Content Design Prozess bezeichnet den strukturierten, nutzerzentrierten Ablauf, mit dem Content Designer und UX Writer Texte und Inhalte für digitale Produkte entwickeln – von der Nutzerforschung bis zur iterativen Optimierung.
Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: UX Writing & Content Design · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: UX-Writing-Prozess, Content-Design-Workflow, Inhaltsentwicklungsprozess
Was ist der Content Design Prozess?
Content Design ist mehr als das Schreiben von Texten – es ist ein gestaltender Prozess, der auf Nutzerforschung basiert, mit dem Designteam eng verzahnt ist und über Testing iterativ verfeinert wird. Der Begriff wurde maßgeblich durch Sarah Richards geprägt, die als Head of Content Design bei Government Digital Service (GDS) in Großbritannien einen systematischen Ansatz für nutzerorientierte Inhalte entwickelte.
Im Unterschied zu klassischem Copywriting, das fertige Layouts nachträglich mit Texten befüllt, ist Content Design von Anfang an im Designprozess verankert. UX Writer und Content Designer sitzen nicht am Ende der Prozesskette, sondern arbeiten parallel zu UX-Designern und Produktmanagern.
Erklärung
Die Phasen des Content Design Prozesses
Phase 1: Research & Discovery
Bevor ein Wort geschrieben wird, steht die Nutzerforschung. In dieser Phase geht es darum zu verstehen:
- Welche Fragen haben Nutzer in dieser Situation?
- Welche Begriffe verwenden sie selbst?
- Welche mentalen Modelle bringen sie mit?
- Welche Inhalte brauchen sie wirklich – und welche nicht?
Methoden: Nutzerinterviews, Card Sorting, Contextual Inquiry, Analyse von Support-Tickets, Auswertung von Search-Logs. Nutzer suchen oft nach konkreten Antworten, und wenn ein Produkt Informationen mit internen Begriffen benennt, die Nutzer nicht kennen, scheitert die Kommunikation bereits auf Strukturebene.
Phase 2: Content Strategy & Struktur
Aus der Research entstehen Entscheidungen über Informationsarchitektur und Content-Strategie:
- Welche Inhalte werden benötigt?
- In welcher Reihenfolge präsentieren wir Informationen?
- Auf welchem Niveau der Plain Language: Verständlich schreiben kommunizieren wir?
- Welcher Tone of Voice für digitale Produkte ist angemessen?
Content Strateginnen und UX Writer erstellen Inhaltsmodelle oder User Story Maps, die zeigen, welche Texte wann und wo benötigt werden.
Phase 3: Wireframe-Text (Lo-fi Content)
Hier beginnt das Schreiben – aber nicht in fertiger Form. UX Writer arbeiten direkt in Wireframes oder Prototypen und erstellen „lo-fi content": echte Texte statt Lorem-ipsum-Platzhalter. Dieser Schritt ist entscheidend, weil er zeigt:
- Ob der verfügbare Platz ausreicht
- Ob die Textmenge die UX belastet
- Ob die Nutzerführung durch Texte klar ist
Dieser Ansatz ist der Kern von Content-First Design Design: Inhalte und Struktur gemeinsam gestalten, nicht Text nachträglich in fertige Designs einsetzen.
Phase 4: Review & Collaboration
Content-Entwürfe werden im Team besprochen:
- UX-Designer prüfen die visuelle Integration
- Produktmanager prüfen die fachliche Korrektheit
- Legal/Compliance prüft rechtlich kritische Texte
- Accessibility-Experten prüfen Barrierefreiheit (vgl. Barrierefreie Texte)
Peer-Reviews unter UX Writern sind ebenfalls wertvoll, um Tone of Voice für digitale Produkte und sprachliche Konsistenz zu sichern.
Phase 5: User Testing
Content Design ohne Testing ist Spekulation. Methoden:
- Usability Tests: Nutzer bearbeiten Aufgaben mit dem Prototypen; UX Writer beobachten, wo sie zögern oder falsch klicken
- Tree Testing: Testen der Informationsarchitektur durch Navigationstests
- Cloze Tests: Nutzer ergänzen fehlende Wörter in Texten – zeigt, ob Formulierungen erwartbar sind
- [A/B-Testing von UX-Texten](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/ab-testing-texte/): Zwei Varianten eines Textes werden live gegen einander getestet
Phase 6: Iteration & Dokumentation
Auf Basis des Feedbacks werden Texte überarbeitet. Neue Erkenntnisse fließen in den UX-Style-Guide und die Content Pattern Library ein, damit das gesamte Produktteam profitiert.
