Lokalisierung (L10n) bedeutet, digitale Produkte nicht nur zu übersetzen, sondern für eine spezifische Zielregion sprachlich, kulturell und funktional anzupassen.
Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: UX Writing & Content Design · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Localization, L10n, kulturelle Anpassung, Übersetzung von UX-Texten
Was ist Lokalisierung im UX-Kontext?
Wenn ein digitales Produkt in neuen Märkten eingeführt wird, reicht es nicht, die Texte maschinell zu übersetzen. Lokalisierung ist der Prozess, durch den Texte, visuelle Elemente und Funktionen so angepasst werden, dass das Produkt für Nutzer einer bestimmten Region natürlich wirkt – als wäre es für sie gebaut worden.
Im UX-Writing-Kontext bedeutet das:
- Microcopy: Kleine Texte, große Wirkung-Elemente werden nicht wörtlich übersetzt, sondern kulturell angepasst
- Formelle vs. informelle Ansprache unterscheidet sich je nach Sprache und Region
- Datums-, Zahlen- und Währungsformate werden angepasst
- Rechtliche Anforderungen (Datenschutz, AGBs) sind länderspezifisch
- Humor und Metaphern funktionieren nicht universell
Erklärung
Internationalisierung vs. Lokalisierung
Diese beiden Begriffe werden oft verwechselt:
Internationalisierung (i18n): Der technische Prozess, ein Produkt so zu bauen, dass es lokalisierbar ist. Texte sind externalisiert (nicht hartcodiert), Layouts können sich an unterschiedliche Textlängen anpassen, Zeichensätze unterstützen verschiedene Sprachen.
Lokalisierung (L10n): Der inhaltliche Prozess, das Produkt für eine spezifische Region anzupassen. Hier kommen UX Writer, Übersetzer und kulturelle Experten ins Spiel.
Gute Lokalisierung setzt gute Internationalisierung voraus. Ohne i18n ist L10n technisch schwierig bis unmöglich.
Herausforderungen der UX-Text-Lokalisierung
Textexpansion und -kontraktion: Texte haben in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Längen. Ein Button-Text, der auf Englisch „Save" heißt, heißt auf Deutsch „Speichern" (doppelt so lang) und auf Finnisch „Tallenna". UX Writer müssen mit Design-Teams sicherstellen, dass Layouts flexibel genug sind.
Formalitätsniveau: In Deutschland gibt es „Sie" und „du"; in Frankreich „vous" und „tu"; in Japan gibt es mehrstufige Höflichkeitssysteme. Eine globale Tonalitätsentscheidung muss kulturell angepasst werden.
Idiome und Metaphern: „Put your best foot forward" kann wörtlich übersetzt werden, klingt aber in anderen Sprachen befremdlich. UX Writer müssen idiomatische Ausdrücke identifizieren und durch kulturell passende Alternativen ersetzen.
Kulturelle Bedeutungen von Symbolen: Farben und Symbole haben kulturell unterschiedliche Bedeutungen. Das Häkchen-Symbol bedeutet im Westen „richtig/erledigt" – in Japan kann es auch für Falsches stehen.
Rechtliche Anforderungen: Datenschutz-Einwilligungen, AGBs, Impressumspflichten und Cookie-Hinweise sind länderspezifisch reguliert. Texte müssen nicht nur übersetzt, sondern rechtlich angepasst werden.
Prozess der UX-Text-Lokalisierung
1. Texte extrahieren: Alle UX-Texte werden aus dem Produkt in ein Translation-Management-System (TMS) übertragen. Bekannte TMS: Phrase (früher Memsource), Lokalise, Crowdin.
2. Kontext bereitstellen: Übersetzer brauchen Screenshots und Erklärungen, um Microcopy: Kleine Texte, große Wirkung korrekt zu übersetzen. Ein Button-Text ohne Kontext kann falsch übersetzt werden.
3. Glossar und Style Guide erstellen: Konsistenz in der Terminologie ist entscheidend. Ein produktspezifisches Glossar auf Basis des Tone of Voice in digitalen Produkten wird für jede Zielsprache erstellt.
