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Tone of Voice bezeichnet die sprachliche Persönlichkeit eines Produkts oder einer Marke – die Art und Weise, wie sie schreibt, redet und klingt, unabhängig davon, was gesagt wird.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: UX Writing & Content Design · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Brand Voice, Markenstimme, Sprachstil, Produktpersönlichkeit


Was ist Tone of Voice?

Tone of Voice (ToV) ist nicht, was ein Produkt sagt – sondern wie es klingt. Zwei Produkte können exakt dieselbe Information kommunizieren und dabei völlig unterschiedlich klingen: Das eine sachlich-distanziert, das andere freundlich-persönlich; das eine vorsichtig-formal, das andere direkt-mutig.

In der Markenkommunikation wird oft zwischen „Voice" und „Tone" unterschieden:

  • Voice ist die konstante Persönlichkeit: Was sind die Werte der Marke? Wie verhält sie sich grundsätzlich?
  • Tone ist die situative Anpassung: Wie reagiert die Marke in verschiedenen Momenten? Eine Fehlermeldung klingt anders als eine Willkommensnachricht – obwohl beide dieselbe Grundpersönlichkeit tragen.

Erklärung

Warum Tone of Voice wichtig ist

Konsistente Sprache schafft Vertrauen. Wenn ein Produkt in der Willkommensnachricht locker und freundlich ist, in der Fehlermeldung aber bürokratisch-kalt, erleben Nutzer einen Widerspruch. Dieser Widerspruch untergräbt das Vertrauen in das Produkt.

Umgekehrt gilt: Marken mit klar definiertem Tone of Voice werden als kompetent, verlässlich und authentisch wahrgenommen. Das Mailchimp-Beispiel ist kanonisch: Das E-Mail-Marketing-Tool ist bekannt für seinen freundlichen, leicht humorvollen Ton – der sogar in Fehlermeldungen und Leerseiten durchklingt.

Die vier Dimensionen des Tone of Voice

Das NN-Group-Framework (Nielsen Norman Group, 2016) beschreibt vier Dimensionen, auf denen sich ein Tone of Voice verorten lässt:

  1. Witzig vs. seriös: Wie stark setzt die Marke Humor ein?
  2. Förmlich vs. informell: Wie konventionell ist die Sprache?
  3. Respektvoll vs. frech (Irreverent): Wie viel Konvention bricht die Marke?
  4. Begeistert vs. sachlich: Wie stark ist die emotionale Aufladung?

Jede Marke positioniert sich auf diesen vier Achsen. Das Ergebnis ist eine sprachliche Charakterisierung, die als Grundlage für Schreibentscheidungen dient.

Tone of Voice vs. Ton im Kontext

Der Voice ist stabil; der Ton verändert sich je nach Kontext. Eine Versicherungs-App kann generell sachlich und verlässlich klingen – aber bei einer Schadensmeldung wird der Ton empathisch und besonders klar, nicht humorvoll.

Diese Unterscheidung ist für UX Writer wichtig: Sie müssen wissen, wann der Grundton angepasst werden muss, und Regeln dafür schaffen.

Tone-of-Voice-Leitfaden entwickeln

Ein ToV-Leitfaden besteht typischerweise aus:

1. Beschreibung der Persönlichkeit: 3–5 Charaktereigenschaften der Marke, jeweils mit positiver Definition und Abgrenzung vom Missverständnis. Beispiel: „Direkt – wir sagen klar, was gemeint ist. Nicht: unhöflich oder brüsk."

2. Positionierung auf den vier Achsen: Visualisierung der Grundhaltung.

3. Kontextregeln: In welchen Situationen (Onboarding, Fehler, Erfolg, Dringlichkeit) gilt welcher Ton?

4. Do/Don't-Beispiele: Konkrete Textbeispiele, die zeigen, wie der Ton klingt – und wie er nicht klingen soll.

5. Wortlisten: Bevorzugte und vermiedene Wörter. Statt „nutzen" → „verwenden"? Statt „Problem" → „Herausforderung"?


Beispiele

Marken und ihre Tone-of-Voice-Profile

Mailchimp: Freundlich, direkt, mit leichtem Witz – ohne aufdringlich zu sein. Fehler werden menschlich kommentiert.

