Ein Kompressor ist ein Dynamikprozessor, der Audiosignale oberhalb eines einstellbaren Schwellenwerts automatisch in der Lautstärke reduziert, um den Dynamikumfang zu kontrollieren und den Mix kohärenter, druckvoller oder lauter klingen zu lassen.
Rubrik: Audio & Podcast · Unterrubrik: Mixing & Mastering · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Kompressor, Compressor, Dynamikprozessor, VCA-Kompressor, Optical Compressor
Was ist ein Kompressor?
Kompression ist nach dem EQ das zweithäufigste Werkzeug im professionellen Audio-Workflow. Ein Kompressor „kontrolliert" die lautesten Momente eines Signals und macht damit die leiseren Stellen relativ lauter – der Gesamtklang wird verdichteter, konsistenter und oft druckvoller. Ohne Kompression klingt ein Mix häufig unkontrolliert: Gesangsspitzen ragen heraus, Drums fehlt der Punch, Bässe wandern in der Lautstärke.
Erklärung
Das Grundprinzip ist einfach: Überschreitet ein Signal einen einstellbaren Schwellenwert (Threshold), dämpft der Kompressor es um ein definiertes Verhältnis (Ratio). Wie schnell er reagiert, bestimmt die Attack-Zeit; wie lange er das Signal nach dem Unterschreiten des Schwellenwerts noch hält, die Release-Zeit.
Die fünf Hauptparameter (ausführlich im Eintrag Kompressor-Parameter):
- Threshold: Pegel, ab dem Kompression einsetzt (z.B. –18 dBFS)
- Ratio: Kompressionsverhältnis (z.B. 4:1 = 4 dB über Threshold werden zu 1 dB)
- Attack: Wie schnell reagiert der Kompressor (1–100 ms)
- Release: Wie schnell lässt die Kompression nach (50–500 ms)
- Makeup Gain: Ausgleich des durch Kompression entstandenen Lautstärkeverlusts
Kompressortypen nach Schaltkreis:
- VCA (Voltage Controlled Amplifier): Schnell, präzise, vielseitig. Klassiker: SSL G-Bus, DBX 160, API 2500. Klingt oft „modern" und tight.
- Opto (Optical): Reagiert auf Lichtintensität, daher sanft und musikalisch. Klassiker: LA-2A, LA-3A. Ideal für Gesang und Bass.
- FET (Field Effect Transistor): Sehr schnell, aggressiv, charakterstark. Klassiker: Urei 1176. Standard für Drums und Percussion.
- Variable Mu (Röhre): Sehr langsam, warm, nicht-linear. Klassiker: Fairchild 670, Manley Vari-Mu. Ideal für Bus-Kompression.
Gain Reduction zeigt an, wie viel dB der Kompressor aktuell dämpft. Als Faustregel im Mixing: 3–6 dB Gain Reduction für sichtbare Wirkung ohne übermäßige Klangveränderung. Im Mastering reichen oft 1–3 dB.
Der Knee-Parameter bestimmt, wie abrupt die Kompression einsetzt (Hard Knee) oder ob sie weich überleitet (Soft Knee). Soft Knee klingt transparenter und eignet sich für transparente Bearbeitung; Hard Knee klingt direkter, typisch für Drums.
Beispiele
- Podcast / Sprachaufnahme: Ratio 3:1–4:1, Threshold so, dass 4–6 dB Gain Reduction bei normaler Sprechlautstärke entstehen; mittlerer Attack (10–20 ms), um Transienten des Konsonanten durchzulassen; Release 100–150 ms, automatisch oder am Atemrhythmus orientiert.
- Gesang im Mix: Opto-Emulation (UAD LA-2A oder Plugin Alliance Manny Marroquin Signature) für warme, musikalische Kompression; Ratio 3:1; moderater Attack, schnelleres Release.
- Drum-Overhead: FET-Kompressor (1176-Emulation) mit schnellem Attack, mittlerem Release und Ratio 4:1 für aggressives Pumpen; bewusstes Einsatz als Stilmittel.
- Bus-Kompression (Stereo Mix): VCA (SSL G-Bus-Emulation) mit 2:1 bis 4:1, langsamem Attack (30 ms), automatischem Release, 2–3 dB Gain Reduction – gibt dem Mix Zusammenhalt.
- Plugin-Empfehlung: Waves CLA-2A und CLA-76 für Opto-/FET-Klang; Universal Audio 1176 und LA-2A via UAD; FabFilter Pro-C 2 für transparentes, präzises digitales Komprimieren.
In der Praxis
Logic Pro X: Vintage VCA, Vintage Opto und Vintage FET (alle kostenlos) emulieren die Klassiker überzeugend. Ableton Live: Compressor und Glue Compressor (SSL-inspiriert) sind die Standards. Pro Tools: Avid Dynamics III; für High-End den Waves SSL G-Master Buss Compressor. Reaper: ReaComp für präzises digitales Komprimieren. Empfehlung für Einsteiger: Mit dem Glue Compressor oder CLA-2A beginnen – beide klingen schnell gut. Lautstärke vor und nach Kompression angleichen (Makeup Gain), um objektiv zu beurteilen.
Vergleich & Abgrenzung
Ein Kompressor reduziert laute Stellen. Ein Expander macht leise Stellen leiser. Ein Limiter ist ein Kompressor mit sehr hoher Ratio (∞:1 oder 10:1+) und verhindert Übersteuerung. Ein Gate schneidet das Signal ab einem Schwellenwert vollständig ab. Ein Multiband-Kompressor komprimiert verschiedene Frequenzbereiche unabhängig voneinander.
Häufige Fragen (FAQ)
Wann sollte ich vor dem EQ komprimieren, wann danach? Beide Reihenfolgen sind gültig. EQ vor Kompressor (häufiger) bedeutet: Das gefärbte Signal wird komprimiert – Resonanzen können den Kompressor triggern. Kompressor vor EQ bedeutet: Dynamik wird zuerst kontrolliert, dann Klangfarbe bearbeitet. Viele Profis setzen beide Reihenfolgen ein: einen ersten Kompressor für Kontrolle, dann EQ, dann einen zweiten Kompressor für Charakter.
Warum pumpt mein Mix, obwohl ich das nicht will? Pumpen entsteht, wenn Release-Zeit zu kurz ist und der Kompressor hörbar ein- und ausschwingt. Lösung: Release verlängern oder auf „Auto Release" stellen. Zu schnelles Attack kann Transienten abschneiden und den Mix leblos machen – Attack leicht verlängern, um Attacks von Drums und Zischlaute durchzulassen.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Katz, Bob (2015): Mastering Audio. The Art and the Science. 3. Aufl. Focal Press.
- Owsinski, Bobby (2017): The Mixing Engineer's Handbook. 4. Aufl. Hal Leonard.
- Izhaki, Roey (2012): Mixing Audio. Concepts, Practices and Tools. 2. Aufl. Focal Press.
- Online: Tape Op Magazine – „Compression Demystified" (www.tapeop.com)
