Gänsekiel ist eine aus dem Kiel einer großen Vogelfeder geschnittene Schreibfeder mit breiter, gespaltener Kante, das Hauptwerkzeug der mittelalterlichen Buchkultur.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Werkzeuge & Materialien · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Quill, Federkiel, Schreibfeder, quill pen
Was ist ein Gänsekiel?
Der Gänsekiel ist eine Schreibfeder, die aus dem hohlen Kiel (Schaft) einer großen Vogelfeder – traditionell vom Gänse-, Schwanen- oder Rabenflügel – geschnitten wird. Die Spitze wird zu einer breiten Kante geschnitten und mittig gespalten, sodass die Tinte kapillarisch zur Spitze fließt.
Erklärung
Der Gänsekiel war über rund tausend Jahre das wichtigste Schreibwerkzeug Europas und Träger fast aller mittelalterlichen Handschriften und frühen Drucktexte. Sein großer Vorzug gegenüber der Rohrfeder ist die feine Elastizität des Kiels: Er erlaubt zugleich saubere Breitschrift mit dünnen Haarstrichen und reagiert leicht auf Druck. Damit eignet er sich hervorragend für die feinen Buchschriften wie Karolingische Minuskel und gotische Textura.
Vor dem Schneiden wird der Kiel gehärtet (gehärtet/entfettet, traditionell in heißem Sand), damit er nicht zu weich ist. Mit einem scharfen Federmesser – das im Englischen bis heute „penknife" heißt – wird die Spitze angeschrägt, der Spalt eingeritzt und die Kante quer geschnitten. Wie bei allen Naturfedern nutzt sich der Gänsekiel ab und wird immer wieder nachgeschnitten. Geschrieben wurde historisch mit Eisengallustinte. Das Schneiden und Pflegen des Gänsekiels ist eine eigene Fertigkeit, die in der heutigen Kalligrafie als fortgeschrittene Technik gepflegt wird, etwa um historische Handschriften originalgetreu nachzuvollziehen. Der lebendige, leicht variierende Strich verleiht den Schriften ihren authentischen, handgemachten Charakter.
Beispiele
- Karolingische Minuskel: Klare frühmittelalterliche Buchschrift, mit dem Gänsekiel geschrieben.
- Gotische Textura: Enge, kantige Schrift hochmittelalterlicher Prachthandschriften.
- Urkunden und Verträge: Über Jahrhunderte mit Gänsekiel und Eisengallustinte ausgefertigt.
- Buchmalerei: Feine Konturen und Schrift in illuminierten Handschriften.
- Unterricht: Vertiefungskurse zur historischen Kalligrafie mit selbst geschnittenem Kiel.
In der Praxis
Ein Gänsekiel wird aus den großen Schwungfedern geschnitten, vorher gehärtet und entfettet. Mit dem Federmesser werden Spitze, Spalt und Schreibkante geformt; der Winkel der Kante richtet sich nach der Schrift. Da der Kiel weich ist, wird er häufig nachgeschnitten, um eine saubere Kante zu erhalten. Geschrieben wird traditionell mit Eisengallustinte auf Pergament oder gut geleimtem Papier. Nach Gebrauch wird die Spitze gereinigt; der Kiel sollte trocken gelagert werden, damit er nicht brüchig wird oder schimmelt.
Vergleich & Abgrenzung
Der Gänsekiel wird oft mit Rohrfeder und Metallfeder verwechselt.
| Merkmal | Gänsekiel | Rohrfeder |
|---|---|---|
| Material | Vogelfederkiel | Schilf-/Pfahlrohr |
| Strich | fein, elastisch | rau, kernig |
| Eignung | feine Buchschriften | große Schriften |
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Gänsekiel und Metallfeder? Der Gänsekiel ist ein geschnittenes Naturwerkzeug aus einem Vogelfederkiel, das nachgeschärft werden muss und einen lebendigen Strich gibt. Die Metallfeder (etwa die Breitfeder) ist ein industriell gefertigtes, gleichbleibendes Austauschteil.
Aus welchen Federn wird ein Gänsekiel geschnitten? Traditionell aus den großen Schwungfedern von Gans, Schwan oder Rabe. Entscheidend sind ein kräftiger, hohler Kiel und eine ausreichende Länge; der Kiel wird vor dem Schneiden gehärtet.
Weiterführend
- Brown, Michelle P. (1990): A Guide to Western Historical Scripts from Antiquity to 1600. British Library.
- Harris, David (2003): The Art of Calligraphy. Dorling Kindersley.
- Mediavilla, Claude (2006): Kalligraphie. Verlag Hermann Schmidt.

