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Kündigung eines Kreativvertrags ist die einseitige Beendigung des Vertragsverhältnisses – mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Vergütungsfolgen je nach Vertragstyp und Kündigungsgrund.

Rubrik: Recht & Wirtschaft · Unterrubrik: Vertragsrecht · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Vertragsbeendigung, Auflösung, Termination, freie Kündigung


Was sind die Wege zur Vertragsauflösung?

Kreativverträge können auf verschiedene Weisen enden:

  1. Erfüllung: Das Werk wird geliefert und abgenommen – der normale Abschluss
  2. Ordentliche Kündigung: Kündigung mit Frist bei Dauerschuldverhältnissen
  3. Außerordentliche Kündigung: Fristlose Kündigung aus wichtigem Grund
  4. Freie Kündigung (nur beim Werkvertrag, § 648 BGB)
  5. Aufhebungsvertrag: Einvernehmliche Beendigung
  6. Rücktritt: Bei wesentlichen Mängeln oder Leistungsverweigerung

Erklärung

Die freie Kündigung beim Werkvertrag (§ 648 BGB)

Das wichtigste Sonderrecht im Werkvertragsrecht: Der Besteller (Auftraggeber) kann den Werkvertrag jederzeit und ohne Angabe von Gründen kündigen. Das Gegenstück: Er schuldet die vereinbarte Vergütung!

Vergütungsanspruch nach freier Kündigung: Der Auftragnehmer behält den gesamten Vergütungsanspruch abzüglich:

  • Ersparter Aufwendungen (z.B. Materialkosten, die nicht mehr anfallen)
  • Anderweitig erzielter oder böswillig unterlassener Einnahmen

Gesetzliche Vermutung: § 648 Satz 3 BGB vermutet, dass dem Auftragnehmer 5% der auf den noch nicht erbrachten Teil entfallenden Vergütung zusteht – wenn nicht konkret abgerechnet wird. In der Praxis sollte immer eine konkrete Abrechnung erfolgen.

Praxisbeispiel: Agentur A hat für ein Projekt 10.000 € vereinbart, davon sind 40% erledigt. Auftraggeber kündigt frei. A hat 40% abgerechnet (4.000 €) und kann die restlichen 6.000 € verlangen – abzüglich nicht mehr anfallender Kosten (Drittanbieter, Material). Wenn A das Restbudget anderweitig nutzen kann: Abzug dieses Ertrags.

Ordentliche Kündigung beim Dienstvertrag

Beim Dienstvertrag vs. Werkvertrag: Unterschied (z.B. Retainer, laufende Agenturbetreuung) gilt das ordentliche Kündigungsrecht nach § 621 BGB:

  • Bei Vergütung nach Tagen: täglich kündbar
  • Bei Wochenvergütung: spätestens am ersten Werktag der Woche zum Ende der nächsten Woche
  • Bei Monatsvergütung: spätestens am 15. eines Monats zum Ende des Monats

Diese gesetzlichen Fristen sind sehr kurz und für Kreative ungünstig. Empfehlung: Im Agenturvertrag und Rahmenvertrag immer längere Kündigungsfristen (3–6 Monate zum Quartalsende) vereinbaren.

Außerordentliche (fristlose) Kündigung

Eine fristlose Kündigung ist bei einem wichtigen Grund möglich, der die Fortsetzung des Vertrags unzumutbar macht (§ 626 BGB analog, § 314 BGB für Dauerschuldverhältnisse).

Wichtige Gründe für den Auftraggeber:

  • Erhebliche und nachhaltige Schlechtleistung
  • Verweigerung der Nacherfüllung
  • Insolvenz des Auftragnehmers

Wichtige Gründe für den Auftragnehmer:

  • Zahlungsverzug des Auftraggebers trotz Mahnung
  • Grobe Vertragsverletzung (z.B. Weitergabe vertraulicher Daten)
  • Unhaltbare Arbeitsbedingungen (z.B. unmögliche Fristen, Bedrohung)
  • Insolvenz des Auftraggebers

Frist: Die außerordentliche Kündigung muss unverzüglich nach Kenntnis des Kündigungsgrunds erklärt werden (§ 626 Abs. 2 BGB: innerhalb von 2 Wochen).

Kündigung und Teilvergütung bei Langzeitprojekten

Bei laufenden Projekten, die noch nicht abgeschlossen sind, entsteht die Frage: Was ist mit dem bisher geleisteten Aufwand?

Nach freier Kündigung (§ 648 BGB): Volle Vergütung abzüglich Ersparnisse (s.o.)

Nach außerordentlicher Kündigung durch den Auftraggeber: Vergütung nur für tatsächlich erbrachte, mangelfreie Leistungen. Kein Anspruch auf die Restevergütung.

