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Holger Matthies (* 1940 Hamburg) ist ein deutscher Grafiker und Hochschullehrer, dessen expressiv-fotomontierter Stil für Kulturinstitutionen und Musikveranstaltungen eine eigenständige hamburgische Plakatästhetik begründete.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Holger Matthies, Hamburger Plakatschule (informell)

Wer ist Holger Matthies?

Holger Matthies ist der Repräsentant einer spezifisch hamburgischen Spielart des deutschen Kulturplakats: expressiv, farbenfroh, körperlich. Wo Günther Rambow rational und analytisch vorgeht, arbeitet Matthies mit emotionaler Wucht und collagierter Bildvielschichtigkeit. Seine Plakate sprechen das Bauchgefühl an, bevor der Verstand die Bilder entschlüsselt hat.

Erklärung

Holger Matthies studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK), wo er später auch als Professor lehrte. Sein stilbildendes Werk entstand in enger Zusammenarbeit mit Hamburger Kulturinstitutionen: der Staatsoper Hamburg, dem Deutschen Schauspielhaus, der Hamburger Kunsthalle und verschiedenen Musikfestivals.

Matthies' Markenzeichen ist die Fotomontage als expressives Werkzeug. Im Unterschied zur konstruktivistischen Fotomontage der 1920er (Heartfield, Rodtschenko), die politisch analytisch agiert, nutzt Matthies Fotomontage zur emotionalen Steigerung: Körper werden übereinandergelegt, Farben übersättigt, Bildebenen sichtbar geschichtet ohne Glattretusche. Das Ergebnis ist eine Bildwelt zwischen Traum, Theater und Rausch.

Farbigkeit ist ein zentrales Merkmal. Matthies setzt auf kräftige, oft psychedelisch anmutende Farbkombinationen: tiefes Rot gegen Kobaltblau, Gelbgold gegen Dunkelgrün. Diese Farbigkeit korrespondiert mit dem emotionalen Gehalt seiner Plakatthemen – Oper, Schauspiel, Musik – und schafft eine unmittelbare sensorische Wirkung, noch bevor der Text gelesen wird.

Typografisch ist Matthies weniger rigoros als Rambow oder die Schweizer Schule. Schrift ist bei ihm Bildelement, nicht Ordnungssystem: Sie kann sich krümmen, in das Bild eintauchen oder von Bildebenen überschnitten werden. Diese Integration von Schrift und Bild ist eine visuelle Erzählung, die den Plakaten Tiefe gibt.

In den 1980er- und 1990er-Jahren entstanden viele seiner bekanntesten Werke: Plakate für Operninszenierungen an der Staatsoper Hamburg, die in Deutschland und international Beachtung fanden. Matthies nahm regelmäßig an der Ausstellung „100 Beste Plakate" teil und gewann zahlreiche Auszeichnungen beim Deutschen Plakatpreis.

Sein Werk reflektiert auch gesellschaftliche Themen: Plakate gegen Rassismus, für Friedensarbeit und soziale Institutionen zeigen, dass sein expressiver Stil nicht nur für das Schöne der Kunst, sondern auch für das Notwendige der Politik eingesetzt wurde.

Als Hochschullehrer an der HfbK Hamburg prägte Matthies mehrere Generationen. Die HfbK-Tradition verbindet handwerkliche Sorgfalt mit konzeptueller Ambition – Matthies verkörpert diese Verbindung paradigmatisch.

Die ursprüngliche Arbeit vor der Digitalpraxis: Matthies arbeitete lange mit handgefertigten Collagen, Retuschen und Fotodrucken, bevor digitale Werkzeuge (Photoshop, Illustrator) Einzug hielten. Seine analoge Methode hinterlässt in den Plakaten eine physische Spurtextur, die digitale Nachahmer oft vermissen.

Beispiele

  1. „Fidelio" (Staatsoper Hamburg, 1978): Übereinanderliegende Gesichter in Rot und Gold; Beethoven-Oper als visuelle Collage von Freiheit und Gefangenschaft.
  2. „Don Giovanni" (Staatsoper Hamburg, 1985): Dunkle Farbpalette, fragmentierte Figur; Mozarts Don Juan als Schattenexistenz.
  3. Plakate für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg (1980er): Dramatisch beleuchtete Gesichter, expressive Schrifteinbindung; Theatererfahrung als visuelles Versprechen.
  4. Anti-Apartheid-Plakat (1980er): Politisches Engagement; Fotomontage und Farbkontrast als Mittel des Protests.
  5. Jubiläumsplakate für Hamburger Institutionen: Mehrere Jahrzehnte hamburgische Stadtkultur als kontinuierliches Plakatwerk – Matthies als Hamburger Stadtchronist im Plakatformat.

In der Praxis

Matthies' Stil lässt sich mit digitalen Werkzeugen anlegen:

  • Photoshop-Compositing als Pendant zur analogen Fotomontage; Ebenen mit Mischmodi (Multiplizieren, Bildschirm) erzeugen den Schichtungscharakter
  • Farbkorrekturen mit Verlaufszuordnung (Gradient Map) für die charakteristischen Überblendfarben
  • Körnung und Textur als Abschluss: Ein subtiles Rauschen oder eine Papierstruktur-Textur auf einer separaten Ebene (Überlagerungsmodus, ca. 15–20 % Deckkraft) gibt digitalen Collagen analoge Tiefe
  • Typografie als Formelement: Schrift in der Komposition so platzieren, dass sie mit Bildebenen überlagert; kein orthogonales Freihalten der Schrift

Für den Druck: Sorgfältige Farbkorrektur auf CMYK-Ausgabe prüfen; die saturierten Farben von Matthies können im CMYK-Gamut Einbußen erleiden – Softproof vor Druckabgabe ist obligatorisch.

Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zu Günther Rambow ist Matthies expressiver und weniger konzeptuell strukturiert; Rambow denkt analytisch, Matthies fühlt bildnerisch. Jan Lenica verbindet Illustration und Surrealismus; Matthies arbeitet fotografisch und collagiert. Der Schweizer Plakatstil stellt das Gegenteil dar: rationale Ordnung gegen Matthies' emotionale Fülle.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist die HfbK Hamburg und welche Rolle spielt sie in der deutschen Grafikszene? Die Hochschule für bildende Künste Hamburg (heute: HFBK Hamburg) ist eine der renommiertesten deutschen Kunsthochschulen. Im Bereich Grafikdesign und Visuelle Kommunikation hat sie durch Lehrende wie Matthies, aber auch Klaus Staeck und andere, eine eigenständige gestalterische Tradition entwickelt, die zwischen Bildender Kunst und angewandtem Design angesiedelt ist.

Wo sind Holger Matthies' Plakate archiviert? Das Deutsche Plakatmuseum Essen (im Museum Folkwang) besitzt eine umfangreiche Sammlung. Weitere Werke befinden sich in der Sammlung des Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) sowie in privaten und institutionellen Sammlungen in Deutschland und international.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Behrmann, Alf: Holger Matthies. Plakate. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1994.
  • Deutsches Plakatmuseum Essen: Sammlungsbestand Matthies. Museum Folkwang, Essen (laufend).
  • Heller, Steven / Fili, Louise: German Modern. Graphic Design from Wilhelm to Weimar. Chronicle Books, San Francisco 1998.
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