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Phantomspeisung (engl. Phantom Power) ist eine Methode zur Gleichstromversorgung von Kondensatormikrofonen über das Signalkabel (XLR), bei der die Versorgungsspannung von +48 V auf beiden Signalleitern gleichzeitig übertragen wird, ohne das Audiosignal zu beeinflussen.

Was ist Phantomspeisung?

Kondensatormikrofone benötigen eine Betriebsspannung, um die Vorpolarisierung der Kapsel und die interne Elektronik zu betreiben. Statt ein separates Stromkabel zu verwenden, wird diese Spannung "phantom" – also unsichtbar – über das gleiche XLR-Kabel transportiert, das auch das Audiosignal führt. Der Begriff "Phantom" kommt daher, dass das Netzteil im Signalweg verborgen bleibt und das Audiosignal nicht stört.

Der Standard wurde 1966 von Neumann, Schoeps und den deutschen Rundfunkanstalten entwickelt und 1987 als IEC 61938 international normiert.

Erklärung

Technisches Prinzip

Ein symmetrisches XLR-Mikrofonsignal besteht aus drei Leitern:

  • Pin 1: Masse (Ground)
  • Pin 2: Audiosignal (+)
  • Pin 3: Audiosignal (−, invertiert)

Bei aktivierter Phantomspeisung wird auf Pin 2 und Pin 3 gleichermaßen eine Gleichspannung von +48 V gegenüber Pin 1 angelegt. Da beide Signalleiter die gleiche Spannung tragen, entsteht zwischen ihnen kein Spannungsunterschied – das Differenzsignal des Audioteils bleibt unberührt. Im Mikrofon wird die Spannung intern abgegriffen und an Kapsel und Verstärkerelectronik weitergeleitet.

Spannungsstandards

Offiziell genormt ist P48 (48 V ± 4 V), der universell gültige Standard. Es existieren auch ältere oder abweichende Standards:

StandardSpannungEinsatz
P4848 VUniversal, professionell
P2424 VÄltere und günstigere Systeme
P1212 VKleine Lavaliermikrofone, Plug-In-Power
Plug-In-Power3–5 VConsumer-Mikrofone, Smartphones

Plug-In-Power (z. B. bei TRS-Klinke am Smartphone oder Kamera) ist nicht mit Phantomspeisung zu verwechseln und nicht kompatibel.

Wer benötigt Phantomspeisung?

  • Benötigen Phantomspeisung: Alle vorpolarisierten Kondensatormikrofone (Standard-Kondensatoren, Kleinmembran und Großmembran)
  • Benötigen keine Phantomspeisung: Dynamische Mikrofone (Tauchspule), passive Bändchenmikrofone
  • Haben eigene Stromversorgung: Einige teure Röhrenmikrofone mit separatem Netzteil; Funkmikrofone (Batterie)

Aktivierung

Phantomspeisung wird am Audiointerface, am Mischpult oder am externen Mikrofonvorverstärker mit einem Schalter (oft mit dem Symbol +48V oder P48 gekennzeichnet) aktiviert. Manche Geräte bieten eine kanalweise Aktivierung, andere nur eine globale.

Beispiele

Standardszenario: Ein Neumann TLM 103 (Kondensatormikrofon) wird per XLR-Kabel an ein Focusrite Scarlett Solo (Audiointerface) angeschlossen. Am Interface wird +48V aktiviert. Das Mikrofon erhält seine Betriebsspannung und gibt Signal aus.

Kamera-Einsatz: DSLR- und Spiegellosekameras haben häufig nur eine Klinkenbuchse mit Plug-In-Power (3,3 V). Ein Kondensatormikrofon mit XLR-Anschluss kann nicht direkt angeschlossen werden und benötigt einen batteriebetriebenen Adapter oder Fieldrecorder mit Phantomspeisung.

In der Praxis

Wichtige Hinweise zur sicheren Verwendung:

  1. Reihenfolge beim Verbinden: Immer zuerst das Mikrofon anschließen, dann Phantomspeisung aktivieren – nicht umgekehrt. Beim Trennen: erst Phantomspeisung deaktivieren, kurz warten (bis Kondensatoren entladen sind), dann Kabel ziehen.
  2. Gefahr für Bändchenmikrofone: Passive Bändchenmikrofone können durch Phantomspeisung beschädigt werden, wenn das XLR-Kabel eine Unsymmetrie aufweist (z. B. ein Adernbruch in Pin 2 oder 3). Die 48 V können dann einen Strom durch das empfindliche Ribbon treiben und es zerstören. Immer hochwertige, symmetrische Kabel verwenden und Phantomspeisung bei Bändchenmikrofonen nur mit geprüften Kabeln aktivieren.
  3. Dynamische Mikrofone: Korrekterweise schadet Phantomspeisung dynamischen Mikrofonen bei einwandfreier Symmetrie nicht. In der Praxis gilt dennoch: Phantomspeisung nur aktivieren, wenn benötigt.
  4. Popgeräusch beim Einschalten: Beim Zuschalten der Phantomspeisung kann ein lautes Knacken entstehen. Volume am Interface oder Mischpult vor dem Einschalten reduzieren.

Vergleich & Abgrenzung

Phantomspeisung unterscheidet sich von Speiseschaltungen bei Elektret-Mikrofonen (z. B. in Headsets): Diese benötigen nur sehr kleine Spannungen (1,5–9 V) und verwenden eine andere Schaltungstopologie.

Auch Röhrenmikrofone benötigen zwar eine Betriebsspannung, diese ist aber deutlich höher (oft 100–250 V Hochspannung für die Röhre) und wird über ein separates, mitgeliefertes Netzteil bereitgestellt. Phantomspeisung ist für Röhrenmikrofone nicht ausreichend.

Häufige Fragen (FAQ)

Muss ich Phantomspeisung ausschalten, wenn ich ein dynamisches Mikrofon benutze? Technisch schadet es bei hochwertigen symmetrischen Kabeln und intakten dynamischen Mikrofonen nicht. Aber: Zur Sicherheit und zur Vermeidung von Einschaltknacken empfiehlt es sich, Phantomspeisung nur bei Bedarf zu aktivieren.

Was passiert, wenn ich Phantomspeisung vergesse einzuschalten? Das Kondensatormikrofon gibt kein Signal aus, da die Kapsel nicht polarisiert ist und der interne Vorverstärker nicht funktioniert. Ein klassischer Fehler bei der Aufnahmeeinrichtung.

Kann Phantomspeisung mein Interface beschädigen? Nein, professionelle und halbprofessionelle Interfaces sind für Phantomspeisung ausgelegt. Kurzschlüsse oder stark defekte Kabel könnten theoretisch Probleme verursachen.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • IEC 61938 (2013): Audio, video and audiovisual engineering – Unified connectors for analogue audio signals. International Electrotechnical Commission.
  • Neumann, Georg & Schiffner, Erich (1966): Neumann KM84 Technical Manual. Georg Neumann GmbH.
  • Dickreiter, Michael (2021): Handbuch der Tonstudiotechnik, 9. Aufl., De Gruyter. S. 185–188.
  • Schoeps GmbH (2023): Phantom Power – Technical Information. Technische Dokumentation.
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