Deutsche Bank: Seriös, präzise, förmlich – Vertrauen durch Sachlichkeit.

Duolingo: Motivierend, spielerisch, mit ausgeprägtem Humor – teilweise auch frech.

Apple: Minimalistisch, selbstsicher, aspirational – wenig Wörter, große Wirkung.

Textbeispiel: Gleiche Information, verschiedene Töne

Information: Das Passwort wurde zurückgesetzt.

Sachlich-formal: „Ihr Passwort wurde erfolgreich zurückgesetzt. Bitte melden Sie sich erneut an."

Freundlich-informell: „Alles neu – dein Passwort wurde zurückgesetzt. Meld dich gern wieder an."

Motivierend-enthusiastisch: „Super! Dein neues Passwort ist gesetzt. Auf geht's – melde dich jetzt an."


In der Praxis

Der Tone-of-Voice-Leitfaden ist ein lebendes Dokument. Er wird zu Beginn eines Produkts oder einer Marken-Repositionierung entwickelt und danach kontinuierlich gepflegt. UX Writer sind die Hüter dieses Dokuments – sie stellen sicher, dass alle, die Texte schreiben (Designer, Developer, Produktmanager), im richtigen Ton kommunizieren.

ToV-Workshops mit dem gesamten Produktteam helfen, ein gemeinsames Verständnis der Markensprache zu entwickeln. Dabei werden oft Karten-Sortierübungen oder Gegensatz-Paare verwendet, um intuitiv zu verstehen, wie die Marke klingt.


Vergleich & Abgrenzung

Tone of Voice vs. Content Strategy: Content Strategy legt fest, welche Inhalte wann und wo erscheinen; ToV legt fest, wie sie klingen. Beide sind Teil einer übergeordneten Inhaltsstrategie.

Tone of Voice vs. [Plain Language: Verständlich schreiben](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/plain-language/): Plain Language ist eine Methode für verständliches Schreiben; ToV ist die Persönlichkeit dahinter. Beides schließt sich nicht aus – Plain Language kann in freundlichem, direktem oder sachlichem Ton vermittelt werden.

Tone of Voice vs. [UX Writing: Schreiben für Interfaces](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/ux-writing-grundlagen/): UX Writing ist die Disziplin; ToV ist ein wesentliches Leitprinzip innerhalb dieser Disziplin.


Häufige Fragen (FAQ)

Kann sich der Tone of Voice über Zeit verändern? Ja. Marken entwickeln sich. Repositionierungen gehen oft mit einer Anpassung des ToV einher. Dabei ist Konsistenz während des Übergangs wichtig – Nutzer sollten keine plötzlichen Stilbrüche erleben.

Wer ist für den Tone of Voice zuständig? In größeren Unternehmen oft ein UX Writer oder Content Designer in Zusammenarbeit mit dem Brand-Team. In kleineren Teams liegt die Verantwortung beim UX Writer oder Produktdesigner.

Gilt der Tone of Voice auch für automatisierte Systeme (Chatbots, E-Mails)? Ja. Gerade automatisierte Texte müssen besonders sorgfältig auf ToV geprüft werden, da sie ohne persönlichen Kontext gelesen werden.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Nielsen Norman Group (2016): „The Four Dimensions of Tone of Voice". www.nngroup.com.
  • Mailchimp Content Style Guide. styleguide.mailchimp.com (Stand: 2024).
  • GOV.UK Content Design: „Writing for GOV.UK". gov.uk/guidance/content-design (Stand: 2024).
  • Botton, Catherine / Watkins, Rachel (2023): Brand Voice: Build a Distinctive Tone of Voice for Your Business. Kogan Page.
  • Google Material Design: „Writing". m2.material.io/design/communication/writing.html (Stand: 2024).
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