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Tone of Voice bezeichnet die sprachliche Persönlichkeit eines digitalen Produkts – die Art und Weise, wie ein Produkt mit seinen Nutzern kommuniziert, unabhängig davon, welchen Inhalt es kommuniziert.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: UX Writing & Content Design · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Brand Voice, Markenstimme, Produktsprache, Voice & Tone, Schreibstil-Guidelines

Was ist Tone of Voice für digitale Produkte?

Jede Aussage in einem digitalen Produkt – von der Willkommensnachricht bis zur Fehlermeldung – trägt zur wahrgenommenen Persönlichkeit des Produkts bei. Tone of Voice (ToV) ist die Summe dieser sprachlichen Entscheidungen: Welche Wörter wählt das Produkt? Ist es förmlich oder locker? Direkt oder diplomatisch? Humorvoll oder nüchtern?

Der Begriff geht auf die Markenführung zurück, hat aber im UX Writing eine besondere Bedeutung erlangt, da digitale Produkte tausende sprachliche Touchpoints besitzen, die konsistent gestaltet sein müssen. Ein gut definierter Tone of Voice hilft Teams, über mehrere Plattformen und Autoren hinweg eine kohärente Sprache zu sprechen.

Erklärung

Voice vs. Tone: Ein wichtiger Unterschied

Nielsen Norman Group prägte die hilfreiche Unterscheidung zwischen „Voice" und „Tone" (Harley & Kaley, 2020):

  • Voice ist konstant – die grundlegende Persönlichkeit der Marke, die sich nicht verändert. Mailchimp ist z. B. immer freundlich, klar und humorvoll.
  • Tone variiert je nach Kontext. Derselbe freundliche Mailchimp-Ton wird ernster, wenn eine Kampagne fehlgeschlagen ist, und ausgelassener, wenn ein Nutzer seinen ersten Newsletter verschickt.

Die vier Dimensionen von Nielsen Norman Group

Harley und Kaley (2020) identifizierten vier Achsen, auf denen sich Tone of Voice beschreiben lässt:

  1. Funny vs. Serious – Setzt das Produkt auf Humor oder auf sachliche Direktheit?
  2. Formal vs. Casual – Spricht es förmlich oder umgangssprachlich?
  3. Respectful vs. Irreverent – Ist die Kommunikation konventionell oder bewusst provokativ?
  4. Enthusiastic vs. Matter-of-fact – Kommuniziert das Produkt mit Energie und Begeisterung oder nüchtern und pragmatisch?

Bekannte Tone-of-Voice-Typen

Friendly & Approachable: Slack, Duolingo (in frühen Versionen), Notion – nutzerfreundlich, Du-Ansprache, warme Formulierungen, aktive Sätze.

Professional & Trustworthy: Microsoft Teams, SAP, viele Finanzprodukte – sachlich, präzise, keine Witze, klare Hierarchie der Information.

Playful & Bold: Oatly, Innocent Drinks, früher Mailchimp – unkonventionelle Sprache, Selbstironie, aktive Subversion von Erwartungen.

Empathetic & Supportive: Gesundheits-Apps wie Headspace oder Calm – ruhig, nicht wertend, ermutigend.

Beispiele

Tone Friendly (Duolingo, 2021):

„Stell deine Sprachziele ein, und wir passen die Lektionen für dich an."

Tone Professional (Microsoft, 2022):

„Wählen Sie eine Vorlage aus, um Ihr Dokument zu formatieren."

Tone Playful (Oatly, Website 2023):

„Okay, wir sind eine Haferdrinkmarke. Das klingt weniger cool als es ist. Lies trotzdem weiter."

Dieselbe Kernaussage – „Hier beginnen" – kann je nach Tone sehr unterschiedlich klingen:

  • Formal: „Starten Sie hier."
  • Friendly: „Lass uns starten!"
  • Playful: „Los geht's – du schaffst das!"

