Die Richtcharakteristik (auch Polardiagramm oder Richtmuster) eines Mikrofons beschreibt, aus welchen Richtungen und mit welcher Empfindlichkeit es Schall aufnimmt.
Was ist eine Richtcharakteristik?
Kein Mikrofon nimmt Schall gleichmäßig aus allen Richtungen auf. Die Richtcharakteristik legt fest, wie sensibel ein Mikrofon auf Schallereignisse aus verschiedenen Winkeln reagiert. Grafisch wird dies in einem sogenannten Polardiagramm dargestellt, bei dem 0° der Frontseite entspricht und Kreislinien Empfindlichkeitsabstufungen anzeigen. Die Wahl der Richtcharakteristik beeinflusst maßgeblich, wie viel Raum und Umgebungsgeräusche in der Aufnahme landen, und ist damit eine der wichtigsten klanglichen Entscheidungen bei jeder Mikrofonierung.
Erklärung
Niere (Cardioid)
Die Niere ist die am häufigsten verwendete Richtcharakteristik. Sie nimmt Schall primär von vorne auf, dämpft Seitengeräusche moderat und unterdrückt Schall von hinten am stärksten. Das Polardiagramm ähnelt einer Herzform (daher der Name: kardioid, von griech. kardia = Herz).
- Empfindlichste Seite: 0° (vorne)
- Nullpunkt (max. Auslöschung): ca. 180° (hinten)
- Typischer Einsatz: Gesang, Podcast, Sprache, Instrumente im Studio
- Vorteil: Guter Nebengeräusch-Abstand, kein Übersprechen von hinten
Kugel (Omnidirektional)
Die Kugelcharakteristik nimmt Schall gleichmäßig aus allen Richtungen auf. Es gibt keine bevorzugte Richtung, kein Auslöschungswinkel. Das führt zu einem sehr natürlichen, raumbetonenden Klang, da der Mikrofonpegel unabhängig vom Aufnahmewinkel ist.
- Empfindlichkeit: 360° gleichmäßig
- Kein Nahbesprechungseffekt: Im Gegensatz zur Niere entsteht bei sehr naher Besprechung kein Bassanstieg
- Typischer Einsatz: Raumaufnahmen, Ambientemikrofonie, Gesprächsrunden, Messmikrofone
- Nachteil: Nimmt auch Störgeräusche und Raumhall auf
Acht (Bidirektional)
Die Achtcharakteristik nimmt Schall aus vorne und hinten gleich gut auf, unterdrückt aber Schall von den Seiten (90° und 270°) vollständig. Das Polardiagramm hat die Form einer Acht.
- Empfindlichste Seiten: 0° und 180°
- Nullpunkte: 90° und 270° (links/rechts)
- Typischer Einsatz: Gegenüber-Interviews, MS-Stereoverfahren, Bändchenmikrofone (häufig natürliche Acht)
- Besonderheit: Starker Nahbesprechungseffekt, weil das Mikrofon auf Schallschnelle reagiert
Superniere und Hyperniere
Die Superniere ist eine engere Variante der Niere: Sie unterdrückt Seitengeräusche noch stärker, hat aber Empfindlichkeitskeulen nach hinten (ca. 126° von vorne gemessen). Ideal, wenn seitliche Störquellen ausgeblendet werden müssen.
Die Hyperniere ist noch gerichteter. Sie wird z. B. bei Richtrohrmikrofonen (Shotgun-Mikrofonen) als Grundcharakteristik verwendet.
| Charakteristik | Frontbereich | Seitenunterdrückung | Rückkeule |
|---|---|---|---|
| Kugel | 360° | Keine | Keine |
| Niere | Breit | Mittel | Keine |
| Superniere | Mittel-schmal | Stark | Kleine Keule |
| Hyperniere | Schmal | Sehr stark | Stärkere Keule |
| Acht | Vorne + Hinten | Maximal (Seiten) | Gleich wie vorne |
Beispiele
- Niere: Rode NT1, Shure SM7B, AKG C214
- Kugel: DPA 4006, Earthworks M30 (Messkugel), Neumann KM 183
- Acht: Royer R-121 (Bändchen), AKG C414 (umschaltbar)
- Superniere: Shure Beta 58A, Sennheiser e935
- Umschaltbar (mehrere Charakteristiken): Neumann U87, AKG C414 XLII
In der Praxis
Podcast und Sprachaufnahme: Die Niere ist Standard. Sie hält Raumhall und Umgebungsgeräusche auf Abstand. Für Interviews mit zwei Personen an einem Mikrofon kann eine Acht sinnvoll sein – beide Sprecher sitzen sich gegenüber und befinden sich in den sensitiven Bereichen.
Stereo-Aufnahmetechniken: Viele klassische Stereo-Verfahren bauen auf Richtcharakteristiken auf. Beim MS-Verfahren wird ein Nierenmikrofon mit einem Achtermikrofon kombiniert. XY-Stereofonie verwendet zwei Nieren.
Bühne und Live: Die Superniere bietet auf der Bühne bessere Rückkopplungssicherheit als die Niere, weil der Bereich hinter dem Mikrofon – wo Monitor-Boxen stehen – stärker gedämpft wird.
Field Recording: Omnidirektionale Mikrofone klingen im Freien oft natürlicher, da sie keinen Windanfälligkeits-Effekt durch gerichtete Akustik zeigen. Allerdings nehmen sie auch mehr Umgebungsgeräusche auf.
Vergleich & Abgrenzung
Die Richtcharakteristik ist nicht identisch mit der Empfindlichkeit (Sensitivity) oder dem Frequenzgang. Ein Mikrofon kann eine Nierencharakteristik haben und trotzdem laut oder leise, hell oder dunkel klingen. Beide Parameter – Richtcharakteristik und Frequenzgang – müssen gemeinsam betrachtet werden.
Mehrfach umschaltbare Mikrofone (z. B. AKG C414) bieten Flexibilität, sind aber in der Regel teurer. Für spezialisierte Aufgaben (z. B. MS-Stereo) ist ein dediziertes Acht- oder Kugelmikrofon oft klanglich überlegen.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Niere und Superniere? Die Superniere ist enger ausgerichtet und unterdrückt Seitengeräusche besser, hat aber kleine Empfindlichkeitskeulen nach hinten. Die Niere hat einen breiteren Aufnahmebereich vorne und keinen Rückbereich.
Wann sollte ich eine Kugelcharakteristik wählen? Bei natürlichen Raumaufnahmen, Gruppenaufnahmen (wenn alle Sprecher rund ums Mikrofon sitzen) oder wenn der Raumklang bewusst eingefangen werden soll. Nicht geeignet für Heimstudios mit schlechter Akustik.
Hat die Richtcharakteristik Einfluss auf den Nahbesprechungseffekt? Ja. Gerichtete Mikrofone (Niere, Acht, Superniere) neigen zum Nahbesprechungseffekt (Proximity Effect) – einem Bassanstieg bei sehr naher Besprechung. Kugelcharakteristiken zeigen diesen Effekt nicht.
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Weiterführend
- Dickreiter, Michael (2021): Handbuch der Tonstudiotechnik, 9. Aufl., De Gruyter. Kapitel 3.2: Richtcharakteristiken.
- Görne, Thomas (2011): Tontechnik, 1. Aufl., Fachbuchverlag Leipzig. S. 58–78.
- AKG (2023): Microphone University – Understanding Polar Patterns. Online: www.akg.com
- Schoeps GmbH (2022): Kapseln und Richtcharakteristiken. Technische Dokumentation.
