Rohrfeder ist ein aus Schilf- oder Bambusrohr geschnittenes Schreibwerkzeug mit breiter, gespaltener Kante, das einen kernigen, lebendigen Kalligrafie-Strich erzeugt.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Werkzeuge & Materialien · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Schilfrohrfeder, reed pen, calamus, Röhrichtfeder
Was ist eine Rohrfeder?
Die Rohrfeder ist ein historisches Schreibgerät, das aus einem getrockneten Stück Schilf- oder Pfahlrohr geschnitten wird. Die Spitze wird zu einer breiten Kante angeschrägt und mittig eingeritzt, damit die Tusche durch den Spalt fließt. Sie zählt zu den ältesten Breitschrift-Werkzeugen der Welt.
Erklärung
Die Rohrfeder wurde schon in der Antike – von Ägypten über Griechenland bis Rom – für das Schreiben auf Papyrus und Pergament verwendet; der lateinische Begriff „calamus" bezeichnet genau dieses Rohr. Funktional verhält sich die Rohrfeder wie eine Breitfeder: Der Strichkontrast entsteht durch den Winkel der breiten Schnittkante. Weil das Naturmaterial weicher und unregelmäßiger ist als Metall, hat ihr Strich jedoch einen rauen, lebendigen Charakter, der besonders für expressive, kalligrafische Arbeiten geschätzt wird.
Die Rohrfeder wird von Kalligraf/innen häufig selbst geschnitten und immer wieder nachgeschärft, da das Rohr beim Schreiben abnutzt. Sie nimmt verhältnismäßig viel Tusche auf, gibt sie aber schnell ab, sodass der Strich von satt zu trocken verläuft – ein gestalterisch reizvoller Effekt. Im Vergleich zum feinen Gänsekiel ist die Rohrfeder gröber und eher für große, kräftige Schriften geeignet. Sie steht in enger Verwandtschaft zur Bambusfeder und zum arabischen Qalam, der ebenfalls aus Rohr geschnitten wird. Wegen des manuellen Schneidens und Nachschärfens gilt die Arbeit mit der Rohrfeder als fortgeschrittene Technik.
Beispiele
- Antike Schriften: Lateinische und griechische Texte auf Papyrus mit dem calamus.
- Expressive Kalligrafie: Großformatige, kraftvolle Schriftbilder mit bewusst rauer Anmutung.
- Selbstgeschnittene Rohrfeder: Aus getrocknetem Schilf mit Federmesser geformte Spitze.
- Künstlerische Schrift: Lebendige Striche mit Übergang von satt zu trocken.
- Unterricht: Vertiefungskurse, in denen Teilnehmer/innen eigene Rohrfedern schneiden.
In der Praxis
Eine Rohrfeder wird aus gut getrocknetem Rohr geschnitten: Man schrägt die Spitze an, höhlt sie leicht aus und ritzt einen mittigen Spalt für den Tuschefluss ein. Die Kante muss scharf bleiben und wird mit einem Federmesser nachgeschärft. Geschrieben wird mit Tusche; das Rohr nimmt sie zügig auf und gibt sie schnell ab. Wegen des trockenlaufenden Strichs taucht man häufiger nach. Nach Gebrauch wird die Spitze gereinigt und das Rohr trocken gelagert, damit es nicht aufquillt oder schimmelt.
Vergleich & Abgrenzung
Die Rohrfeder wird oft mit Bambusfeder und Gänsekiel verwechselt – alle drei sind Naturwerkzeuge.
| Merkmal | Rohrfeder | Gänsekiel |
|---|---|---|
| Material | Schilf-/Pfahlrohr | Vogelfederkiel |
| Strich | rau, kernig | fein, elastisch |
| Eignung | große Schriften | feine Buchschriften |
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Rohrfeder und Bambusfeder? Beide werden aus Rohr geschnitten und funktionieren als Breitschrift-Werkzeug. Die Rohrfeder besteht meist aus dünnerem Schilfrohr, die Bambusfeder aus festerem Bambus; der Qalam des arabischen Raums ist eine eng verwandte Sonderform.
Warum muss man eine Rohrfeder nachschärfen? Weil das Naturmaterial weicher ist als Metall, nutzt sich die Schnittkante beim Schreiben ab. Damit der Strich sauber bleibt, wird die Spitze regelmäßig mit einem Federmesser neu angeschrägt und der Spalt nachgeritzt.
Weiterführend
- Mediavilla, Claude (2006): Kalligraphie. Verlag Hermann Schmidt.
- Harris, David (2003): The Art of Calligraphy. Dorling Kindersley.
- Gaur, Albertine (1994): A History of Calligraphy. British Library.