In der Praxis

Einen Tone of Voice entwickeln

  1. Markenwerte definieren: Was sind die drei bis fünf Kernwerte des Produkts? (z. B. „offen, empathisch, direkt")
  2. Persönlichkeitsattribute ableiten: Welche menschliche Persönlichkeit würde diese Werte verkörpern?
  3. Auf den vier Achsen verorten: Wo liegt das Produkt auf den Nielsen-Norman-Dimensionen?
  4. Beispielsätze schreiben: Wie klingt das Produkt in einer Fehlermeldung? In einem Onboarding-Text? In einer Erfolgsmeldung?
  5. Im [UX-Style-Guide](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/style-guide-ux/) dokumentieren: Beispiele, Wortlisten, Do's & Don'ts, Beispiele für unterschiedliche emotionale Kontexte.

Tone-Anpassung nach Kontext

Selbst mit einem klar definierten Voice muss der Ton kontextsensitiv angepasst werden:

  • Erfolgsmeldung: Etwas wärmer, ermutigend → „Super! Dein Beitrag wurde veröffentlicht."
  • Fehlermeldung: Nüchterner, lösungsorientiert → „Die Datei konnte nicht geladen werden. Prüfe die Dateigröße."
  • Kritische Systemwarnung: Sachlich, ohne Ironie → „Dein Abonnement läuft in 3 Tagen ab."

Häufige Fallen

  • Inkonsistenz: Wenn verschiedene Teile des Produkts unterschiedlich klingen, wirkt das unprofessionell. Ein UX-Style-Guide hilft.
  • Tone-Mismatch: Spielerischer Ton in ernsthaften Fehlersituationen wirkt respektlos.
  • Forced Friendliness: Übertriebene Freundlichkeit (zu viele Ausrufezeichen, „Herzlichen Glückwunsch!"-Inflation) wirkt unecht.
  • Kulturelle Blindflecken: Was in einer Kultur als freundlich gilt, kann in einer anderen Kultur als unangemessen empfunden werden – besonders relevant bei Lokalisierung und Übersetzung von UX-Texten.

Vergleich & Abgrenzung

Tone of Voice vs. Styleguide: Der ToV ist die Persönlichkeit und Haltung; der UX-Style-Guide ist das Regelwerk. Der ToV beantwortet „Wie klingt das Produkt?", der Styleguide beantwortet „Welche Wörter benutzen wir?"

Brand Voice vs. UX Voice: Brand Voice betrifft alle Kommunikationskanäle einer Marke (Werbung, Social Media, PR). UX Voice ist die spezifische Ausprägung des Brand Voice für das digitale Produkt – oft konsistenter und funktionaler.

Tone of Voice vs. [Plain Language: Verständlich schreiben](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/plain-language/): Plain Language ist ein Qualitätsmerkmal (Verständlichkeit), Tone of Voice ist ein Persönlichkeitsmerkmal. Beide schließen sich nicht aus – ein professioneller ToV kann und sollte klar und verständlich sein.

Häufige Fragen (FAQ)

Wie viele Tone-Attribute sollte ich definieren? Drei bis fünf sind ideal. Mehr werden nicht erinnert und erschweren die konsistente Umsetzung.

Kann sich ein Tone of Voice über die Zeit verändern? Ja, aber langsam und bewusst. Duolingo hat seinen ToV über Jahre schrittweise von freundlich-ermutigend zu spielerisch-frech verschoben – immer begleitet von Nutzerforschung.

Was, wenn verschiedene Teammitglieder unterschiedlich schreiben? Klare Dokumentation im UX-Style-Guide, regelmäßige Writing-Reviews und Peer-Feedback helfen, den Ton konsistent zu halten.

Brauchen B2B-Produkte auch einen definierten ToV? Ja. Auch professionelle Tools kommunizieren eine Persönlichkeit – oft durch das Fehlen eines definierten ToV werden B2B-Produkte unbeabsichtigt kalt und technisch.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Harley, Aurora / Kaley, Anna: „The Four Dimensions of Tone of Voice", Nielsen Norman Group, 2020
  • Redish, Janice: Letting Go of the Words, Morgan Kaufmann, 2012
  • Mailchimp Content Style Guide, mailchimp.com/de/content-style-guide, 2015 (aktuell gepflegt)
  • Torrey, Preston / Quesenbery, Whitney: A Web for Everyone, Rosenfeld Media, 2014
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