Gotische Rotunda ist die runde, in Süd- und Westeuropa verbreitete Variante der gotischen Buchschrift, die gebrochene Schaftansätze mit überwiegend runden Bögen verbindet.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Lateinische Schriften · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Rotunda, Rundgotisch, Littera Rotunda, Rotgotisch
Was ist die Gotische Rotunda?
Die Gotische Rotunda ist eine gebrochene Schrift der Gotik, die im Gegensatz zur strengen Textura ihre runden Bögen weitgehend beibehielt. Sie war vor allem in Italien und Spanien verbreitet und wirkt offener, breiter und ruhiger als die nördliche Textura.
Erklärung
Die Gotische Rotunda entstand etwa zeitgleich mit der Textura im Hoch- und Spätmittelalter, entwickelte sich aber im südeuropäischen Raum eigenständig. Während die nordeuropäische Textura runde Formen konsequent in gerade, gebrochene Linien auflöste, behielt die Rotunda viele Bögen rund bei und brach nur die Strichansätze. Dadurch entstand ein offeneres, gut lesbares Schriftbild, das dem mediterranen Geschmack entsprach.
Die Rotunda war über Jahrhunderte die führende Buchschrift Italiens und der iberischen Halbinsel und wurde für liturgische sowie juristische und wissenschaftliche Handschriften genutzt. Auch in den frühen italienischen Druckschriften lebte sie fort. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie eine südliche Alternative zur Textura bildete und zur Vielfalt der gebrochenen Schriften des Mittelalters beitrug.
Beispiele
- Beispiel 1: Italienische Chorbücher und Antiphonare des 14. und 15. Jahrhunderts.
- Beispiel 2: Spanische und italienische Rechtshandschriften in Rotunda.
- Beispiel 3: Frühe italienische Inkunabeln mit Rotunda-Drucktypen.
- Beispiel 4: Schriftproben, die den Kontrast zur eckigen Textura zeigen.
- Beispiel 5: Moderne historisierende Kalligrafien im südeuropäischen Stil.
In der Praxis
Die Gotische Rotunda schreibt man mit der Breitfeder bei flachem bis mittlerem Schreibwinkel von etwa 20 bis 30 Grad. Charakteristisch sind die runden Bögen mit gebrochenen Ansätzen, die breiteren Buchstabenabstände und das insgesamt ruhigere Schriftbild. Die Buchstabenhöhe liegt bei etwa vier bis fünf Federbreiten. Die Rotunda gilt als etwas zugänglicher als die Textura, weil die runden Formen vertrauter wirken. Geeignet sind Breitfedern und glattes Papier.
Vergleich & Abgrenzung
Die Rotunda wird oft mit der Textura verwechselt. Beide sind gotische Buchschriften, doch die Rotunda bewahrt runde Bögen, während die Textura sie konsequent bricht.
| Merkmal | Gotische Rotunda | Gotische Textura |
|---|---|---|
| Bögen | überwiegend rund | gebrochen, eckig |
| Region | Italien, Spanien | Nord-/Mitteleuropa |
| Wirkung | offen, ruhig | streng, gedrängt |
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Gotischer Rotunda und Textura? Die Rotunda behält runde Bögen bei und wirkt offener; die Textura löst Rundungen in gerade, gebrochene Linien auf und ist schmaler und dichter.
Wo wurde die Rotunda hauptsächlich verwendet? Vor allem in Italien und Spanien, dort als führende Buchschrift für liturgische, juristische und wissenschaftliche Handschriften des Spätmittelalters.
Weiterführend
- Bischoff, Bernhard (1979): Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters. Berlin: Erich Schmidt.
- Knight, Stan (1998): Historical Scripts. New Castle: Oak Knoll Press.
- Harris, David (2003): The Art of Calligraphy. London: Dorling Kindersley.

