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Bambusfeder (Qalam) ist ein aus Bambus oder Rohr geschnittenes Schreibwerkzeug mit schräg angeschnittener, gespaltener Kante: das traditionelle Werkzeug der arabischen Kalligrafie.

Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Werkzeuge & Materialien · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Qalam, Kalam, Bambusrohrfeder, qalam pen

Was ist eine Bambusfeder (Qalam)?

Die Bambusfeder, im arabischen Raum Qalam genannt, ist ein aus festem Bambus- oder Schilfrohr geschnittenes Breitschrift-Werkzeug. Charakteristisch ist ihre schräg angeschnittene Schreibkante (Nib), deren Winkel präzise zur jeweiligen Schriftart passen muss. Sie ist das zentrale Werkzeug der islamischen Schreibkunst.

Erklärung

Die Bambusfeder (Qalam) prägt die arabische Kalligrafie seit Jahrhunderten. Der Schnitt der Spitze ist kein Nebendetail, sondern entscheidend: Jede klassische Schriftart verlangt einen spezifischen Schnittwinkel der Qalam-Kante, der das gesamte Proportionssystem der Schrift bestimmt. Die Breite der Kante dient sogar als Maßeinheit: Buchstabenhöhen werden traditionell in „Punkten" (rautenförmigen Abdrücken der Federkante) gemessen.

Wie die Rohrfeder funktioniert der Qalam als Breitfeder: Der Strichkontrast entsteht durch den Winkel der breiten Kante zur Schreiblinie. Das Naturmaterial gibt dem Strich eine besondere Lebendigkeit, die kein Stahlwerkzeug exakt nachbilden kann.

Materialwahl: Bambus vs. Arundo donax

Nicht jedes Rohr eignet sich für einen Qalam. In der Praxis werden zwei Materialien bevorzugt:

Bambus (Bambusoideae, verschiedene Arten): Das weltweit verbreitetste Qalam-Material für den modernen Gebrauch. Bambus ist hart, gleichmäßig im Faserverlauf und gut im Fachhandel erhältlich. Besonders geeignet sind Stücke mit einem Durchmesser von 1,5 bis 2 cm und einem langen, geraden Internodium (Halmabschnitt zwischen zwei Knoten). Der Halmabschnitt muss mindestens 20 cm Länge frei von Knoten aufweisen, damit der Qalam eine nutzbare Länge bekommt.

Arundo donax (Gemeines Schilfrohr, Riesenschilf): Das historisch authentische Material für den klassischen Qalam. Arundo donax wächst im Mittelmeerraum und im Vorderen Orient; die Halme sind leichter als Bambus, mit einem wachsartig glatten Äußeren. Traditionelle arabische Kalligrafen bevorzugen dieses Material bis heute, weil es im Schneidergebnis eine feinere Kante ergibt und beim Schreiben etwas mehr „Federgefühl" zeigt.

Weniger geeignet sind weiches Gartenrohr (zu porös, reißt beim Schneiden) sowie Bambusstücke mit vielen Fasern oder Harzkern.

Schritt für Schritt: den Qalam schneiden

Das Schneiden des Qalam gilt als eigene Kunstfertigkeit und wird in traditionellen Schulen jahrelang geübt. Die folgenden Schritte beschreiben die Grundtechnik:

  1. Vorbereitung: Das Rohrstück auf etwa 20 cm Länge bringen. Das Ende, das zur Schreibspitze wird, liegt an einem Knoten (dieser Teil ist fest und hält besser).
  2. Schräganschnitt (Vorderschnitt): Mit einem sehr scharfen Federmesser auf einer Maqta (Schneidunterlage, meist Knochen oder Hartholz) einen schrägen Schnitt von etwa 2 bis 4 cm Länge in die Unterseite des Rohrs einbringen. Dieser Schnitt bestimmt die spätere Tintenführung.
  3. Aushöhlen: Den Hohlraum im Inneren des Rohrs leicht erweitern, sodass Tinte durch Kapillarwirkung zur Spitze fließen kann.
  4. Spalt (Shaq): Exakt in der Mitte der Spitze einen kurzen Längsschnitt setzen (ca. 5 bis 8 mm). Dieser Spalt ist für den Tintenfluss und die Flexibilität der Kante entscheidend; er muss gerade und symmetrisch sein.
  5. Quercut (entscheidender Schnitt): Die Spitze auf der Maqta im schriftartspezifischen Winkel quer abschneiden. Dieser letzte Schnitt bestimmt Breite, Schräge und damit den Charakter aller damit geschriebenen Buchstaben.

Schnittwinkel nach Schriftart

Der Winkel des Quercuts richtet sich nach der angestrebten Schrift:

SchriftartSchnittwinkel (ca.)Charakteristik
Naskhnahezu 0° (gerade)feine Buchschrift, gleichmäßige Kante
Thuluthca. 30–45°monumentale Schrift, breite Glanzstriche
Ruq'ahca. 15–20°schnelle Alltagsschrift, kompakt
Diwanica. 45°osmanische Hofschrift, fließend
Kufisch (klassisch)gerade bis leicht schräggeometrisch, eckig

Ein Naskh-Qalam mit gerader Kante erlaubt die gleichmäßigen, runderen Formen der arabischen Buchschrift. Thuluth dagegen braucht die schräge Kante für die charakteristischen breiten Füllstriche und geschwungenen Aufstriche.

