UX-Style-Guide ist ein Dokument, das die sprachlichen Standards eines digitalen Produkts festlegt – Terminologie, Tone of Voice, Schreibregeln und Do's & Don'ts – damit alle Teammitglieder konsistent kommunizieren.
Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: UX Writing & Content Design · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Content Style Guide, Writing Guidelines, Voice & Tone Guide, Redaktionsleitfaden
Was ist ein UX-Style-Guide?
Ein UX-Style-Guide (auch: Content Style Guide) ist das zentrale Referenzdokument für die sprachliche Gestaltung eines digitalen Produkts. Er richtet sich an UX Writer, Designer, Produktmanager, Entwickler und alle anderen, die Texte für das Produkt schreiben oder redigieren.
Während ein Corporate-Styleguide die Unternehmenssprache für externe Kommunikation regelt, fokussiert sich der UX-Style-Guide auf die Produktsprache: die Sprache der Benutzeroberfläche, der Systemzustände, der Fehlermeldungen und aller Micro-Interaktionen.
Bekannte öffentliche Beispiele: Mailchimps Content Style Guide, der Gov.uk Style Guide und der IBM Design Language sind Referenzen, an denen sich die Industrie orientiert.
Erklärung
Was gehört in einen UX-Style-Guide?
1. Marken-Voice und Tone Beschreibung der grundlegenden Persönlichkeit des Produkts (vgl. Tone of Voice für digitale Produkte): Wie klingt das Produkt? Welche Adjektive beschreiben die Stimme? Wie variiert der Ton je nach Kontext?
Empfehlenswert: 3–5 Voice-Attribute mit je zwei bis drei Sätzen Erklärung und Beispielen.
2. Wortliste (Glossar) Ein zentrales Glossar mit den bevorzugten Begriffen für Produktfunktionen, Aktionen und Systemzustände:
- Welche Bezeichnung für die Hauptnavigation? „Menü" oder „Navigation"?
- Heißt es „löschen" oder „entfernen"?
- Wird der Nutzer geduzt oder gesiezt?
Die Wortliste verhindert, dass verschiedene Teile des Produkts unterschiedliche Begriffe für dieselbe Sache verwenden.
3. Do's & Don'ts Konkrete Beispielpaare, die zeigen, wie Texte aussehen sollen – und wie nicht. Do's und Don'ts sind das Herzstück des Style Guides, weil sie abstrakte Prinzipien greifbar machen.
Beispiel:
- ✗ „Ein Fehler ist aufgetreten."
- ✓ „Die Datei konnte nicht gespeichert werden. Prüfe deine Internetverbindung und versuche es erneut."
4. Grammatik- und Interpunktionsregeln
- Du/Sie-Entscheidung und konsequente Anwendung
- Zeichensetzung in Listen (mit oder ohne Punkt?)
- Großschreibung von Funktionsnamen
- Umgang mit Zahlen, Daten, Maßeinheiten
- Umgang mit Abkürzungen und Anglizismen
5. Formatierungsrichtlinien
- Wann Fett, wann Kursiv?
- Wie werden Links beschriftet?
- Wie lang dürfen Überschriften, Buttons, Fehlermeldungen sein?
6. Spezifische Text-Kategorien Viele Style Guides enthalten eigene Abschnitte für:
- Fehlertext-Design
- Formular-UX-Writing
- Onboarding-Texte und Willkommens-Flows
- Button-Beschriftung
- Leere Zustände (Leerer Zustand (Empty State))
7. Verbotene Begriffe und Formulierungen Ausdrücke, die nicht verwendet werden sollen: Technischer Jargon, diskriminierende Sprache, interne Produktnamen, die Nutzern nichts sagen.
Aufbau und Format
UX-Style-Guides können als Wiki-Seite (Confluence, Notion), als PDF, als Figma-Datei oder als GitHub-Markdown-Dokument existieren. Entscheidend ist, dass er zugänglich, durchsuchbar und aktuell ist.
Best Practice: Den Style Guide als „lebendiges Dokument" behandeln, das mit dem Produkt wächst. Eine Versionshistorie hilft, Änderungen nachzuvollziehen.
Beispiele
Guter Voice-Eintrag im Style Guide:
„Wir sind direkt, aber nicht barsch. Wir erklären, statt zu belehren. In Fehlersituationen sind wir sachlich und lösungsorientiert – kein Humor, wenn etwas schiefgelaufen ist."
