nutzerforschung, Informationsarchitektur, visuelle Gestaltung, technische Planung und qualitätssichernde Evaluierung verbindet.

Die Society for Environmental Graphic Design (SEGD) und führende Wayfinding-Experten wie David Gibson (2009) und Per Mollerup (2005) beschreiben den Prozess in vergleichbaren Phasenmodellen. Im deutschsprachigen Raum lässt er sich an die HOAI-Leistungsphasen (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) anlehnen.


Erklärung

Phase 1: Analyse und Research

Ziel: Den Raum, die Nutzer und die Probleme verstehen.

Methoden:

  • Raumanalyse: Begehung des Geländes, Dokumentation aller Entscheidungspunkte, Eingänge, Ziele und Problemstellen. Fotografische Dokumentation. Grundriss-Import oder Aufmaß.
  • Nutzerforschung: Interviews mit Stakeholdern (Betreiber, Personal, Besucher), Beobachtungsstudien, Analyse von Beschwerden und Orientierungsproblemen.
  • [Cognitive Mapping](/wiki/messe-event/wayfinding/cognitive-mapping/)-Workshops: Repräsentative Besucher zeichnen mentale Karten des Raumes – Verzerrungen zeigen Orientierungsschwächen.
  • Audit bestehender Schilder: Bestandsaufnahme aller vorhandenen Schilder (Typ, Zustand, Inhalt, Position).
  • Wettbewerbs-Benchmark: Analyse vergleichbarer Gebäude und deren Leitsysteme.

Deliverables:

  • Briefing-Dokument
  • Problemanalyse mit Fotos
  • Nutzer-Personas
  • Bestandsplan mit Schild-Inventar

Phase 2: Informationsarchitektur

Ziel: Alle Inhalte strukturieren und hierarchisieren, bevor das erste Zeichen gezeichnet wird.

Methoden:

  • Zielkatalog: Liste aller Ziele und Bereiche, die beschildert werden müssen
  • Hierarchisierung: Primärziele (Notaufnahme, Haupteingang) vs. Sekundärziele (Café, Buchladen)
  • Benennung: Einheitliche, konsistente Bezeichnungen für alle Bereiche festlegen. Diese Bezeichnungen müssen auf Schilder, Website, App und Druckmedien identisch erscheinen.
  • Zonierung: Logische Bereiche definieren (→ Raumgliederung & Orientierungsarchitektur)
  • Zeichenprogramm: Liste aller benötigten Schild-Typen, Standorte und Inhalte

Deliverables:

  • Zielkatalog und Hierarchiebaum
  • Zeichenprogramm (Signage Schedule): Tabellarische Liste aller Schilder mit Typ, Standort, Inhalt, Sprachen

Phase 3: Konzept und Gestaltung

Ziel: Das visuelle System entwickeln.

Methoden:

  • Typografie: Schriftauswahl für Lesbarkeit auf Distanz (→ Typografie im Leitsystem)
  • Farbe: Farbzonierungskonzept (→ Farbe als Orientierungsmittel)
  • [Piktogramm](/wiki/messe-event/wayfinding/piktogramme/)-System: Auswahl oder Entwicklung passender Symbole
  • Schildertypologie: Wie sieht jeder Schildtyp aus? Abmessungen, Proportionen, Materialien
  • Corporate Design Integration: Abstimmung mit bestehendem Brand Manual
  • Prototyping: Erste Entwürfe als Skizze, dann als digitalen Mock-up, dann als 1:1-Prototyp

Deliverables:

  • Gestaltungskonzept (Designmanual für das Leitsystem)
  • Muster-Schilder in 1:1 (Hängeprobemuster im echten Raum)
  • Farbpalette, Typografie-Spezifikation

Phase 4: Nutzertests

Ziel: Sicherstellen, dass das Konzept in der Realität funktioniert.