Maqta: die Schneidunterlage

Die Maqta ist eine kleine, flache Unterlage (traditionell aus Knochen, Horn oder hartem Holz wie Buchsbaum), auf der die Qalam-Spitze beim Quercut aufliegt. Ohne Maqta ist ein präziser, gerader Schnitt kaum möglich, weil das Federmesser sonst in die weiche Rohrunterseite ausweicht. Moderne Maqtas aus Kunststoff oder Hartgummi sind im Fachhandel erhältlich und für Einsteiger/innen gut geeignet.

Bezugsquellen und fertige Qalams

Rohr-Qalams werden von spezialisierten Kalligrafiehändlern verkauft, fertig oder als Rohmaterial. Bekannte Anbieter in Deutschland und Österreich sind etwa John Neal Books (USA, internationaler Versand), Arabesque (arabische Kalligrafiebedarfe) sowie diverse Etsy-Händler, die handgefertigte Qalams aus dem arabischen Raum versenden. Wer erst einmal ausprobieren möchte, findet in manchen Kunsthandlungen auch fertig geschnittene Bambusfeder-Sets, die als Einstieg geeignet sind, wenngleich der Schnittwinkel meist für Naskh oder allgemeine Verwendung ausgelegt ist.

Pflege und Lagerung

Der Qalam wird nach dem Schreiben mit einem feuchten Tuch abgewischt, nicht eingetaucht: Längeres Einweichen in Wasser weicht das Rohr auf und verändert die Kante. Gelagert wird trocken und kühl; direkte Sonneneinstrahlung lässt das Rohr reißen. Ein trockener, gerissener Qalam ist nicht reparierbar; die Spitze kann jedoch mehrfach nachgeschnitten werden, bis das Rohrstück zu kurz ist.

Beispiele

  • Naskh-Schrift: Lesbare Buchschrift, mit fein geradem Qalam ausgeführt.
  • Thuluth: Monumentale Schrift mit breiter Qalam-Kante für Architektur und Koranfrontispize.
  • Diwani: Höfische osmanische Schrift mit schräg geschnittenem Qalam.
  • Maqta im Unterricht: Kurse zur arabischen Kalligrafie, in denen das Qalam-Schneiden auf der Maqta vermittelt wird.
  • Moderne Sets: Fertig geschnittene Bambusfeder-Sets aus dem Fachhandel für erste Übungen.

In der Praxis

Der Qalam wird aus gut abgelagertem Bambus oder Arundo donax geschnitten: Die Spitze wird angeschrägt, ausgehöhlt und mit einem mittigen Spalt versehen, dann auf der Maqta exakt im benötigten Winkel quer abgeschnitten. Der Schnittwinkel richtet sich nach der Schriftart (s. Tabelle oben). Geschrieben wird mit traditioneller Tusche; die Feder wird häufig nachgetaucht und regelmäßig nachgeschnitten. Saubere, scharfe Kanten sind Voraussetzung für die präzisen Strichabschlüsse der arabischen Schriften.

Vergleich & Abgrenzung

Bambusfeder und Rohrfeder sind nah verwandt, unterscheiden sich aber in Material und Tradition.

MerkmalBambusfeder (Qalam)Rohrfeder
Materialfester Bambus/Arundo donaxdünneres Schilfrohr
Traditionarabische Kalligrafieantike Mittelmeerschriften
Schnittschriftartspezifischer Winkelbreite Kante, weniger definiert
Maqtazwingendhilfreich

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Bambusfeder (Qalam) und Rohrfeder? Beide werden aus Rohr geschnitten und sind Breitschrift-Werkzeuge. Der Qalam besteht meist aus festerem Bambus oder Arundo donax und ist eng an die arabische Kalligrafie gebunden, deren Schriften jeweils einen bestimmten Schnittwinkel der Kante verlangen. Die Rohrfeder der westlichen Antike hat eine breitere, weniger spezifisch definierte Schnittform.

Warum ist der Schnitt der Qalam-Spitze so wichtig? Weil der Winkel der Schreibkante das gesamte Proportionssystem der arabischen Schrift bestimmt. Jede klassische Schriftart braucht einen eigenen Schnitt. Deshalb gilt das präzise Schneiden des Qalam als eigene, lange geübte Kunst: Viele Meisterkalligrafen des Nahen Ostens sehen den Schnitt als ersten Test des Handwerks.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Schimmel, Annemarie (1990): Calligraphy and Islamic Culture. New York University Press.
  • Gaur, Albertine (1994): A History of Calligraphy. British Library.
  • Mediavilla, Claude (2006): Kalligraphie. Verlag Hermann Schmidt.
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