Die Honorar-Kalkulation ist die systematische Berechnung des eigenen Honorars unter Berücksichtigung aller Kosten, Steuern, Sozialabgaben, produktiver Stunden und einer angemessenen Gewinnmarge.
Rubrik: Recht & Wirtschaft · Unterrubrik: Steuer & Wirtschaft · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Stundensatzberechnung, Preiskalkulation, Honorarermittlung
Hinweis: Dieser Eintrag ersetzt keine individuelle Steuer- oder Unternehmensberatung. Eine exakte Kalkulation ist immer betriebs- und marktindividuell.
Was ist Honorar-Kalkulation?
Honorar-Kalkulation ist der wichtigste betriebswirtschaftliche Skill für Kreative. Sie beantwortet die Frage: Was muss ich pro Stunde, pro Tag oder pro Projekt verlangen, um meine Kosten zu decken, faire Steuern zu zahlen, Rücklagen zu bilden und einen angemessenen Gewinn zu erwirtschaften?
Erklärung
Die meisten Einsteiger unterschätzen ihren notwendigen Stundensatz dramatisch. Der typische Fehler: Sie multiplizieren das angestrebte Brutto-Monatsgehalt (z.B. 3.000 €) mit zwölf, teilen durch 160 Arbeitsstunden — und kommen auf 22,50 € Stundensatz. Damit gehen sie sicher in die Insolvenz.
Richtig kalkuliert sieht so aus:
- Persönlicher Bedarf: Wie viel will ich netto vom Konto haben? (z.B. 2.500 €/Monat = 30.000 €/Jahr)
- Steuern aufschlagen: Einkommensteuer + Soli ergeben grob 25–35 % Aufschlag (bei Freiberuflern in mittlerer Einkommensklasse).
- Sozialversicherung: Kranken-, Renten-, Pflegeversicherung — je nach Status 800–1.500 €/Monat (über KSK rund 50 % weniger).
- Betriebskosten: Miete, Strom, Software, Equipment-Abschreibung, Versicherungen, Buchhaltung, Telefon, Internet, Marketing, Weiterbildung.
- Rücklagen: Steuer-Rücklage (30 % vom Gewinn), Altersvorsorge (mind. 10 %), Investitionsrücklage.
In Summe liegt der jährliche Gesamt-Bedarf für eine Vollzeit-Solo-Selbstständige in der Kreativbranche realistisch bei 55.000–80.000 € Umsatz pro Jahr, um auf 2.500 € netto monatlich zu kommen.
Produktive Stunden: Ein Freelancer hat im Jahr ca. 1.700 verfügbare Arbeitsstunden — aber davon sind nur 40–60 % fakturierbar. Der Rest geht für Akquise, Buchhaltung, Weiterbildung, eigene Marketingaktivitäten, Pausen, Krankheit drauf. Realistisch sind 800–1.000 fakturierbare Stunden pro Jahr.
Daraus folgt der Stundensatz: 70.000 € Bedarf / 900 fakturierbare Stunden = 78 € netto pro Stunde. Mit Umsatzsteuer (19 %) sind das 93 € brutto. Das ist ein typischer Profi-Stundensatz für mittelqualifizierte Kreative in Deutschland. Junior-Sätze starten bei 45–60 €, Senior- und Spezialisten-Sätze bei 120–200 €.
Beispiele
- Junior-Grafikdesigner: 30.000 € Bedarf / 1.000 fakturierbare Stunden = 50 €/h netto, 60 €/h brutto.
- Mid-Level-Fotograf: 65.000 € Bedarf / 900 Stunden = 72 €/h netto, ca. 580 € Tagessatz.
- Senior-Filmemacher: 110.000 € Bedarf / 800 Stunden = 138 €/h netto, ca. 1.100 € Tagessatz.
- Animation-Studio (Solo): 90.000 € Bedarf, viele Projekttage mit hoher Software-Auslastung — Tagessatz 800 €, Stundensatz 100 €.
- Illustratorin im KSK: Durch KSK halbierte Sozialabgaben — Bedarf 45.000 €, fakturierbar 900 h, Stundensatz 50 €.
In der Praxis
Tools wie Krautreporter-Honorarrechner, Mein-Stundensatz.de oder die AGD-Kalkulationshilfe helfen beim ersten Aufschlag. Der AGD-Vergütungstarifvertrag Design liefert Branchen-Referenzwerte. Wichtig: Nicht in Stunden, sondern in Werten verkaufen. Ein Pitch für ein Markenredesign kostet 12.000 €, nicht "150 Stunden à 80 €". Trotzdem brauchst du den Stundensatz intern, um zu wissen, ob das Projekt rentabel ist. Festpreis gibt Kunden Sicherheit, Stundensatz schützt dich bei unklarem Umfang. Bei jedem Angebot eine Untergrenze und eine Wunsch-Marge definieren. Und: regelmäßig (alle 1–2 Jahre) den Satz nach oben anpassen.
Vergleich & Abgrenzung
| Merkmal | Stundensatz | Tagessatz | Festpreis |
|---|---|---|---|
| Risiko Kunde | hoch (offen) | mittel | niedrig |
| Risiko Anbieter | niedrig | mittel | hoch |
| Üblich bei | Beratung, Service | Produktion, Workshop | Werkleistung |
| Verhandlungs-Basis | transparent | strukturiert | wertorientiert |
Abgrenzung zur Preisgestaltung Design: Honorar-Kalkulation berechnet, was du brauchst. Preisgestaltung definiert, was du am Markt verlangen kannst. Beides muss zusammenpassen, sonst arbeitest du unrentabel oder gar nicht.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist ein realistischer Stundensatz für Berufseinsteiger? In Deutschland kalkulieren Junior-Kreative (1–3 Jahre Erfahrung) meist 45–65 € netto pro Stunde. Wer unter 40 € geht, kann auf Dauer nicht von der Arbeit leben — das deckt nicht die realen Kosten und Sozialabgaben.
Wie viele Stunden im Jahr sind fakturierbar? Realistisch 800–1.000 von 1.700 verfügbaren Jahresstunden — das sind 40–60 %. Akquise, Buchhaltung, Weiterbildung, eigene Projekte und unproduktive Phasen reduzieren die fakturierbare Zeit deutlich gegenüber der theoretischen Vollzeit.
Warum ist Festpreis oft besser als Stundensatz? Festpreis erlaubt wertorientierte Bezahlung — du verkaufst das Ergebnis, nicht die Zeit. Ein effizientes Logo in 6 Stunden für 3.000 € ergibt 500 €/h. Bei Stundensatz wärst du auf 80 €/h gedeckelt. Wichtig: Klare Leistungsdefinition und Change-Request-Klausel im Vertrag.
Wie ziehe ich Honorarerhöhungen durch? Schrittweise und gut begründet: Marktveränderung, neue Skills, höhere Qualität, Inflation. Bei Bestandskunden idealerweise mit Vorankündigung (z.B. "ab 01.01. neue Tarife"). Neue Kunden bekommen direkt den neuen Satz.
Weiterführend
- AGD — Allianz deutscher Designer (laufend): Vergütungstarifvertrag Design (VTV). agd.de
- BFF — Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter (laufend): Honorarempfehlungen
- Krautreporter (2023): Honorarrechner für Freelancer
- Stiftung Warentest (2024): Freiberufler — Wie Sie Ihre Preise richtig kalkulieren
- Mediafon — Beratungsstelle ver.di (laufend): Honorarempfehlungen für Solo-Selbstständige in den Medien