4. Übersetzen und anpassen: Professionelle Übersetzer, idealerweise mit UX-Erfahrung, übersetzen die Texte. Für marketingnahe Texte kann Transcreation (kreative Neugestaltung statt Übersetzung) angemessener sein.
5. Review durch Muttersprachler: Native Speaker im Zielmarkt prüfen die Texte auf sprachliche Natürlichkeit und kulturelle Angemessenheit.
6. In-Context-Review: Texte werden in der Zielumgebung (Screenshot, Staging-Umgebung) auf visuelle Korrektheit geprüft.
Beispiele
Formalitätsniveau
Englisch (informell): „Start your free trial"
Deutsch (du-Form): „Starte deinen kostenlosen Test"
Deutsch (Sie-Form, für B2B-Kontext): „Starten Sie Ihren kostenlosen Test"
Japanisch (polite form): 無料トライアルを始めましょう (Beginnen wir den kostenlosen Test)
Textexpansion im Button
| Sprache | Text | Zeichenanzahl |
|---|---|---|
| Englisch | „Sign up free" | 12 |
| Deutsch | „Kostenlos registrieren" | 22 |
| Spanisch | „Regístrate gratis" | 18 |
| Russisch | „Зарегистрируйтесь бесплатно" | 28 |
Ein Button, der für englischen Text designed wurde, muss für andere Sprachen angepasst werden.
In der Praxis
Viele Unternehmen unterschätzen den Aufwand für Lokalisierung. UX Writer sind nicht automatisch Übersetzer – und Übersetzer sind nicht automatisch UX Writer. Das beste Ergebnis entsteht, wenn beide zusammenarbeiten: UX Writer liefern Kontext und Intentionen, Übersetzer liefern Sprachkompetenz und kulturelles Wissen.
Tools für UX Writer wie Lokalise oder Phrase ermöglichen es, Lokalisierungs-Workflows direkt mit Design- und Entwicklungs-Prozessen zu verbinden.
Vergleich & Abgrenzung
Lokalisierung vs. Übersetzung: Übersetzung überträgt Bedeutung von einer Sprache in eine andere; Lokalisierung passt zusätzlich Kontext, Kultur, Formate und rechtliche Anforderungen an.
Lokalisierung vs. Transcreation: Transcreation geht noch weiter: Es wird nicht übersetzt, sondern neu kreiert – mit demselben kommunikativen Ziel, aber völlig neuen Mitteln. Für emotionale Call-to-Action Texte schreiben oder Slogans oft angemessener.
Häufige Fragen (FAQ)
Wann lohnt sich maschinelle Übersetzung? Maschinelle Übersetzung (z. B. DeepL) ist für interne Dokumente oder niedrig-priorisierte Inhalte eine Effizienzlösung. Für produktkritische UX-Texte ist sie als Ausgangspunkt nutzbar, aber muss immer von einem menschlichen Lektor überarbeitet werden.
Wie handle ich eine Sprache mit langen Texten (z. B. Deutsch)? Beim Design von Anfang an für ca. 30 % Textexpansion planen. Flexible Layouts (keine fixen Buttonbreiten, responsive Tooltips) vermeiden spätere Nacharbeit.
Muss jede Sprache denselben Tone of Voice haben? Den gleichen Kern-Charakter ja, aber die sprachliche Umsetzung muss sprachspezifisch sein. Ein Tone-of-Voice-Leitfaden wird daher für jede Zielsprache adaptiert.
Verwandte Einträge
- UX Writing: Schreiben für Interfaces
- Tone of Voice in digitalen Produkten
- Plain Language: Verständlich schreiben
- Tools für UX Writer
- Content Audit: Bestandsaufnahme von Texten
Weiterführend
- Esselink, Bert (2000): A Practical Guide to Localization. John Benjamins Publishing.
- Localisation Industry Standards Association (LISA): Glossary. (Archiv).
- Lokalise Blog: „UX Writing for Localization Best Practices". lokalise.com (Stand: 2024).
- Nielsen Norman Group: „Designing for Localization". www.nngroup.com (Stand: 2023).
- W3C Internationalization: „Internationalization Best Practices". w3.org/International (Stand: 2024).
