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Plain Language (Klare Sprache) bezeichnet einen Schreibansatz, bei dem Texte so formuliert sind, dass der Leser beim ersten Lesen alles findet, was er sucht, versteht, was er findet, und damit das tun kann, was er tun möchte.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: UX Writing & Content Design · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Klare Sprache, Plain Writing, einfache Sprache, bürgernahe Sprache


Was ist Plain Language?

Die Definition, die heute weltweit am meisten zitiert wird, stammt von der US-amerikanischen Plain Language Action and Information Network (PLAIN): Eine Kommunikation ist in Plain Language, wenn der Empfänger das Gewünschte finden kann, es verstehen kann und danach handeln kann – und zwar beim ersten Lesen.

Plain Language ist keine „Vereinfachung" im Sinne von Infantilisierung. Es geht nicht darum, Inhalte inhaltlich zu reduzieren oder Leser für weniger intelligent zu halten. Es geht darum, das Schreiben so zu gestalten, dass es die kognitiven Ressourcen des Lesers schont – damit diese für das Verstehen und Entscheiden verwendet werden können, nicht für das Entschlüsseln von Schachtelsätzen.


Erklärung

Warum Plain Language wichtig ist

Menschen lesen digitale Inhalte anders als gedruckte Bücher: Sie scannen, sie überfliegen, sie suchen. Wenn ein Text nicht sofort das Wesentliche kommuniziert, wird er abgebrochen – oder falsch verstanden.

Forschungsstudien zeigen konsistent: Selbst hochgebildete Leser bevorzugen klare, direkte Sprache. Komplexer Stil wird nicht als kompetenter wahrgenommen – er wird als schwerer lesbar abgelehnt.

Besonders wichtig ist Plain Language in:

  • Behördenkommunikation und Formularen
  • Medizinischen und rechtlichen Informationen
  • Onboarding und Produkterklärungen
  • Fehlermeldungen und Hilfetexten
  • Alle Bereiche, in denen Nutzerfehler teuer sind

Kernprinzipien von Plain Language

1. Kurze Sätze bevorzugen Sätze unter 20 Wörtern sind leichter zu lesen. Hauptsätze statt Schachtelsätze.

2. Aktiv statt passiv „Wir senden Ihnen eine Bestätigung" ist klarer als „Eine Bestätigung wird an Sie gesendet werden."

3. Alltagssprache verwenden Fachbegriffe nur dann, wenn sie notwendig sind – und dann erklären. „Verwenden" statt „Applizieren". „Beenden" statt „Terminieren".

4. Nutzerorientierte Struktur Das Wichtigste kommt zuerst. Journalistische Pyramide: Kernaussage → Details → Hintergründe.

5. Direkte Ansprache „Sie" oder „du" statt Passiv-Konstruktionen. „Füllen Sie das Formular aus" statt „Das Formular ist auszufüllen."

6. Visuelle Strukturierung Absätze, Überschriften, Listen unterstützen das Scannen. Plain Language ist kein reines Textprinzip – es schließt Formatierung mit ein.

Unterschied zu Leichter Sprache

Leichte Sprache (Leichte Sprache nach DIN SPEC 33429) ist ein standardisiertes System für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder sehr niedrigem Sprachniveau. Es hat strikteren Regeln (maximal einen Gedanken pro Satz, keine Metaphern, Bilder als Begleitung).

Plain Language ist niederschwelliger und für die breite Bevölkerung gedacht – nicht nur für spezifische Zielgruppen. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und überlappen sich in vielen Prinzipien.

Lesbarkeitsindizes

Messbar wird Verständlichkeit durch Lesbarkeitsformeln:

  • Flesch Reading Ease (englischsprachig): Skala 0–100, höhere Werte = leichter lesbar
  • Flesch-Kincaid Grade Level: Entspricht einer Schulstufe im US-Schulsystem
  • Wiener Sachtextformel (deutschsprachig): Berechnet die Lesbarkeit für Deutsch
  • LIX (Läsbarhetsindex): Weit verbreitet im deutschsprachigen Raum

Diese Formeln sind Hilfsmittel, keine Orakel. Ein niedriger LIX-Wert garantiert keinen verständlichen Text – er misst nur Satz- und Wortlänge, nicht Logik oder Klarheit des Ausdrucks.


Beispiele

Vorher / Nachher

Bürokratisch:

„Im Rahmen des vorliegenden Antragsverfahrens ist die Vorlage entsprechender Nachweise im Original oder in beglaubigter Kopie zwingend erforderlich."

Plain Language:

„Legen Sie Ihre Originalbelege oder beglaubigte Kopien bei."

Technischer Hilfetext:

Vorher: „Die Aktivierung der Zwei-Faktor-Authentifizierung erfordert die Installation einer kompatiblen Authentifizierungsapplikation auf einem mobilen Endgerät."
Nachher: „Um 2FA zu aktivieren, brauchst du eine Authenticator-App auf deinem Smartphone (z. B. Google Authenticator oder Authy)."

In der Praxis

UX Writer wenden Plain-Language-Prinzipien auf alle Interface-Texte an – von der Fehlermeldung bis zum Onboarding-Text. Darüber hinaus gibt es spezialisierte Content-Designer, die Plain Language für Behörden, Gesundheitseinrichtungen oder Banken einsetzen.

Besonders im deutschen Sprachraum ist der Weg von Behördendeutsch zu Plain Language noch weit – eine wachsende Berufsgruppe von Plain-Language-Expertinnen und -Experten arbeitet an dieser Transformation.

Content Audit: Bestandsaufnahme von Textens können helfen, bestehende Texte systematisch auf Verständlichkeit zu prüfen.


Vergleich & Abgrenzung

Plain Language vs. [Tone of Voice in digitalen Produkten](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/tone-of-voice-ux/): Plain Language ist eine Schreibmethode; Tone of Voice ist eine Persönlichkeit. Beides kann kombiniert werden: Ein freundlicher, direkter Ton in Plain Language ist das Ideal vieler digitaler Produkte.

Plain Language vs. [Content Design als Disziplin](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/content-design/): Content Design entscheidet auch über Format und Struktur; Plain Language ist primär eine sprachliche Methode, kann aber beide Ebenen berühren.


Häufige Fragen (FAQ)

Verliert ein Text durch Plain Language an Seriosität? Nein. Studien zeigen, dass klare Texte als kompetenter und vertrauenswürdiger wahrgenommen werden als komplizierte. Der Wunsch nach Komplexität als Kompetenznachweis ist ein häufiges Missverständnis.

Gibt es offizielle Standards für Plain Language in Deutschland? Es gibt keine verbindliche gesetzliche Regelung wie in den USA (Plain Writing Act 2010). Es gibt jedoch Empfehlungen des Bundessprachendienstes und der Gesellschaft für Deutsche Sprache sowie die DIN SPEC 33429 für Leichte Sprache.

Wie testet man Plain Language? Cloze-Tests, Comprehension Tests in Nutzertests, Analyse von Support-Anfragen zu bestimmten Texten, und einfaches Vorlesen an Zielgruppe-Mitgliedern.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • PLAIN – Plain Language Action and Information Network: Federal Plain Language Guidelines. plainlanguage.gov (Stand: 2024).
  • Redish, Janice (2007): Letting Go of the Words. Morgan Kaufmann.
  • Bundesverwaltungsamt (2017): Verständlich schreiben im Beruf. Bundessprachendienst.
  • Content Design London: Readability Guidelines. readabilityguidelines.co.uk (Stand: 2024).
  • Netzwerk Leichte Sprache: Regeln der Leichten Sprache. leichte-sprache.org (Stand: 2024).
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