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Stereo-Mikrofonierung bezeichnet Verfahren, bei denen zwei oder mehr Mikrofone so eingesetzt werden, dass das resultierende Aufnahmesignal beim Wiedergeben eine räumliche Breite und Tiefe vermittelt.

Was ist Stereo-Mikrofonierung?

Stereoklang entsteht, wenn das menschliche Hörsystem aus zwei leicht unterschiedlichen Signalen räumliche Informationen ableitet. Diese Unterschiede können entweder in der Lautstärke (Intensitätsunterschiede) oder im zeitlichen Versatz (Laufzeitunterschiede) liegen – oder in einer Kombination beider. Entsprechend unterscheidet die Akustik zwischen Intensitätsstereofonie und Laufzeitstereofonie. Die gängigen Mikrofonierungsverfahren nutzen diese Prinzipien auf unterschiedliche Weise.

Erklärung

XY-Stereofonie (Intensitätsstereofonie)

Beim XY-Verfahren werden zwei identische Richtmikrofone (meist Nieren) übereinandergestapelt und um ca. 90° gegeneinander gedreht, so dass ihre Kapseln am exakt gleichen Punkt im Raum liegen (koinzidentes Verfahren). Da beide Mikrofone am gleichen Ort sind, gibt es keinen zeitlichen Versatz zwischen den Signalen – nur Lautstärkeunterschiede in Abhängigkeit vom Aufnahmewinkel erzeugen das Stereobild.

  • Öffnungswinkel: 90° (Standard), kann auf 110° erweitert werden
  • Klangcharakter: exakte Ortung, kompaktes Stereobild, sehr monokompatibel
  • Einsatz: Klassik, Kirchenaufnahmen, Reportagen
  • Nachteil: Schmaleres Stereofeld als AB, wirkt manchmal "zusammengedrückt"

ORTF-Stereofonie (Kombinationsverfahren)

Das ORTF-Verfahren (Office de Radiodiffusion-Télévision Française) kombiniert Lautstärke- und Laufzeitunterschiede. Zwei Nierenmikrofone werden so angeordnet, dass ihre Kapseln 17 cm auseinander stehen (entspricht dem mittleren menschlichen Ohrenbstand) und jeweils 55° nach außen zeigen.

  • Kapselabstand: 17 cm
  • Winkel: je 55° von der Mittelachse (110° insgesamt)
  • Klangcharakter: sehr natürliches, breites Stereobild, gute Tiefenstaffelung
  • Monokompatibilität: Gut, aber etwas schlechter als XY
  • Einsatz: Orchestermikrofonierung, Klassik, Ambientemikrofonierung
  • Varianten: NOS (Niederländischer Rundfunk, 30 cm / 90°), DIN (20 cm / 90°)

AB-Stereofonie (Laufzeitstereofonie)

Beim AB-Verfahren werden zwei omnidirektionale Mikrofone (Kugelcharakteristik) mit einem Abstand von typisch 50 cm bis mehreren Metern nebeneinander aufgestellt. Das Stereobild entsteht ausschließlich durch Laufzeitunterschiede.

  • Abstand: 50 cm – 3 m (je nach Quelle und Raum)
  • Richtcharakteristik: bevorzugt Kugel
  • Klangcharakter: sehr räumlich, breites und tiefes Stereobild, natürlicher Raumklang
  • Monokompatibilität: Schlecht – bei Summierung zu Mono entstehen Phasenauslöschungen
  • Einsatz: Orchester-Hauptmikrofonierung, natürliche Raumaufnahmen
  • Nachteil: Loch in der Mitte ("hole in the middle") bei sehr großen Abständen

MS-Stereofonie (Mid/Side)

Das MS-Verfahren ist das einzige Verfahren, bei dem das Stereobild nach der Aufnahme flexibel eingestellt werden kann. Es werden zwei Mikrofone verwendet:

  • Mid-Mikrofon (M): Niere, zeigt nach vorne
  • Side-Mikrofon (S): Acht, zeigt seitlich (90° zum Mid)

Das Stereosignal wird durch eine MS-Matrix zurückgerechnet:

  • Linkes Signal: M + S
  • Rechtes Signal: M − S

Durch Lautstärkeänderung des Side-Signals kann die Stereobreite von "Mono" bis "sehr breit" reguliert werden – sogar nachträglich in der Nachbearbeitung.

