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Konflikt ist das dramaturgische Herzstück jeder Geschichte — die Spannung zwischen dem, was eine Figur will oder braucht, und dem, was ihr im Weg steht.

Rubrik: Storytelling & Konzeption · Unterrubrik: Dramaturgie · Niveau: Fortgeschritten


Was sind Konfliktarten?

Geschichten brauchen Widerstand. Ohne Konflikt keine Spannung, ohne Spannung keine Geschichte. Die Literaturwissenschaft hat traditionell vier grundlegende Typen von Konflikten unterschieden, die beschreiben, welcher Art der Widerstand ist, gegen den der Protagonist kämpft. Diese Kategorisierung geht auf die Rhetoriktraditionen des 19. Jahrhunderts zurück und wurde im 20. Jahrhundert von Drehbuchlehrern wie Linda Seger und John Truby für die dramaturgische Praxis verfeinert.

In realen Geschichten überlagern sich diese Konflikttypen meist. Eine Geschichte, die nur einen Typus aufweist, wirkt eindimensional. Die Kunst besteht darin, die Konfliktebenen so zu schichten, dass sie sich gegenseitig verstärken.


Erklärung

Typ 1: Mensch gegen Mensch (Interpersonaler Konflikt)

Der direkteste und häufigste Konflikttyp: Zwei oder mehr Figuren stehen sich mit unvereinbaren Zielen, Werten oder Bedürfnissen gegenüber. Der Antagonist ist eine konkrete Person.

Dieser Konflikt ist dramaturgisch besonders wirkungsvoll, weil er personalisierbar ist — das Publikum kann sich mit den beteiligten Figuren identifizieren. Außerdem ermöglicht er Dialog, der Subtext trägt und beide Seiten charakterisiert.

Beispiele: Romeo und Julia (Familie gegen Familie, aber auch Person gegen Person), No Country for Old Men (Llewelyn Moss gegen Anton Chigurh), Der Pate (Corleone-Familie gegen die anderen Familien).

Besonderheit: Wenn Protagonist und Antagonist Spiegelbilder voneinander sind — dieselbe Grundfrage, verschiedene Antworten — entsteht der wirkungsvollste Typus dieses Konflikts. Vgl. Der Antagonist: Funktion & Gestaltung.

Typ 2: Mensch gegen Natur (Existenzieller Konflikt)

Der Protagonist kämpft gegen eine natürliche Kraft: Kälte, Sturm, Hunger, Krankheit, den Ozean. Dieser Konflikt ist in seiner reinsten Form unpersönlich — die Natur "will" nichts, sie ist einfach. Gerade diese Unpersönlichkeit macht ihn existenziell: Es gibt keinen Bösen zu überwältigen, keine Verhandlung möglich.

Dramaturgisch zeigt dieser Konflikt die Figur in ihrer reinsten Auseinandersetzung mit Überleben und Sterblichkeit. Er wird oft mit anderen Konflikttypen verknüpft, weil er alleine keine thematische Komplexität trägt.

Beispiele: Der Alte Mann und das Meer (Hemingway, 1952), The Revenant (2015), Gravity (2013), 127 Hours (2010).

Variante: In der Gegenwartsliteratur wird der Klimawandel als modifizierter "Mensch gegen Natur"-Konflikt behandelt — mit der Zusatzdimension, dass der Mensch selbst die Natur als Antagonist erschaffen hat.

Typ 3: Mensch gegen Gesellschaft (Systemischer Konflikt)

Der Protagonist kämpft gegen eine gesellschaftliche Struktur: Gesetze, Konventionen, Institutionen, Klassensysteme, politische Machtstrukturen. Dieser Konflikt ist für gesellschaftskritische Narrative besonders relevant.

Dramaturgisch ist dieser Konflikt herausfordernd, weil der Antagonist kein Gesicht hat — er muss personalisiert werden (durch Repräsentanten des Systems) oder durch die konkreten Auswirkungen auf die Figur erfahrbar gemacht werden.

Beispiele: 1984 (Orwell, 1949), The Handmaid's Tale (Atwood, 1985), Parasite (2019), Erin Brockovich (2000), I, Daniel Blake (2016).

Besonderheit: Dieser Konflikttyp verbindet am stärksten den individuellen Arc des Protagonisten mit thematischen Aussagen über die Gesellschaft. Er ist das bevorzugte Terrain des gesellschaftskritischen Dramas und des politischen Dokumentarfilms.

Typ 4: Mensch gegen sich selbst (Innerer Konflikt)

Der Protagonist kämpft gegen eine innere Kraft: Angst, Sucht, Trauma, moralisches Dilemma, Selbstbetrug. Dies ist der tiefste und psychologisch reichste Konflikttyp.

Dramaturgisch ist er der schwierigste, weil er externalisiert werden muss, um sichtbar zu sein. Techniken dazu: Innerer Monolog (Literatur), Voice-Over (Film), Verhalten und Subtext (Dialog), symbolische Szenen, Konfrontation mit einer Figur, die den inneren Konflikt verkörpert.

Beispiele: Hamlet (Shakespeares zentraler innerer Konflikt: Handeln oder Nicht-Handeln), Whiplash (2014), Black Swan (2010), Manchester by the Sea (2016).

