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Typografie im Leitsystem umfasst die Auswahl und Anwendung von Schriften für Orientierungsschilder – mit besonderem Fokus auf Lesbarkeit aus Distanz, bei Bewegung und unter ungünstigen Lichtbedingungen.

Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Wayfinding · Niveau: Fortgeschritten


Was ist Typografie im Leitsystem?

Während typografische Entscheidungen im Printbereich primär von ästhetischen und identitätsstiftenden Gesichtspunkten geleitet werden, müssen im Leitsystem funktionale Kriterien absolut vorrangig sein. Eine Schrift, die in einem Jahresbericht elegant wirkt, kann auf einem Verkehrsschild durch schlechte Lesbarkeit auf 10 Meter Distanz Menschen in die Irre führen.

Die Typografie im Leitsystem-Design ist deshalb eine Teildisziplin mit eigenen Regeln, eigenen Testmethoden und einer eigenen Geschichte. Sie verbindet Erkenntnisse aus Ophthalmologie, Kognitionspsychologie und Grafikdesign.


Erklärung

Schriftauswahl: Prinzipien

Serifenlose Grotesken dominieren das Leitsystem-Design. Schriften ohne Serifen (Querstriche an Buchstabenfüßen) sind auf Distanz und bei schlechter Beleuchtung zuverlässig lesbarer als Serifenschriften, da die Serifen bei kleiner scheinbarer Größe verwischen. Führende Leitsystem-Schriften:

  • Frutiger (Adrian Frutiger, 1975): Ursprünglich für den Pariser Flughafen Charles de Gaulle entwickelt – die meistgenutzte Leitsystem-Schrift weltweit. Humanistische Groteskschrift mit offenen Formen, die Buchstabenverwechslungen minimieren.
  • Transport (Jock Kinneir & Margaret Calvert, 1963): Entwickelt für britische Straßenverkehrsschilder – bahnbrechend durch den gemischten Satz (Groß-/Kleinbuchstaben statt Versalien), der nachweislich schneller lesbar ist.
  • DIN 1451: Deutsche Normschrift, entwickelt 1931, heute in überarbeiteter Form (DIN Next) für offizielle deutsche Verkehrszeichen verwendet. Sehr neutrale, gut lesbare Geometrie.
  • Helvetica: Im Leitsystem weit verbreitet (New York Subway, viele Airports), aber durch geschlossene Formen (z.B. kleines „a") bei schlechter Beleuchtung kritisch. Die Verwechslung von I, l und 1 ist ein bekanntes Problem.
  • Johnston / New Johnston: Entwickelt von Edward Johnston für die Londoner Underground (1916), modernisiert 1979 und 2016. Eines der ältesten Leitsystem-spezifischen Schriftkonzepte.

Groß-/Kleinschreibung vs. Versalien

Ein zentraler Befund der wayfinding-typografischen Forschung (Kinneir & Calvert, 1963): Gemischter Satz ist schneller lesbar als reine Großbuchstaben. Wortbilder mit Ober- und Unterlängen (z.B. „Ausgang") werden als Ganzes erkannt, während reiner Versalsatz (z.B. „AUSGANG") buchstabenweise gelesen werden muss. Moderne Leitsysteme setzen deshalb fast ausnahmslos auf gemischten Satz für Texte über einem Wort.

Ausnahme: Sehr kurze Bezeichnungen (z.B. Hallennummern: „A", „B") oder Codes können in Versalien gesetzt werden.

Schriftgröße und Leseabstand

Die entscheidende Formel: Schriftgröße (mm) = Leseabstand (m) / Sehwinkel-Faktor

Als Faustregel gilt: 1 mm Versalhöhe pro Meter Leseabstand unter guten Bedingungen. Für schlechte Lichtverhältnisse, internationale Zielgruppen oder ältere Besucher: Faktor 1,5 anwenden.

Beispiel: Ein Schild soll aus 8 Metern lesbar sein → Versalhöhe mindestens 80 mm (ca. 227 pt).

Das Straßenverkehrsamt der Bundesrepublik definiert in den Richtlinien für die wegweisende Beschilderung (RWB) exakte Schriftgrößen für verschiedene Geschwindigkeiten und Abstände.