  • Klangcharakter: flexibles Stereobild, sehr mono-kompatibel (M-Spur ist das Mono-Signal)
  • Einsatz: Rundfunk, Film-Ton, alle Situationen wo Monokompatibilität wichtig ist
  • Nachteil: Erfordert technisches Verständnis für die MS-Dekodierung

Beispiele

VerfahrenMikrofoneAufwandMonokompat.
XY2 × Niere (identisch)GeringSehr gut
ORTF2 × Niere (identisch)MittelGut
AB2 × KugelGeringSchlecht
MS1 × Niere + 1 × AchtMittel–HochAusgezeichnet

In der Praxis

Im Rundfunk war MS lange der Standard, weil Monokompatibilität (für ältere AM-Empfänger) entscheidend war. Heute bleibt MS-Stereo im Radiobetrieb etabliert.

In der Orchestermikrofonierung wird häufig ein Hauptmikrofonpaar (meist ORTF oder AB) durch Stützmikrofone (nahe einzelner Instrumentengruppen) ergänzt. Die Kombination ergibt einen natürlichen Raumklang mit klarer Ortung.

Im Field Recording ermöglicht ein kompaktes XY- oder ORTF-Set flexiblen Einsatz in der Natur oder in städtischen Umgebungen. Fertig integrierte Stereorekorder (z. B. Zoom H5, Tascam DR-40) verwenden oft ein X/Y-Kapselsystem.

Beim Heimstudio ist zu beachten, dass AB-Verfahren den Raum stark "einmikrofonieren". In unkontrollierten Räumen ist XY oder MS vorzuziehen.

Vergleich & Abgrenzung

Die Verfahren unterscheiden sich nicht nur in der Klangcharakteristik, sondern auch in der Flexibilität bei der Nachbearbeitung. XY liefert ein fertiges Stereobild ohne Bearbeitungsbedarf. MS erfordert eine Dekodierung, bietet dafür aber maximale Flexibilität.

Im Gegensatz zu echten Stereo-Verfahren existiert auch Pseudo-Stereo: Ein Mono-Signal wird durch Verzögerungs- oder Panning-Effekte in der Nachbearbeitung zu einem Stereo-ähnlichen Signal umgewandelt. Dies klingt oft künstlich und sollte mit Bedacht eingesetzt werden.

Häufige Fragen (FAQ)

Kann ich XY-Stereo auch mit zwei verschiedenen Mikrofonen aufnehmen? Technisch ja, aber für ein natürliches Stereobild sollten beide Mikrofone identisch sein. Unterschiedliche Frequenzgänge oder Empfindlichkeiten führen zu einem asymmetrischen Stereobild.

Was passiert, wenn ich ein AB-Stereosignal in Mono spiele? Durch die Laufzeitunterschiede kommt es zu Phasenproblemen: Bestimmte Frequenzen löschen sich aus (Kammfiltereffekt). Das Ergebnis klingt oft dumpf und ausgehöhlt.

Wie weit weg sollte das Hauptmikrofonpaar beim Orchester stehen? Als Faustregel gilt: Die horizontale Breite der Klangquelle entspricht dem idealen Abstand. Bei einem Orchester von 15 m Breite also ca. 10–15 m Abstand. In der Praxis variiert dies je nach Raum stark.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Dickreiter, Michael (2021): Handbuch der Tonstudiotechnik, 9. Aufl., De Gruyter. Kapitel 5: Stereofonie.
  • Williams, Michael (2012): Microphone Array Design Handbook, 2. Aufl., Focal Press.
  • Görne, Thomas (2011): Tontechnik, Fachbuchverlag Leipzig. S. 80–105.
  • EBU (2011): Recommendation R68: Alignment Level in Digital Audio Production Equipment. European Broadcasting Union.
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