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Rohrfeder ist ein aus Schilf- oder Bambusrohr geschnittenes Schreibwerkzeug mit breiter, gespaltener Kante, das einen kernigen, lebendigen Kalligrafie-Strich erzeugt.

Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Werkzeuge & Materialien · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Schilfrohrfeder, reed pen, calamus, Röhrichtfeder

Was ist eine Rohrfeder?

Die Rohrfeder ist ein historisches Schreibgerät, das aus einem getrockneten Stück Schilf- oder Pfahlrohr geschnitten wird. Die Spitze wird zu einer breiten Kante angeschrägt und mittig eingeritzt, damit die Tusche durch den Spalt fließt. Die Rohrfeder zählt zu den ältesten Breitschrift-Werkzeugen der Welt und prägt bis heute die arabische und persische Kalligrafie.

Erklärung

Geeignete Rohrsorten

Nicht jedes Rohr eignet sich für eine Rohrfeder. Die Wand muss fest genug sein, um eine stabile Schreibkante zu bilden, aber nicht so hart, dass sie beim Schneiden splittert:

Phragmites australis (Schilf, Schilfrohr): Das häufigste einheimische Rohr in Europa, an Gewässern und in Sumpfgebieten weit verbreitet. Die Wand ist mittelstark, das Material relativ leicht zu schneiden. Für erste Versuche und westlich-europäische Stile geeignet. Schilf ist leicht aufzutreiben und kostet nichts.

Arundo donax (Spanisches Rohr, Riesenschilf): Das bevorzugte Material für arabische und persische Kalligrafie. Die Wandstärke ist gleichmäßiger, das Material dichter und fester als Phragmites. Arundo donax wächst im Mittelmeerraum, im Nahen Osten und in Nordafrika. Im arabischen Raum gilt es als das klassische Material für den Qalam. In Deutschland über Kalligrafiefachversand oder als Gartenpflanze erhältlich.

Bambus: Technisch eine Grasart, keine Rohrpflanze, wird aber oft unter „Rohrfedern" gefasst. Bambus ist härter und steifer als Schilf, ergibt einen präziseren, weniger schwingenden Strich. Der Zuschnitt erfordert schärfere Messer.

Frisches vs. getrocknetes Rohr

Der Trocknungszustand des Rohrs ist entscheidend für die Qualität der fertigen Feder:

Frisches Rohr ist noch weich und feucht, lässt sich zwar leicht schneiden, neigt aber zum Splittern und Reißen beim Schreiben. Die Schreibkante hält nicht lange. Frisches Rohr ist für Rohrfedern ungeeignet.

Getrocknetes Rohr (mind. 6 Monate): Das Rohr muss vollständig ausgetrocknet sein, bevor man es zu einer Feder verarbeitet. Ideal ist eine Lagerung von 6–12 Monaten in einem trockenen, belüfteten Raum. Das Rohr wird dabei gelb bis bräunlich, die Wand wird hart und gleichmäßig. Gut getrocknetes Rohr ergibt eine Feder, die mehrere Schreibstunden hält.

Traditionelles Vorgehen: Im arabischen Raum wird Rohr oft an der Luft und in der Sonne getrocknet, manchmal auch leicht über Kohle oder einer Flamme geräuchert. Das Räuchern härtet die Oberfläche minimal und verhindert Schimmel.

Woher man Rohr bekommt

  • Gartencenter und Baumärkte: Phragmites australis und Arundo donax werden als Garten- und Teichpflanzen angeboten, oft auch als Sichtschutzmatten getrocknet. Letztere eignen sich für Federn.
  • Schilfröhricht und Flussläufe: Schilf wächst wild an vielen europäischen Gewässern. Gesammeltes Schilf muss mindestens 6 Monate trocknen.
  • Kalligrafiefachhandel: Spezialisierte Versandhändler (z. B. John Neal Books, Scribblers) bieten getrocknetes Rohr, oft Arundo donax, in schreibfertigem Zustand an.
  • Fertige Rohrfeder-Sets: Einige Kalligrafie-Sets enthalten bereits zugeschnittene Rohrfedern in verschiedenen Breiten, ideal zum Kennenlernen ohne eigenen Zuschnitt.

Detaillierter Zuschnitt-Prozess

Das Schneiden einer Rohrfeder erfordert Übung, aber das Grundprinzip ist einfach:

  1. Rohr auswählen: Gleichmäßige Wandstärke, keine Risse oder Knicke. Durchmesser ca. 1–2 cm.
  2. Schräge ansetzen: Mit einem scharfen Federmesser die Spitze in einem Winkel von ca. 45–60 Grad anschneiden. Der Schnitt erfolgt in einem Zug, von innen nach außen.
  3. Aushöhlen: Die Innenseite der Spitze mit einem kleinen, runden Schnitzer oder dem Messerrücken leicht aushöhlen, damit die Tusche besser fließen kann.
  4. Spalt einritzen: Mittig in der Schreibkante einen geraden Spalt von ca. 3–5 mm Länge einschneiden oder brechen. Der Spalt leitet die Tusche kapillarisch zur Spitze.
  5. Kante glätten: Die Schnittfläche auf feinem Schleifpapier oder einer Glasplatte glätten, bis die Kante scharf und gleichmäßig ist.
  6. Testen: Mit Tusche testen. Läuft sie gleichmäßig? Ist der Strich scharf? Gegebenenfalls Spalt weiten oder Kante nachschleifen.

