Lineares TV bezeichnet die klassische Fernsehausstrahlung mit festem Sendeplan, während OTT-Streaming (Over-the-Top) Inhalte auf Abruf über das Internet liefert – unabhängig von Zeit und Gerät.
Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: Broadcast & TV-Produktion · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: OTT (Over-the-Top), VoD (Video on Demand), SVOD, AVOD, FAST-TV
Was ist lineares TV vs. Streaming?
Die Unterscheidung zwischen linearem TV und Streaming ist eine der zentralen Fragen der modernen Medienwirtschaft. Beide Modelle haben unterschiedliche technische Grundlagen, wirtschaftliche Mechanismen und Nutzungsgewohnheiten. Produktionsteams müssen heute beide Welten kennen, da viele Inhalte für mehrere Ausspielwege optimiert werden müssen.
Erklärung
Lineares TV
Beim linearen Fernsehen wird das Programm von einer Sendeanstalt zu festgelegten Zeiten ausgestrahlt. Alle Zuschauenden empfangen denselben Inhalt zur gleichen Zeit. Das Modell stammt aus den Anfängen des Rundfunks in den 1950er Jahren.
Technische Grundlagen:
- Übertragung via DVB-T2 (terrestrisch), DVB-C (Kabel) oder DVB-S2 (Satellit)
- Codierungsstandard meist H.264 (AVC) oder H.265 (HEVC)
- Feste Auflösungen: SD (576i), HD (1080i/1080p), UHD (2160p)
- Zeitstempel via Timecode (Timecode in der Broadcast-Produktion)
- Tonsignal nach EBU R 128 (EBU R 128: Lautheitsstandard im Broadcast)
Regulierung: Öffentlich-rechtliche Sender (ARD, ZDF) unterliegen dem Rundfunkstaatsvertrag (heute Medienstaatsvertrag). Private Sender erhalten Lizenzen von den Landesmedienanstalten.
OTT-Streaming
OTT steht für „Over-the-Top" – der Inhalt wird „über" bestehende Internet-Infrastruktur geliefert, ohne eigene Sendetechnik. Bekannte Plattformen: Netflix, Amazon Prime Video, Disney+, DAZN, ARD Mediathek.
Geschäftsmodelle:
- SVOD (Subscription VoD): Abonnementbasiert (Netflix, Disney+)
- AVOD (Advertising VoD): Werbefinanziert, kostenlos (YouTube, Pluto TV)
- TVOD (Transactional VoD): Einzelkauf oder -miete (Apple iTunes, Amazon Leihfilm)
- FAST (Free Ad-Supported Streaming TV): Lineare Kanäle über Internet, werbefinanziert (Pluto TV, Rakuten TV)
Technische Grundlagen:
- Adaptive Bitrate Streaming (ABR): HLS (Apple), MPEG-DASH (ISO-Standard)
- Komprimierung: H.264, H.265, AV1 (offener Standard)
- Content Delivery Networks (CDN) verteilen Last global
- DRM-Systeme: Widevine (Google), FairPlay (Apple), PlayReady (Microsoft)
Produktionsunterschiede
Für Broadcaster stellt sich die Frage: Welche technischen Spezifikationen muss eine Produktion erfüllen?
| Merkmal | Lineares TV (ARD/ZDF) | Netflix (OTT) |
|---|---|---|
| Mindestauflösung | 1080i (HD) | 2160p (4K empfohlen) |
| Bildrate | 50i / 25p | 23,976p / 24p / 25p |
| HDR | Begrenzt (HLG) | HDR10, Dolby Vision |
| Tonformat | Stereo/5.1, EBU R 128 | Dolby Atmos, 5.1 |
| Lieferformat | MXF, IMF (DPP und IMF: Broadcast-Lieferformate) | IMF-Paket, Netflix-eigene Specs |
| Metadaten | Strikt normiert | Plattform-spezifisch |
Beispiele
Lineares TV – „Tagesschau": Täglich um 20:00 Uhr sehen Millionen dasselbe Signal. Die Produktion erfolgt in der ARD-Regie Hamburg mit Live-Elementen und eingelagerten Beiträgen.
OTT – Netflix „Dark": Die deutsche Serie wurde speziell für Netflix produziert, in 4K mit Dolby Vision und Dolby Atmos – Spezifikationen, die für klassisches TV nicht erforderlich gewesen wären.
Hybride Nutzung: ZDF und ARD betreiben neben dem linearen Programm eigene Mediatheken (AVOD-Modell), in denen Inhalte nach der Ausstrahlung auf Abruf angeboten werden.
In der Praxis
Produktionsfirmen und Sender produzieren heute oft für beide Kanäle gleichzeitig. Das nennt sich Simultanproduktion oder multi-window delivery. Der Trend geht zur sogenannten ATSC 3.0-Technologie (in Deutschland wenig verbreitet) und zu IP-basiertem Broadcast (SMPTE ST 2110), bei dem auch lineare Signale über IP-Netzwerke transportiert werden.
Für Nachwuchskräfte in der Medienbranche ist das Verständnis beider Welten essenziell: Lineares TV verlangt Echtzeit-Kompetenz, Streaming-Produktionen oft höhere technische Ausgabequalität und veränderte Erzählformate (kein erzwungener Cliffhanger zur vollen Stunde).
Vergleich & Abgrenzung
| Aspekt | Lineares TV | OTT-Streaming |
|---|---|---|
| Wann sehen | Feste Sendezeit | Jederzeit |
| Wo sehen | Fernseher | TV, Smartphone, Tablet, PC |
| Personalisierung | Keine | Algorithmenbasiert |
| Reichweite | Terrestrisch begrenzt | Global |
| Latenz | Minimal | 5–30 Sek. (HLS-Segmente) |
| Interaktivität | Gering (HbbTV) | Hoch |
Häufige Fragen (FAQ)
Ist lineares TV am Aussterben? Nein – trotz Reichwückgängen bleibt lineares TV gerade für Live-Events (Sport, Nachrichten) unersetzt. Die GfK meldete für 2023 noch eine tägliche Sehdauer von rund 215 Minuten pro deutschem TV-Haushalt.
Was ist HbbTV? HbbTV (Hybrid Broadcast Broadband TV) verbindet lineares TV mit Internet-Inhalten. Darüber bieten ARD und ZDF z. B. ihre Mediatheken direkt auf dem Smart-TV an.
Welche Bitrate braucht Streaming-UHD? Netflix empfiehlt für 4K/HDR mindestens 15–25 Mbit/s. Durch Codecs wie AV1 sinkt der Bedarf zunehmend.
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- DPP und IMF: Broadcast-Lieferformate
- EBU R 128: Lautheitsstandard im Broadcast
Weiterführend
- Taddicken, M. & Wolff, A. (2020). Mediennutzung im digitalen Zeitalter. Springer VS.
- Reuters Institute (2024). Digital News Report 2024. Oxford: Reuters Institute for the Study of Journalism.
- EBU (2022). Streaming vs. Broadcast: Technical Convergence. Geneva: European Broadcasting Union.