Beispiele
Ein klassisches Beispiel aus der Praxis: Das britische Government Digital Service stellte fest, dass Nutzer auf ihrer Webseite unter „Benefits" nichts fanden, obwohl sie nach „Kindergeld" oder „Hartz IV" suchten. Durch Content-Research wurde deutlich, dass Nutzer ihre eigenen Begriffe mitbrachten – die Umstrukturierung der Navigation nach Nutzersprache statt Verwaltungssprache verbesserte die Auffindbarkeit drastisch.
In der Praxis
Integration in Agile Teams
In agilen Produktteams (Scrum, Kanban) arbeiten Content Designer in Sprints mit. Empfehlenswert ist, UX Writer früh in die Sprintplanung einzubeziehen, damit Texte nicht erst kurz vor dem Release entwickelt werden – das führt zu schlechter Qualität.
Best Practices:
- UX Writer nehmen an Discovery-Workshops und Design-Sprints teil
- Content früh als Teil der Definition of Done festlegen
- Shared Design System mit Textkompnenten nutzen (vgl. Content Pattern Library)
- Eigenes Content-Backlog führen
Tooling
- Figma: Hauptwerkzeug für Wireframes mit echten Texten
- Confluence / Notion: Dokumentation von Content-Guidelines und Entscheidungen
- Maze / UserTesting: Remote-Usability-Tests
- ContentSquare / Hotjar: Verhaltensanalyse auf Live-Produkten
- Detaillierte Tool-Übersicht: Tools für UX Writer
Vergleich & Abgrenzung
Content Design vs. Copywriting: Copywriting produziert Texte für fertige Layouts (z. B. Werbekampagnen). Content Design gestaltet Inhalte als Teil des Designprozesses – mit Forschungsbasis und Iteration.
Content Design vs. Information Architecture: Information Architecture (IA) strukturiert Inhalte auf Makroebene (Navigation, Kategorien). Content Design arbeitet auf Mikroebene (Texte, Labels, Meldungen) – beide sind eng verzahnt.
Content Design Prozess vs. [Content-First Design](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/content-first/): Content-First ist ein Prinzip; der Content Design Prozess ist der methodische Rahmen zur Umsetzung dieses Prinzips.
Häufige Fragen (FAQ)
Brauche ich eine formale Research-Phase für jeden Text? Nein. Die Tiefe des Prozesses skaliert mit der Komplexität und dem Impact. Für kleine UI-Texte reicht oft eine kurze Heuristikbewertung; für komplexe Workflows oder kritische Prozesse ist Research unerlässlich.
Wann ist ein Content Designer involviert? Idealerweise ab Phase 0 – der Problemdefinition. Spätestens ab der ersten Wireframe-Runde.
Wie unterscheidet sich der Prozess für Apps vs. Websites? Im Kern ähnlich, aber der App-Prozess ist stärker auf Micro-Flows und Systemzustände (Laden, Fehler, leerer Zustand) ausgerichtet, während Web-Content-Design oft stärker mit SEO und Informationsarchitektur verknüpft ist.
Was, wenn ich als UX Writer allein im Team bin? Leichtgewichtige Versionen des Prozesses sind möglich: kurze Research-Sprints, informelle Reviews mit Entwicklern, regelmäßiges Usability-Testing mit 3–5 Nutzern pro Runde.
Verwandte Einträge
- Content-First Design
- A/B-Testing von UX-Texten
- UX-Style-Guide
- Content Pattern Library
- Barrierefreie Texte
Weiterführend
- Richards, Sarah: Content Design, Content Design London, 2017
- Halvorson, Kristina / Rach, Melissa: Content Strategy for the Web, New Riders, 2012
- Pernice, Kara: „UX Writing: Study Guide", Nielsen Norman Group, 2019
- Gov.uk Content Design Guidance, content-design.readthedocs.io, Government Digital Service, 2022