Schnittwinkel für verschiedene Schriften

Der Winkel, unter dem die Schreibkante angeschnitten wird, beeinflusst den Federwinkel beim Schreiben erheblich:

Steiler Schnitt (60–70 Grad): Ergibt eine breite, gerade Kante, gut für lateinische Breitschriften wie Unziale und Halbunziale. Der Federwinkel beim Schreiben liegt automatisch bei ca. 30–45 Grad.

Flacher Schnitt (30–40 Grad): Ergibt eine schmale, spitzere Kante, bevorzugt für arabische Kalligrafie und den Qalam-Stil. Die Feder gleitet flacher über das Papier.

Schräger Schnitt (links oder rechts): Für Linkshänder/innen oder bestimmte Schriften wie Copperplate-Variationen wird die Kante leicht schräg geschnitten, um einen bequemeren Schreibwinkel zu ermöglichen.

Historische Nuancen

Der lateinische Begriff calamus bezeichnet genau die Rohrfeder der Antike. Mit dem calamus wurden wichtige Schriften geschrieben:

Römische Capitalis Monumentalis: Die Inschriften-Kapitale auf Monumenten wie der Trajanssäule wurde auch in Papyrus-Varianten mit dem calamus geübt. Der Schriftcharakter der breiten, schwellenden Buchstaben kommt aus der Rohrfeder-Praxis.

Rustica: Die gestreckte, schlanke Schrift der römischen Buchrolle entstand ebenfalls mit der Rohrfeder, die flacher geführt wurde als bei der Capitalis. Viele frühe Vergil-Handschriften zeigen diesen Strich.

Frühmittelalterliche Unziale und Halbunziale: Auch nach dem Übergang zum Pergament blieb die Rohrfeder das wichtigste Werkzeug, bevor sie langsam vom Gänsekiel abgelöst wurde.

Im arabischen Raum ist die Rohrfeder (Qalam) bis heute das Standardwerkzeug für alle klassischen arabischen Schriften wie Naskh, Thuluth und Nastaliq. Die Tradition des Qalam-Schneidens ist dort ein eigenständiges Handwerk.

Beispiele

  • Antike Schriften: Lateinische und griechische Texte auf Papyrus mit dem calamus.
  • Expressive Kalligrafie: Großformatige, kraftvolle Schriftbilder mit bewusst rauer Anmutung.
  • Selbstgeschnittene Rohrfeder: Aus getrocknetem Schilf mit Federmesser geformte Spitze.
  • Arabische Kalligrafie: Qalam aus Arundo donax für Naskh und Thuluth.
  • Unterricht: Vertiefungskurse, in denen Teilnehmer/innen eigene Rohrfedern schneiden.

In der Praxis

Eine Rohrfeder wird aus gut getrocknetem Rohr geschnitten: Man schrägt die Spitze an, höhlt sie leicht aus und ritzt einen mittigen Spalt für den Tuschefluss ein. Die Kante muss scharf bleiben und wird mit einem Federmesser und Federpflege-Messer nachgeschärft. Geschrieben wird mit Tusche (China-/Sumi-Tusche); das Rohr nimmt sie zügig auf und gibt sie schnell ab. Wegen des trockenlaufenden Strichs taucht man häufiger nach. Nach Gebrauch wird die Spitze gereinigt und das Rohr trocken gelagert, damit es nicht aufquillt oder schimmelt.

Vergleich & Abgrenzung

Die Rohrfeder wird oft mit Bambusfeder (Qalam) und Gänsekiel verwechselt, alle drei sind Naturwerkzeuge.

MerkmalRohrfederGänsekiel (Quill)
MaterialSchilf-/PfahlrohrVogelfederkiel
Strichrau, kernigfein, elastisch
Eignunggroße Schriften, arabische Kalligrafiefeine Buchschriften
VorkommenweltweitEuropa, historisch

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Rohrfeder und Bambusfeder? Beide werden aus Rohr geschnitten und funktionieren als Breitschrift-Werkzeug. Die Rohrfeder besteht meist aus dünnerem Schilfrohr (Phragmites) oder Arundo donax, die Bambusfeder (Qalam) aus dem deutlich härteren Bambushalm. Der Qalam des arabischen Raums ist eine Rohrfeder aus Arundo donax. Bambus ergibt einen präziseren, steiferen Strich; Schilf einen weicheren, lebendigeren.

Warum muss man eine Rohrfeder nachschärfen? Weil das Naturmaterial weicher ist als Metall, nutzt sich die Schnittkante beim Schreiben ab. Damit der Strich sauber bleibt, wird die Spitze regelmäßig mit einem Federmesser neu angeschrägt und der Spalt nachgeritzt. Mit zunehmender Übung lernt man, das Nachschärfen in den Schreibrhythmus zu integrieren.

Wie lange muss Rohr trocknen, bevor ich eine Feder daraus schneide? Mindestens 6 Monate, besser 12 Monate. Frisches Rohr ist noch feucht und weich, reißt beim Schreiben schnell. Vollständig getrocknetes Rohr ist hart, gleichmäßig und ergibt eine stabile, langlebige Schreibkante.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Mediavilla, Claude (2006): Kalligraphie. Verlag Hermann Schmidt.
  • Harris, David (2003): The Art of Calligraphy. Dorling Kindersley.
  • Gaur, Albertine (1994): A History of Calligraphy. British Library.
  • Khatibi, Abdelkebir; Sijelmassi, Mohammed (1994): The Splendour of Islamic Calligraphy. Thames & Hudson.
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