Zeichenabstand (Tracking)

In Leitsystem-Schriften wird oft ein leicht erhöhter Zeichenabstand (Tracking) von +5 bis +15 % gegenüber dem Standardwert gewählt. Dies verbessert die Lesbarkeit auf Distanz, weil die einzelnen Buchstaben im Auge weniger „verschmelzen". Zu weiter Zeichenabstand hingegen zerstört das Wortbild.

Kontrast

Lesbarkeit hängt nicht nur von der Schrift, sondern entscheidend vom Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund ab. Nach WCAG 2.1 (Web Content Accessibility Guidelines, die auch für physische Schilder als Orientierungshilfe dienen) gilt:

  • Mindestkontrast für normalen Text: 4,5:1
  • Für große Texte (≥ 18 pt): 3:1
  • Für barrierefreie Systeme nach DIN 32975: mindestens 0,4 Kontrastwert nach Michelson

Weiß auf Dunkelblau (Frutiger, viele Flughäfen) erreicht Kontrastverhältnisse von 15:1 und darüber.


Beispiele

  • Frankfurter Flughafen: Kombiniert Frutiger mit einem strengen Hierachieprinzip – größere Schrift für Hauptziele, kleinere für Zusatzinformationen. Gilt als Referenz für mehrsprachige Leitsystem-Typografie.
  • Londoner Underground: New Johnston (überarbeitet 2016 von Monotype) ist weltweit bekannt als identitätsstiftendes Element und funktioniert gleichzeitig als exzellente Orientierungsschrift.
  • Expo 2020 Dubai: Das Leitsystem arbeitete mit einer Hybridschrift (arabisch-lateinische Dual-Script-Lösung), die beide Schriften visuell vereint.

In der Praxis

Für temporäre Messe-Leitsysteme wird häufig auf die Hausschrift des Auftraggebers oder Messeveranstalters zurückgegriffen. Dabei ist zu prüfen, ob diese Schrift Leitsystem-tauglich ist:

  • Ausreichende Schriftschnitte vorhanden? (Bold für Wegweiser, Regular für Ergänzungen)
  • Offene Buchstabenformen? (Kein geschlossenes „a", kein enges „e")
  • Ziffern eindeutig? (0 vs. O, 1 vs. l vs. I)

Ist die Hausschrift nicht geeignet, empfiehlt sich eine funktional gleichwertige Ergänzungsschrift speziell für das Leitsystem.


Vergleich & Abgrenzung

KriteriumLeitsystem-TypografiePrint-Typografie
PrioritätFunktion vor ÄsthetikÄsthetik und Identität gleichrangig
Leseabstand2–30 Meter20–50 cm
LesezeitUnter 2 SekundenSekunden bis Minuten
LichtbedingungenVariabel, oft ungünstigKontrolliert
SchriftgrößeMeist > 30 mm Versalhöhe8–12 pt üblich

Häufige Fragen (FAQ)

Darf man Serifenschriften im Leitsystem verwenden? Für kurze Texte und große Schriftgrade ist es möglich, jedoch nicht empfehlenswert für kritische Orientierungsschilder. Ausnahmen: Historische Gebäude, bei denen ästhetische Kohärenz mit der Architektur Vorrang hat.

Wie testet man die Lesbarkeit auf Distanz? Durch physische Mock-ups (1:1-Druck, im echten Raum aufgehängt) und standardisierte Lesetests mit repräsentativen Versuchspersonen. Es gibt auch normierte Sehtafeln für Schriftgrößentests.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Calvert, Margaret; Kinneir, Jock (1963): Road Signs in Britain. Design Council, London.
  • Frutiger, Adrian (1980): Type, Sign, Symbol. ABC Editions, Zürich.
  • Mijksenaar, Paul (1997): Visual Function. Princeton Architectural Press, New York.
  • Walker, Sue (2017): „Typography and Wayfinding in Public Environments". In: Visible Language 51 (2), S. 4–29.
  • Bundesministerium für Digitales und Verkehr (2021): Richtlinien für die wegweisende Beschilderung (RWB). BMVI, Berlin.
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