Verbindung zum Arc: Der innere Konflikt ist meist identisch mit dem "Brauchen" der Figur — der unbewussten Wahrheit, der sie ausweicht. Vgl. Charakterentwicklung: Arc, Wollen vs. Brauchen.

Typ 5 (Ergänzung): Mensch gegen Übernatürliches / Technologie / Schicksal

In Science Fiction, Horror und Fantasy gibt es häufig einen fünften Typ: Der Protagonist kämpft gegen eine übernatürliche oder technologische Kraft. Frankenstein (Shelley, 1818), Blade Runner (1982), Ex Machina (2014) — in diesen Werken ist der Antagonist ein erschaffenes Wesen oder ein System.

Dieser Typ ist dramaturgisch interessant, weil er Fragen nach Verantwortung, Moral und Menschheit aufwirft und oft den "Mensch gegen sich selbst"-Konflikt im Großmaßstab spiegelt.


Das Schichten von Konflikten

Die dramaturgische Meisterklasse liegt im Schichten: Eine Geschichte arbeitet auf mehreren Ebenen gleichzeitig. In The Wire kämpfen die Figuren gegen Personen (interpersonal), gegen das Drogengeschäft und die Polizeibürokratie (gesellschaftlich) und gegen ihre eigenen Überzeugungen und Kompromisse (innerer Konflikt).

Das Schichten erzeugt Resonanz: Das Publikum kann auf mehreren Ebenen mitleiden, mitdenken und Bedeutung konstruieren.

Faustregel: Ein äußerer Konflikt zeigt, was passiert. Ein innerer Konflikt zeigt, was es bedeutet.


Beispiele in verschiedenen Medien

Werbung: Auch in 30 Sekunden ist Konflikt essenziell. Ein typisches Muster: Ausgangszustand (innerer Konflikt — Frustration, Unsicherheit) + äußerer Auslöser + Lösung durch Produkt. Die effektivsten Spots arbeiten mit einem echten, nachvollziehbaren Konflikt. Vgl. Dramaturgie in der Werbung: 30 Sekunden erzählen.

Games: Interaktives Storytelling nutzt Konflikt besonders komplex: Der Spieler löst externe Konflikte (Gegner, Rätsel), während die Narrative oft innere Konflikte inszenieren, über die der Spieler keine Kontrolle hat. Vgl. Interaktives Storytelling: Games & VR.

Journalismus: Auch journalistische Erzählungen brauchen Konflikt — investigative Reportagen sind oft "Mensch gegen System"-Geschichten, die durch personalisierte Figuren zugänglich gemacht werden.


In der Praxis

Konfliktanalyse als Entwicklungswerkzeug

Schreibe für jeden Entwurf eine Konfliktmatrix:

  • Welcher Typ Konflikt ist der Hauptkonflikt?
  • Welche Nebenkonflikte gibt es?
  • Wie interagieren die Konfliktebenen?
  • Welcher Konflikt spiegelt das Thema der Geschichte?

Konfliktsteigerung

Ein häufiger Anfängerfehler: Der Konflikt bleibt auf konstantem Level. Dramaturgisch muss der Druck zunehmen — durch Eskalation (äußerer Konflikt wird größer), durch Internalísierung (äußerer Konflikt wird innerlicher) oder durch Verdoppelung (neuer Konflikt tritt zum bestehenden hinzu). Vgl. Drei-Akt-Struktur.


Vergleich & Abgrenzung

Konflikt vs. Problem: Ein Problem ist situativ und lösbar. Ein Konflikt ist strukturell und transformativ — er verändert die Figur, auch wenn er gelöst wird.

Konflikt vs. Spannung: Spannung ist die emotionale Wirkung des Konflikts auf das Publikum. Konflikt ist die strukturelle Ursache dieser Wirkung.

Primärkonflikt vs. Subplot-Konflikt: In komplexen Geschichten haben Haupt- und Nebenhandlung eigene Konflikte. Die Kunst liegt darin, sie thematisch zu verbinden.


Häufige Fragen (FAQ)

Kann eine Geschichte mehrere Hauptkonflikte haben? Ja, aber sie müssen klar hierarchisiert sein. Zu viele Konflikte auf gleicher Ebene verwässern die Geschichte.

Welcher Konflikttyp ist "am besten"? Kein Typ ist universell überlegen. Die Wahl des dominanten Konflikttyps ist eine Genre- und Themenentscheidung.

Muss der Konflikt am Ende gelöst werden? Nein. Offene Konflikte können ein stilistisches Mittel sein — besonders in Arthouse-Film, literarischem Erzählen oder realistischen Serien.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Seger, Linda: Making a Good Script Great. Samuel French, Hollywood 1987.
  • Truby, John: The Anatomy of Story. Farrar, Straus and Giroux, New York 2007.
  • McKee, Robert: Story: Die Prinzipien des Drehbuchschreibens. Alexander Verlag, Berlin 2000.
  • Aristoteles: Poetik. Reclam, Stuttgart 1982.
  • Iglesias, Karl: Writing for Emotional Impact. WingSpan Press, Livermore 2005.
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