Guter Do's & Don'ts-Eintrag:
Beim Löschen:
✗ „Sind Sie sicher?"
✓ „[Dateiname] löschen? Diese Aktion kann nicht rückgängig gemacht werden." [Löschen] [Behalten]
Wortlisten-Eintrag:
- Bevorzugt: „hochladen", „speichern", „teilen"
- Nicht: „uploaden", „abspeichern", „sharen"
In der Praxis
Den Style Guide aufbauen: Schritt für Schritt
- Audit: Bestandsaufnahme aller existierenden Texte im Produkt – wo sind Inkonsistenzen?
- Workshop: Mit dem Team die wichtigsten Werte und Voice-Attribute definieren
- Kern-Entscheidungen treffen: Du/Sie, wichtigste Terminologie, Ton in Fehlersituationen
- Beispiele sammeln: Best Practices aus dem Produkt und von anderen Produkten (Mailchimp, Gov.uk)
- Review-Prozess etablieren: Wer darf den Style Guide ändern? Wie werden neue Einträge validiert?
- Schulen und kommunizieren: Einführungssession für das Team; Style Guide in Onboarding-Materialien einbetten
Pflege und Governance
Ein Style Guide ist nur so gut wie seine Aktualität. Empfehlungen:
- Quartalsweise Review durch das UX-Writing-Team
- Prozess definieren, wie neue Begriffe oder Regeländerungen eingebracht werden können
- Feedback-Kanal für das gesamte Produktteam (nicht nur UX Writer)
Integration mit Design Systems
Moderne Produkte haben Design Systems (Figma-Bibliotheken, Storybook-Komponenten). Der UX-Style-Guide sollte direkt mit dem Design System verknüpft oder darin integriert sein, damit Texte und visuelle Gestaltung konsistent dokumentiert sind. Vgl. Content Pattern Library.
Vergleich & Abgrenzung
UX-Style-Guide vs. Brand-Styleguide: Brand-Styleguides regeln Erscheinungsbild, Logo, Farben und externe Kommunikation. UX-Style-Guides spezifizieren Produktsprache. Beide sollten aufeinander abgestimmt sein.
UX-Style-Guide vs. [Content Pattern Library](/wiki/mediendesign-digitale-medien/ux-writing/pattern-library-text/): Die Pattern Library enthält wiederverwendbare Text-Komponenten (konkrete Texte für bestimmte Situationen). Der Style Guide enthält die Regeln und Prinzipien, nach denen diese Texte erstellt werden.
UX-Style-Guide vs. Redaktionshandbuch: Redaktionshandbücher regeln redaktionelle Inhalte (Artikel, Blog-Posts). UX-Style-Guides fokussieren auf Interface-Texte.
Häufige Fragen (FAQ)
Brauche ich als kleines Team auch einen Style Guide? Ja, sogar besonders. Je kleiner das Team, desto wichtiger ist eine klare Dokumentation, da es keine informellen „Wissensträger" gibt, die implizite Standards kennen.
Wie umfangreich muss ein Style Guide sein? Lieber klein und genutzt als umfangreich und ignoriert. Ein minimaler Style Guide mit 5–10 zentralen Entscheidungen ist wertvoller als ein 100-Seiten-Dokument, das niemand liest.
Was ist der Unterschied zwischen einem Style Guide und einem Tone Guide? Ein Tone Guide beschäftigt sich ausschließlich mit der Persönlichkeit und dem Ton. Ein vollständiger Style Guide enthält den Tone Guide plus Terminologie, Grammatikregeln und Formatierung.
Soll der Style Guide öffentlich zugänglich sein? Viele Tech-Unternehmen (Mailchimp, IBM, Atlassian) veröffentlichen ihre Style Guides bewusst – das signalisiert Qualitätsbewusstsein und stärkt die Markenwahrnehmung.
Verwandte Einträge
- Tone of Voice für digitale Produkte
- Content Pattern Library
- Karriere als UX Writer
- Content Design Prozess
- Plain Language: Verständlich schreiben
Weiterführend
- Mailchimp: Content Style Guide, styleguide.mailchimp.com, 2015 (aktuell gepflegt)
- Government Digital Service: GOV.UK Content Design Guide, gov.uk/guidance/content-design, 2022
- Halvorson, Kristina / Rach, Melissa: Content Strategy for the Web, New Riders, 2012
- IBM Design Language, designlanguage.ibm.com, IBM Corporation, 2020 ff.
