Günther Rambow (* 1938 Neustadt/Dosse) ist ein deutscher Grafiker, der durch konzeptuell-surreale Plakate für das Schauspiel Frankfurt, den S. Fischer Verlag und internationale Kulturinstitutionen zu den bedeutendsten deutschen Grafikdesignern des 20. Jahrhunderts zählt.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Rambow/Lienemeyer/van de Sand (Ateliergemeinschaft), Günther Rambow Plakate
Wer ist Günther Rambow?
Günther Rambow ist der konzeptuellste unter den deutschen Plakatgestaltern des 20. Jahrhunderts. Wo andere mit grafischer Schönheit oder dekorativer Wirkung arbeiten, stellt Rambow eine Frage oder formuliert ein Paradox: Das Bild denkt nach. Seine Plakatgestaltung verlangt dem Betrachtenden intellektuelle Mitarbeit, ohne dabei akademisch zu werden – das Rätsel löst sich im Augenblick des Verstehens mit einer emotionalen Wucht.
Erklärung
Günther Rambow studierte in Kassel an der Hochschule für Bildende Künste (heute Universität Kassel), wo er später auch lehrte. Gemeinsam mit Gerhard Lienemeyer und Michael van de Sand gründete er Anfang der 1960er Jahre eine Ateliergemeinschaft, die über Jahrzehnte als eines der prägendsten grafischen Studios Deutschlands agierte.
Seine wichtigste langjährige Zusammenarbeit bestand mit dem Schauspiel Frankfurt, für das er von 1972 bis 1990 die Spielzeit-Plakate gestaltete. In diesem Zeitraum entstand ein einzigartiges Corpus von Theaterplakaten, das in der Geschichte der deutschen Grafikgestaltung kaum Parallelen hat: Für jede Inszenierung – von Brecht über Shakespeare bis zu zeitgenössischen Uraufführungen – entwickelte Rambow ein eigenständiges Bild, das keine Illustration lieferte, sondern eine eigenständige Interpretation.
Rambows Methode verbindet konzeptuelles Denken mit fotografischer Präzision. Er arbeitet oft mit inszenierten Fotomotiven, die dann durch Kombination, Ausschnitt oder Überblendung verrätselt werden: Ein Mann trägt einen weiteren Mann als Kostüm. Ein Gesicht ist aus Buchseiten zusammengesetzt. Ein Stuhl geht als Schatten weiter, obwohl der Stuhl bereits weg ist. Diese Paradoxien sind nicht willkürlich – sie übersetzen dramatische Strukturen oder thematische Kerne der jeweiligen Stücke in ein einzelnes Bild.
Der S. Fischer Verlag zählt zu Rambows anderen wichtigen Auftraggebern. Seine Buchcover und Verlagsplakate für S. Fischer sind Meisterwerke der angewandten Konzeptgrafik: intellektuell, literarisch aufgeladen, zugleich markenwirksam.
Rambow lehrte von 1974 bis 2004 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (heute Hochschule für Gestaltung) in Offenbach am Main und an der Universität Kassel. Sein pädagogischer Einfluss auf mehrere Generationen deutscher Designerinnen und Designer ist erheblich.
Ausgezeichnet wurde Rambow u. a. mit dem Preis der „100 Besten Plakate" in zahlreichen Jahren, dem Deutschen Plakatpreis und internationalen Auszeichnungen. Retrospektiven seines Werks fanden im Deutschen Plakatmuseum Essen, in New York und in Tokio statt.
Ein charakteristisches Merkmal seiner Ästhetik ist die fotografische Sorgfalt: Rambows Plakate wirken nie provisorisch. Beleuchtung, Bildtiefe und Komposition sind präzise; auch wenn das Motiv irritierend ist, ist die Ausführung perfekt. Das Unbehagen entsteht nicht aus schlechter Qualität, sondern aus der Kollision von handwerklicher Perfektion und semantischer Unmöglichkeit.
Beispiele
- „Endstation Sehnsucht" (Schauspiel Frankfurt, 1975): Fragmentierter Körper auf Stuhl; Warten und Zerrissenheit in einem Bild.
- „Die Räuber" (Schauspiel Frankfurt, 1977): Maske und Körper; Theatralität der Gewalt als visuelle Verdopplung.
- „Was ihr wollt" (Shakespeare/Schauspiel Frankfurt): Spielerische Doppeldeutigkeit; Geschlechterambiguität durch Kostümspiegelung.
- S. Fischer Verlag – Buchprogramm-Plakate (1980er): Typografie und Körperbild; Schrift und Fleisch als unlösbares Paar – Literatur als körperliches Erlebnis.
- „Büchners Tod" (Theaterplakat, 1980er): Stille Komposition; leerer Raum als Aussage über Abwesenheit und Vergänglichkeit.
In der Praxis
Rambows Konzeptmethode lässt sich als Entwurfsansatz für zeitgenössische Kulturplakate adaptieren:
- Inhalt analysieren – Was ist der Kern? Was ist das Paradox? Was ist das stärkste Bild?
- Das Bild denken lassen – Nicht illustrieren, was bekannt ist, sondern das Unerwartete des Inhalts sichtbar machen.
- Inszenierte Fotografie als Werkzeug: Eigene Fotos produzieren statt Archivbilder verwenden, um maximale Kontrolle über Licht, Farbe und Komposition zu haben.
- Präzise Ausführung: Konzeptuell schwierige Bilder brauchen handwerkliche Perfektion, damit sie wirken.
Technisch relevant: Reinzeichnung der Fotos in Photoshop, Vektorisierung von Typoelementen in Illustrator, Druckdatenaufbereitung in InDesign als PDF/X-1a. Rambows Stil kommt mit wenigen Druckfarben aus – zwei- oder dreifarbige Drucke mit präzisen Spotfarben sind typisch.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu Holger Matthies, der expressiver und freier mit Farbe und Collage arbeitete, ist Rambows Stil kühl, kontrolliert und konzeptuell strenger. Jan Lenica arbeitete mit surrealer Illustration und literarischer Bildwelt; Rambow setzt auf inszenierte Fotografie und logische Paradoxie. Der Schweizer Plakatstil betonte Raster und typografische Ordnung; Rambow nutzt das Raster nur als Grundlage, auf der das konzeptuelle Bild allein wirkt.
Häufige Fragen (FAQ)
Was bedeutet „konzeptuelles Plakat"? Ein konzeptuelles Plakat trägt einen eigenständigen Gedanken, der über die bloße Ankündigung hinausgeht. Es interpretiert, verdichtet oder hinterfragt seinen Inhalt in einem Bild. Rambows Plakate für das Schauspiel Frankfurt sind keine Ankündigungen – sie sind visuelle Essays über das jeweilige Stück.
Wo sind Rambows Plakate heute zu sehen? Das Klingspor Museum Offenbach und das Deutsche Plakatmuseum Essen besitzen bedeutende Konvolute. Weitere Werke finden sich in den Sammlungen des Museum für Gestaltung Zürich und des MoMA New York.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Rambow, Günther / Lienemeyer, Gerhard / van de Sand, Michael: Plakate. S. Fischer Verlag, Frankfurt 1984.
- Deutsches Plakatmuseum Essen (Hrsg.): Rambow Plakate. Museum Folkwang, Essen 2001.
- Heller, Steven / Chwast, Seymour: Graphic Style. From Victorian to Digital. Abrams, New York 2011.