Nach außerordentlicher Kündigung durch den Auftragnehmer (aus wichtigem Grund): Vergütung für erbrachte Leistungen + ggf. Schadensersatz.

Aufhebungsvertrag

Der einvernehmliche Weg: Beide Parteien vereinbaren die Beendigung des Vertrags – mit individuellen Regelungen zu:

  • Noch offene Vergütungsfragen
  • Herausgabe von Unterlagen und Dateien
  • Geheimhaltungsverpflichtungen
  • Referenzrecht
  • Wettbewerbsverbote

Ein Aufhebungsvertrag vermeidet Streit und schafft Klarheit. Formempfehlung: schriftlich.

Rücktritt vom Vertrag

Vom Rücktritt zu unterscheiden: Der Rücktritt setzt einen Vertragsverstoß voraus (z.B. wesentliche Mängel nach gescheiterter Nacherfüllung, Verzug) und führt zur Rückabwicklung. Das Geleistete ist zurückzugeben, Wertersatz kann geschuldet sein.

Der Rücktritt ist bei der freien Kündigung oder bei einvernehmlicher Beendigung nicht die richtige Rechtsfigur – er kommt erst in Betracht, wenn eine Partei ihre Pflichten nicht erfüllt.

Kündigung bei Teil- und Einzelaufträgen im Rahmenvertrag

Bei einem Agenturvertrag und Rahmenvertrag mit Einzelaufträgen gilt: Die Kündigung des Rahmenvertrags beendet die Grundlage für neue Einzelaufträge. Laufende Einzelaufträge müssen separat abgewickelt werden.

Beispiele

Beispiel 1 – Freie Kündigung nach halbem Projekt: Designer D hat 3.500 € vereinbart, 50% erbracht. Auftraggeber kündigt aus persönlichen Gründen. D kann 3.500 € verlangen, muss aber ersparte Kosten abziehen: Kein Druckkosten mehr nötig (-300 €), Restkapazität kann D anderweitig nutzen (geschätzter Alternativauftrag -500 €) → D erhält ca. 2.700 €.

Beispiel 2 – Fristlose Kündigung wegen Zahlungsverzug: Fotograf F hat seit 3 Monaten offene Rechnungen trotz Mahnung. Er kündigt das laufende Projekt fristlos. Vergütung für erbrachte Leistungen bleibt geschuldet; weitere Mitarbeit verweigert.

Beispiel 3 – Aufhebungsvertrag: Agentur A und Auftraggeber K stellen fest, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Einvernehmliche Einigung: laufender Monat wird vergütet, alle Dateien werden übergeben, kein Referenzrecht, keine gegenseitigen Ansprüche.

In der Praxis

Kündigung immer schriftlich

Mündliche Kündigungen sind rechtlich möglich, aber schwer nachweisbar. Schriftliche Kündigung per E-Mail mit Lesebestätigung oder per Einschreiben ist empfehlenswert.

Fristen im Kalender sichern

Bei Rahmenverträgen mit Verlängerungsklauseln: Kündigungsfristen im Kalender eintragen. Ein verpasstes Kündigungsdatum bedeutet oft eine automatische Vertragsverlängerung um 1 Jahr.

Verhandlungsmacht nutzen

Die freie Kündigung (§ 648 BGB) ist ein starkes Instrument des Auftraggebers – aber Kreative können im Vertrag Kündigungsgebühren oder Abzüge zugunsten des Auftragnehmers vereinbaren, um sich abzusichern.

Häufige Fragen (FAQ)

Kann ich als Kreativer jederzeit kündigen? Beim Werkvertrag: nur aus wichtigem Grund fristlos. Ansonsten: Abschluss des Werks schulden oder Aufhebungsvertrag.

Was passiert mit bereits geleisteter Anzahlung nach Kündigung? Das hängt von der Regelung im Vertrag ab. Ohne spezielle Klausel: Anzahlung auf die Vergütung anzurechnen.

Kann die freie Kündigung vertraglich ausgeschlossen werden? Nein – § 648 BGB ist nicht dispositiv. Es kann aber vereinbart werden, dass eine Vergütungspauschale (keine Abzüge) bei freier Kündigung gilt.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Palandt/Sprau: BGB, 82. Aufl. 2023, §§ 314, 621, 626, 648
  • Boesche, Katharina V.: Freelancer-Recht, Haufe Verlag, 3. Aufl. 2021, Kap. 7
  • BGH, Urt. v. 24.03.2011 – VII ZR 164/10 (zur freien Kündigung und Vergütungsberechnung)
  • Looschelders, Dirk: Schuldrecht – Besonderer Teil, 17. Aufl. 2022, §§ 36–37
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