Methoden:

  • Prototyp-Testing: Hänge-Muster im realen Raum aufhängen und mit Testpersonen begehen
  • Lesbarkeitstest: Können Testpersonen Schilder aus der vorgesehenen Distanz und in der vorgesehenen Zeit lesen?
  • Navigationstest: Können Testpersonen (ohne Vorwissen) von A nach B navigieren?
  • Barrierefreiheits-Test: Mit Nutzern mit Behinderungen (→ Barrierefreies Orientierungssystem)

Wichtig: Tests mit echten Nutzern – nicht nur mit dem Designteam oder dem Auftraggeber.


Phase 5: Ausführungsplanung und Produktion

Ziel: Alle Schilder technisch so beschreiben, dass sie korrekt produziert werden können.

Methoden:

  • Technische Zeichnungen: Maßhaltiger Schnitt durch jeden Schildtyp mit Befestigungsdetail
  • Montageplan: Position jedes Schildes im Grundriss, mit Höhenangaben
  • Materialspezifikation: Genaue Materialbeschreibung für die Produktion
  • Ausschreibung: Anfrage an Produzenten mit allen Unterlagen

Deliverables:

  • Technische Zeichnungen für alle Schildtypen
  • Montageplan
  • Ausschreibungsunterlagen

Phase 6: Montage und Abnahme

Ziel: Korrekte Installation aller Elemente sicherstellen.

Methoden:

  • Montageplanung: Zeitplan, Koordination mit anderen Gewerken (Elektriker für beleuchtete Schilder, Maler für Wandmarkierungen)
  • Montagebegleitung: Designer oder Bauleiter kontrolliert die Installation
  • Abnahmebegehung: Vollständige Begehung nach Abschluss, Checkliste gegen Zeichenprogramm

Phase 7: Evaluierung und Wartung

Ziel: Das System nachbessern und langfristig funktionsfähig halten.

Methoden:

  • Post-Occupancy-Evaluation nach 3–6 Monaten: Beobachtungsstudien, Nutzerbefragungen
  • Wartungsplan: Wer ist für Schilderpflege, Aktualisierungen und Reparaturen zuständig?
  • Änderungsmanagement: Prozess für Aktualisierungen bei Raumänderungen

Zeitplanung

Ein vollständiger Wayfinding-Prozess für ein mittleres Gebäude (Klinik, Messepavilion, Museum) dauert typischerweise 4–8 Monate von Auftragsvergabe bis Abnahme:

PhaseDauer
Analyse4–6 Wochen
Informationsarchitektur3–4 Wochen
Konzept und Gestaltung6–10 Wochen
Nutzertests2–3 Wochen
Ausführungsplanung4–6 Wochen
Produktion4–8 Wochen
Montage1–3 Wochen

Häufige Fehler und wie man sie vermeidet

  1. Analyse überspringen: Ohne Raumanalyse und Nutzerforschung entstehen Systeme, die am Bedarf vorbeigehen.
  2. Informationsarchitektur überspringen: Ohne Zeichenprogramm werden in der Produktion Schilder vergessen oder doppelt produziert.
  3. Kein Nutzertesting: Designer und Auftraggeber sehen Schilder anders als unvorbereitete Besucher.
  4. Zu late in den Bau einsteigen: Leitsystem-Planung ab HOAI LPH 2 mitdenken, nicht erst nach Bezug einbauen.
  5. Kein Wartungsplan: Ohne Zuständigkeit und Budget werden Systeme innerhalb von Jahren zum Flickenteppich.

Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Gibson, David (2009): The Wayfinding Handbook: Information Design for Public Places. Princeton Architectural Press, New York.
  • Calori, Chris; Vanden-Eynden, David (2015): Signage and Wayfinding Design: A Complete Guide to Creating Environmental Graphic Design Systems. Wiley, Hoboken.
  • Mollerup, Per (2005): Wayshowing: A Guide to Environmental Signage Principles and Practices. Lars Müller Publishers, Baden.
  • SEGD (2021): Practice Standards for Environmental Graphic Design. Society for Environmental Graphic Design, Washington D.C.
  • Uebele, Andreas (2007): Orientierungssysteme und Signaletik. Hermann Schmidt Verlag, Mainz.
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